Verteidigungsministerin von der Leyen "Wir wollen die besten Männer und Frauen"

Das Image der Bundeswehr ist mies, der Soldatenjob gilt als schlecht bezahlt, gefährlich und als nahezu unvereinbar mit einem Familienleben. Das will Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen jetzt ändern.

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Verteidigungsministerin von der Leyen: Im Grundbetrieb wollen sie Verlässlichkeit
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Verteidigungsministerin von der Leyen: Im Grundbetrieb wollen sie Verlässlichkeit


Berlin - Die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) drückt aufs Tempo. Ihr Ziel: Die Bundeswehr muss einer der "attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands" werden. Nur wenn die Truppe bessere Bedingungen als jetzt biete, könne sie am Arbeitsmarkt noch genügend Soldaten für schwierige internationale Einsätze wie in Afghanistan werben, meint die frühere Arbeitsministerin.

Nun hat die Ministerin ein erstes Konzept für ihre Offensive vorgelegt und verspricht für die kommenden Jahre eine bessere Ausstattung der Kasernen, mehr Familienbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und eine besser planbare Karriere (Die Pläne im Detail finden Sie hier). Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über die Modernisierung der Armee.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, kommende Woche wollten Sie ihre Initiative zum "attraktiven Arbeitgeber Bundeswehr" vorstellen - jetzt sind Details vorab öffentlich geworden. Mal eine grundsätzliche Frage: Warum müssen es Soldaten eigentlich gemütlich haben?

Von der Leyen: Es ist keine Frage der Gemütlichkeit, sondern der Wertschätzung. Wir verlangen viel von unseren Soldatinnen und Soldaten, mehr als andere Arbeitgeber. Also müssen wir ihnen auch mehr bieten. Nur so kommen auch verantwortungsbewusste und vielseitige Menschen zur Freiwilligenarmee Bundeswehr. Wir wollen die besten Männer und Frauen, die ein Jahrgang zu bieten hat. Nur unter optimalen Arbeitsbedingungen können sie das leisten, was wir von ihnen erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Braucht man dazu Flachbildschirme in jeder Stube?

Von der Leyen: Das ist eine Frage der Modernität. W-LAN, ein Kühlschrank oder ein Fernseher sind doch heute normaler Standard im Leben. Bisher war allgemeine Internetnutzung aber zum Beispiel für Soldaten auf hoher See nicht möglich. Uns geht es auch darum, fehlende Selbstverständlichkeiten bei der Bundeswehr auszugleichen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Bundeswehr momentan so unattraktiv für junge Menschen?

Von der Leyen: Das ist sie nicht. Aber heute wollen qualifizierte junge Menschen mehr gute Gründe dafür hören, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden sollen. Die Bundeswehr ist hochmodern bei der Ausrüstung. Da investieren wir Milliarden, das ist auch notwendig. Aber dann müssen wir wenigstens Millionen in die Menschen investieren können, die diese Technik besonnen einsetzen sollen. Das ist in der Vergangenheit zu kurz gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Einige kritisieren, dass die Truppe vor allem bessere Waffen braucht, damit sich die Soldaten wohler fühlen. Wäre eine bessere Ausrüstung nicht die familienfreundlichste aller Maßnahmen?

Von der Leyen: Das eine schließt das andere nicht aus. Aber hinter der Technik sind Menschen, die diese einsetzen. Deutschland diskutiert den Umgang mit Drohnen; die Bundeswehr ist in vielen komplexen Auslandseinsätzen tätig, in Afghanistan, Mali oder am Horn von Afrika. Im Rahmen der Nato diskutieren wir zudem den Umgang mit dem Völkerrechtsbruch Russlands und der Aggression Putins. Das sind Fragen, die mit Weitsicht behandelt werden müssen. Deshalb kommt zuerst die Investition in den Menschen, der dann in einer komplexen militärischen Lage mit moderner Technik verantwortungsvoll umgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es einfacher, bei Attraktivität schnell voranzugehen, als bei der Frage der Ausrüstung?

Von der Leyen: Beide Fragen laufen parallel. Bei der Ausrüstung schlagen wir ein neues Kapitel auf durch Transparenz und Risikobewertung. Aber beide Fragen sind gleich wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie mehr Frauen für die Truppe begeistern?

Von der Leyen: In allen Maßnahmen können sich Frauen genau wie Männer wiederfinden. Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Dienst spricht Männer und Frauen an, genau wie das Thema Modernität und Flexibilität. Trotzdem: Im US-Militär sind 14 Prozent Frauen vertreten, in Frankreich 20 Prozent - in der Bundeswehr sind es nur zehn Prozent. Wir müssen breiter darstellen, dass hinter der Bundeswehr im Einsatz auch eine Reederei, eine Airline, ein Klinikverbund, ein Sicherheitsdienstleister und ein Logistikkonzern vom Feinsten stehen. Diese Möglichkeiten auch Frauen zu vermitteln, da müssen wir besser werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das Modell Teilzeit bei einer Armee funktionieren, die in vielen Ländern im Einsatz ist?

Von der Leyen: Die Einsätze im Ausland sind außergewöhnliche Belastungen. Das akzeptieren Soldatinnen und Soldaten. Aber im Grundbetrieb in Deutschland wollen sie Verlässlichkeit. Wir aasen mit Arbeitszeit. Wir verlangen Präsenz, obwohl zeitweise gar nicht so viel zu tun ist. Und es fehlt an Flexibilität, wenn die Soldaten neben ihrem Dienst die Verantwortung für Kinder wahrnehmen oder sich in der Gesellschaft engagieren wollen. Wenn wir Entgegenkommen im Auslandseinsatz verlangen, müssen wir ihnen genau das im Inland bieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Prinzipien von Unternehmen überhaupt auf die Bundeswehr anwenden?

Von der Leyen: Wir können fast alle Prinzipien moderner Unternehmen auch auf die Bundeswehr anwenden. Das beginnt bei guter Führung und Wertschätzung. Schon die erste Visitenkarte, der Online-Zugang für Bewerbungen, muss stimmen. Auch Arbeitszeitkonten und mobiles Arbeiten gehören zum Repertoire im internationalen Wettbewerb. Aber Vorreiter sein betrifft ebenso betriebliches Gesundheitsmanagement und Weiterbildung. Wir haben 55 Master- und Bachelor-Studiengänge und 56 Ausbildungsberufe. Bei der Bundeswehr ist Fortbildung Alltag. Aber das müssen wir so zertifizieren, dass diese Fähigkeiten später in der freien Wirtschaft anerkannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was soll das alles kosten?

Von der Leyen: Die Maßnahmen, die jetzt auf dem Tisch liegen, kosten in den kommenden fünf Jahren gut hundert Millionen Euro. Das können wir aus dem eigenen Haushalt hinbekommen. Im Herbst wird ein Gesetzentwurf zu weiteren Themen folgen. Viele davon stehen auch im Koalitionsvertrag.

SPIEGEL ONLINE: Braucht man einen steigenden Verteidigungshaushalt?

Von der Leyen: Für die jetzt vorgestellten Maßnahmen nehmen wir einen hohen Millionenbetrag in die Hand, aber das können wir im eigenen Haushalt erwirtschaften. Im Vergleich zu den Milliarden, die der Verteidigungshaushalt umfasst und die Rüstungsprojekte kosten, ist das zu bewältigen. Es sind Investitionen, die uns mehrfach nützen. Denn was bringt das beste Gerät, wenn uns die Menschen fehlen, die es bedienen können.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie im Herbst den zweiten Teil der Initiative vorstellen, könnte es Konflikte mit dem Innenministerium geben, es soll keine Sonderfälle geben. Wie wollen Sie das Problem lösen?

Von der Leyen: Die Bundeswehr liegt im Vergleich hinter aktuellen Standards. In der öffentlichen Verwaltung müssen wir gerade deshalb attraktiver sein. Mit dem Innenministerium sind wir darüber im Gespräch. Wir konkurrieren mit der gesamten Wirtschaft. Es gibt viele gute Argumente, hier zu investieren. Deswegen machen wir das jetzt auch.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
jonas4711 30.05.2014
1. arbeitszeitkonten?
wie stellt sse sich das vor? in Afghanistan 2 tage für nichts und wieder nichts den ar... hingehalten und die heilen Knochen riskiert, gibt 3 tage frei, oder was?
killi 30.05.2014
2. Die Bevölkerung ist der Schlüssel
Hat die Armee in der Bevölkerung einen guten Rückhalt, kommen auch mehr Freiwillige. Machen die Soldaten im Dienst sinnvolles und müssen nicht irgendwie die Zeit totschlagen - es würden mehr Freiwillige kommen. Wieviele Deutsche kennen die Bedeutung der gelben Schleife? Wieiviele Deutsche nehmen wahr, das ihre eigenen Landsleute ihr Leben in Afgahnistan riskieren? Und vorallem, wieviele Deutsche wissen überhaupt WESHALB sie es machen? Bei solchen Dingen muss begonnen werden, nicht beim austauschen der Röhrenfernseher zu Flachbildschirmen... Weshalb jemand das Militär vertritt und verwaltet, die selbst nie gedient hat, ist mir auch unverständlich. Dasselbe wie wen ein Politiker den Krieg ausruft, selbst aber keine Ahnung hat, wie es sich anfühlt, unter Dauerbeschuss zu liegen und den eigenen Kameraden verbluten zu sehen.
Iggy Rock 30.05.2014
3.
Gestern gab's noch Luxusapartments für BW Soldaten, heute das, in was für einer Traumwelt lebt Frau von der Leyen? Die "Besten" wird sie nie bekommen, die machen so einen schmutzigen Job nicht freiwillig, im Kampfeinsatz für unseren Wohlstand wären diese Leute auch denkbar ungeeignet.
DietrichSeidler 30.05.2014
4. Die Besten?
"Wir wollen die besten Männer und Frauen". Und warum sind SIE dann Verteidigungsministerin?
derbadener 30.05.2014
5. Teilzeit Militär
coole Idee und komischerweise haben immer alle Überstunden Abbau geplant wenn es ernst wird. nicht zu vergessen die Frauen die wegen der Frauenquote gekommen sind die sind dann in Mutterschutz. Fr von der Layen so wird das kaum funktionnieren.
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