Von der Leyen zu Bundeswehrskandal "Die Vorgänge in Pfullendorf sind abstoßend und widerwärtig"

Die Gewaltrituale an einer Kaserne in Baden-Württemberg schockieren die Bundeswehr. Verteidigungsministerin von der Leyen hat angekündigt, den Skandal "mit aller Härte" aufzuklären.

Eingang der Staufer-Kaserne in Pfullendorf
DPA

Eingang der Staufer-Kaserne in Pfullendorf


Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat die Misshandlungen in einer Ausbildungskaserne der Bundeswehr in Baden-Württemberg scharf verurteilt. "Die Vorgänge in Pfullendorf sind abstoßend, und sie sind widerwärtig", sagte die CDU-Politikerin am Rande einer Parteiveranstaltung in Hessen. Die Ministerin kündigte an, die Vorfälle "mit aller Härte" aufzuklären.

Der SPIEGEL hatte am Freitag enthüllt, dass bei der Ausbildung von Sanitätern, im Militärjargon "Combat First Responder" genannt, offenbar sexuell-sadistische Praktiken an der Tagesordnung waren. Zudem förderten die Recherchen abstoßende Gewaltrituale unter Wachsoldaten in der Staufer-Kaserne zutage. Für sieben Mannschaftssoldaten wurde die sofortige Entlassung beantragt. Die Bundeswehr hat die Staatsanwaltschaft Hechingen eingeschaltet.

Von der Leyen kündigte an, dass weitere Konsequenzen gezogen würden. Die Vorgänge seien vor allem für die Soldaten "beschämend", die respektvoll mit ihren Kameraden umgingen.

Hinweise auf Mobbing

Die Ermittlungen kamen durch die Aussagen einer Soldatin ins Rollen, die sich an den Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels (SPD) und Verteidigungsministerin von der Leyen wandte. Sie berichtete, dass sich Rekruten bei der Ausbildung vor den Kameraden nackt ausziehen mussten und dabei gefilmt wurden. Zudem mussten die Rekruten der Zeugin zufolge medizinisch unsinnige, erniedrigende und offenbar sexuell motivierte Übungen absolvieren.

Das Heer hat bestätigt, dass es in der Staufer-Kaserne "zu einer Häufung ernst zu nehmender Vorfälle" kam. Es habe Verstöße gegen das "Gebot zur Achtung der Würde des Menschen, der sexuellen Selbstbestimmung und des Schamgefühls" gegeben. Es gebe zudem Hinweise auf Mobbing.

Generalinspekteur Volker Wieker, der ranghöchste Soldat der Bundeswehr, wird nach Angaben des Verteidigungsministeriums "in den nächsten Tagen" in die Pfullendorfer Kaserne fahren, um sich die Vorgänge schildern zu lassen.

syd/AFP/dpa



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Hänschen Klein 28.01.2017
1. Militär, was will man mehr ...
Wo es ausgeprägte Hierarchien gibt, ist der Machtmissbrauch vorprogrammiert. Solche Vorkommnisse sind im Militär an der Tagesordnung, nicht nur in Deutschland, in Portugal wurden letztes Jahr ein paar junge Soldaten bei 40° von Vorgesetzten in den Tod schikaniert. Deshalb bin ich heilfroh, als junger Mann dem Wehrdienst damals entkommen zu sein. Ich kann das Militär nicht leiden, eine unnütze, überholte Kaste. Genauso wie die Kirche zieht es gewisse Leute an, von denen ich nichts halte.
heineken1 28.01.2017
2.
Glaubt wirklich jemand, daß man »Spezialkräfte« nur mit Grundgesetz, Händchen-Halten und »... wir haben uns alle lieb« ausbilden kann? Insofern kann man die (mediale) Empörung für ein wenig verlogen halten.
Barath 28.01.2017
3. ...
Zitat von Hänschen KleinWo es ausgeprägte Hierarchien gibt, ist der Machtmissbrauch vorprogrammiert. Solche Vorkommnisse sind im Militär an der Tagesordnung, nicht nur in Deutschland, in Portugal wurden letztes Jahr ein paar junge Soldaten bei 40° von Vorgesetzten in den Tod schikaniert. Deshalb bin ich heilfroh, als junger Mann dem Wehrdienst damals entkommen zu sein. Ich kann das Militär nicht leiden, eine unnütze, überholte Kaste. Genauso wie die Kirche zieht es gewisse Leute an, von denen ich nichts halte.
Und genau deswegen macht eine Wehrpflicht ja Sinn (solange man meint noch ein Militär zu brauchen)! Damit eben nicht übermäßig viele Menschen, die sich von sowas angezogen fühlen, beim Militär sind, sondern auch "Durchschnittes-Bürger". Schon damals, als es die noch gab, war das Militär doch nur deswegen eher "rechts", weil alle "Linken" verweigert haben. In meinen Augen ein Fehler, weshalb ich als linker "nicht-Pazifist" auch meinen Wehrdienst geleistet habe. Übrigens: Damals hat uns unser Spieß noch sehr viel vom "Staatsbürger in Uniform" erzählt. Dieser lobenswerte Blick auf den Soldaten ist das genaue Gegenteil von dem Bild, was gestern einige Mitforisten hier zu dem Thema zu verbreiten suchten: "Soldaten brauchen nunmal andere Regeln als verweichlichte Zivilisten". Um genau solche Subkulturen (Keimzellen des Faschismus) zu vermeiden ist die Wehrpflicht als uralte demokratische Forderung (im Gegensatz zu den gewissenlosen Söldnerheeren des Adels) nach dem 2ten Weltkrieg überhaupt erst eingeführt worden. Mag sein, dass Soldaten wirklich ein paar eigene Rituale und besondere soziale/ethische Bezugsgrößen brauchen, aber da fallen mir dann eher Ideale wie Ritterlichkeit, Bushido oder Offizier&Gentleman ein, und nicht die erniedrigenden Doktorspielchen auf die da scheinbar ein paar Degenerierte standen.
Barath 28.01.2017
4. ...
Zitat von heineken1Glaubt wirklich jemand, daß man »Spezialkräfte« nur mit Grundgesetz, Händchen-Halten und »... wir haben uns alle lieb« ausbilden kann? Insofern kann man die (mediale) Empörung für ein wenig verlogen halten.
Wenn ein Militär es erfordert, dass man Menschen zu derart untugendhaftem und degeneriertem Verhalten ermuntert und dieses duldet, dann kann sich eine Demokratie wahrlich kein Militär leisten. Der demokratische rechtssstaat darf keine blinden Flecken haben. Schon gar nicht bei den Instrumenten, die potentiell gegen das Volk eingesetzt werden können (Polizei, Nachrichtendienst, Militär). Das Risiko wäre zu hoch. In meiner Wehrzeit gab es aber noch das Ideal des "Staatsbürgers in Uniform". Ich glaube, dass man sehr wohl gleichzeitig Soldat und zivilisierter Staatsbürger eines demokratischen Rechtsstaates sein kann. Ich hatte jedenfalls genug Kameraden die das konnten (und ja, auch die anderen kannte ich... aber die waren damals jedenfalls noch die Ausnahme, nicht die Regel). Und das "Doktorspielchen" aus den Menschen effizientere Soldaten machen wage ich auch zu bezweifeln.
tino.z 28.01.2017
5. Das ist
bei Söldnerarmeen nicht zu vermeiden und gehört dazu. Die Verrohung durch den Krieg findet natürlich statt. Es gibt interessante Literatur dazu von bekannten Psychoanalytikern. Es ist noch nicht lange her, da gabs den Skandal bei den Franzosen in Afrika mit Sex an sehr Minderjährigen Einheimischen. Es konnte von der Politik jedoch noch gut unter den Teppich gekehrt werden und einiges vertuscht, bevor Schlimmeres an die Öffentlichkeit geriet. Man bot den armen Eltern über ihre Rechtsanwälte genug an, damit die dann nicht in Frankreich klagen. Das wär sonst ein echter Skandal geworden.
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