Ausbildungsmission im Nordirak Bundeswehr fürchtet IS-Anschläge auf deutsche Soldaten

Im Nordirak verstärkt die Bundeswehr ihr Training für die Peschmerga; offiziell gilt die Mission als halbwegs sicher. Doch nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wappnet sich die Truppe gegen Anschläge des IS.

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      Training für die Peschmerga: Die Bundeswehr fürchtet Anschläge des "Islamischen Staates"
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Training für die Peschmerga: Die Bundeswehr fürchtet Anschläge des "Islamischen Staates"


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Berlin - Die Bundeswehr warnt wegen der Ausweitung der deutschen Ausbildungsmission im Nordirak vor terroristischen Anschlägen des "Islamischen Staates" (IS) auf deutsche Soldaten. In einem als Verschlusssache eingestuften militärischen Lagebild von Ende Februar heißt es, "bei aufwachsender Präsenz deutscher Soldaten muss von einem erhöhten Risiko terroristischer Anschlägen ausgegangen werden". Das zweiseitige Papier liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Die Lage in der Kurden-Metropole Arbil - dort haben aktuell knapp 30 Deutsche mit ihrem Training für die Peschmerga begonnen - wird in der Analyse als "angespannt" beschrieben. Bisher, gemeint ist die Zeit vor der deutlichen Verstärkung der deutschen Mission im Nordirak, habe es zwar "keine Hinweise auf eine zielgerichtete Bedrohung" der Deutschen gegeben. Da die Bundeswehr jedoch durch die Ausweitung der Mission im Nordirak sichtbarer als bisher sei, steige die Gefahr von Angriffen.

Die Gefahr durch den IS nehmen die Strategen ernst, auch wenn das Kurdengebiet als halbwegs stabil gilt. Es sei erkennbar, dass der IS versucht, die Kurden-Region rund um Arbil "zu penetrieren". Die Milizen der Radikalislamisten sind laut dem Papier auch in Arbil "in der Lage, terroristische Anschläge durchzuführen". Selbst ein Einsickern von Kämpfern in den stark gesicherten Flughafenbereich könne "nicht ausgeschlossen werden", so die Analyse.

Als Beleg für die Fähigkeiten des IS, selbst in der halbwegs von den Kurden gesicherten Metropole Arbil zuzuschlagen, gilt ein Autobombenanschlag im November 2014. Damals hatte ein Selbstmordattentäter versucht, mit seinem mit Sprengstoff präparierten Auto ein Regierungsgebäude anzugreifen. Obwohl der Wagen gestoppt werden konnte, zündete der Attentäter seine Bombe. Fünf Menschen starben, mehr als 20 wurden zum Teil schwer verletzt.

Offiziell hatte die Bundeswehr die Lage in Arbil stets als halbwegs sicher bezeichnet. Seit einem Bundestagsbeschluss von Ende Januar verstärken deutsche Soldaten ihr Training für die kurdischen Peschmerga. In einem Camp im Ortsteil Bnaslawa unterrichten 29 deutsche Infanteristen die Kurden im Umgang mit den von Deutschland gelieferten Waffen, weisen sie in Techniken zur Entdeckung von Sprengfallen ein und führen eine Basis-Schulung für die Verwundeten-Versorgung durch.

Schon zuvor waren bei Arbil eine Handvoll Bundeswehrausbilder aktiv, sie schulten die Kurden an deutschen Waffen. Bisher fielen die Deutschen im Nordirak also nicht groß auf. Mit der Ausweitung der Mission aber, so ein Insider, ist die Bundeswehr für die Kämpfer des IS stärker ins Visier gerückt. "Egal ob wir bei den Luftschlägen mitmachen oder nicht", so ein Offizier, "für den Gegner sind wir seit dem Beginn der Trainingsmission fester Teil der internationalen Anti-IS-Koalition."

In den kommenden Monaten soll die deutsche Mission zur Unterstützung des Kampfs der Kurden gegen den IS Stück für Stück ausgeweitet werden, das Mandat des Bundestags erlaubt die Entsendung von bis zu hundert Soldaten. Derzeit baut die internationale Koalition ein größeres Trainingscamp, das sogenannte Kurdistan Training Coordination Center (KTCC), nahe des Flughafens von Arbil. Dort sollen die Deutschen dann später sowohl unterrichten werden als auch ihr Lager beziehen.

Im Nordirak sind die Deutschen nur leicht bewaffnet unterwegs, den militärischen Schutz des Lagers in Bnaslawa übernehmen die Kurden. In kürzlich ausgeteilten Taschenkarten - einer Art Leitfaden für die tägliche Arbeit für Soldaten - wird allerdings darauf hingewiesen, dass sie bei Bedrohungen jeglicher Art die Schusswaffe einsetzen dürfen. Dies gelte auch bei Angriffen auf Trainer aus anderen Nationen wie in Arbil eingesetzte Italiener und Niederländer.


Zusammengefasst: Die Bundeswehr trainiert Peschmerga-Kämpfer und fürchtet, dadurch könne die Gefahr für die eigenen Soldaten steigen. In einem als Verschlusssache eingestuften militärischen Lagebild heißt es, "bei aufwachsender Präsenz deutscher Soldaten muss von einem erhöhten Risiko terroristischer Anschlägen ausgegangen werden".

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