Verteidigung Bundeswehr wirbt um Cyber-Start-ups

Ein neues Team von Techies und Start-up-Unternehmern soll dafür sorgen, dass die Bundeswehr beim Cyber-Wettrüsten mithalten kann. Doch passen die Digitalszene und die schwerfällige Truppe überhaupt zusammen?

Hauptmann Nicolas Heyer (graue Uniform), Fregattenkapitän Marcel Yon (mit dunkler Uniform) und Jan Andresen
Dominik Butzmann/ DER SPIEGEL

Hauptmann Nicolas Heyer (graue Uniform), Fregattenkapitän Marcel Yon (mit dunkler Uniform) und Jan Andresen

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Wieherndes Gelächter. Was für eine absurde Frage. Ob man als Start-up-Unternehmer Geschäfte mit dem Staat machen würde? Fünf Jahre warten, bis sich eine Behörde endlich durchgerungen hat? Nee, stöhnen die drei Männer, never ever, totale Zeitverschwendung.

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Heft 12/2017
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"Bevor ein Start-up einen Euro Umsatz mit der Öffentlichen Hand gemacht hat", sagt Marcel Yon, "schafft es woanders zehn Euro." Jan Andresen und Nicolas Heyer nicken. Fünf Jahre sind unendlich lang, wenn man in einer Welt lebt, die in Hundejahren tickt und alles siebenmal so schnell ist.

So wie ihre Welt. Yon und Andresen sind Cyber-Unternehmer. Sie gründen, bauen auf, verkaufen. Dann geht es wieder von vorne los. Andresen hat seine erste Firma für Computerspiele mit drei Freunden in der elften Klasse gegründet, seine letzte verkaufte er 2014 an den Bertelsmann-Konzern.

Bundeswehr startet "Cyber Innovation Hub"

Heyer war Hubschrauberpilot bei der Bundeswehr, arbeitete bei einem Start-up und sechs Jahre lang für Google. Gerade gründete er sein eigenes Unternehmen, doch jetzt hat er als Hauptmann der Reserve mit Yon und Andresen ausgerechnet bei einer Institution angeheuert, gegen die ein Großtanker so beweglich erscheint wie eine Springmaus. Die drei Männer bilden den Kern einer neuen Truppe, die dafür sorgen soll, dass die Streitkräfte technologisch nicht abgehängt werden.

"Cyber Innovation Hub" heißt die Einrichtung, die in diesen Tagen starten soll. Serienunternehmer Yon ist die treibende Kraft hinter der neuen Innovationsagentur der Bundeswehr. Der frühere Investmentbanker, der mit dem Verkauf seiner Firmen Millionen gemacht haben dürfte, trägt inzwischen Uniform. Als Fregattenkapitän der Reserve hat er um sich Techies, Cyber-Spezialisten und Start-Up-Unternehmer versammelt, die demnächst standesgemäß in ein Loft in der Nähe der Berliner TU ziehen werden.

Das Projekt ist erst einmal auf drei Jahre begrenzt und soll in der Endstufe auf 30 Männer und Frauen anwachsen. 12,6 Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr den Unterhalt ihres Innovationsteams kosten, weitere 15 Millionen stehen für Projekte zur Verfügung.

80 Prozent der militärischen Neuentwicklungen finden im Cyberbereich statt

Yon und seine Leute sollen das machen, wozu die Bundeswehr nicht in der Lage ist. Nach interessanten Innovationen fahnden, "Studien, Pilotprojekte, Ideenwettbewerbe etc. zur Validierung von Technologien durchführen", wie es in einem internen Ministeriumspapier heißt und selbst als "Initiator oder Auftraggeber für die (Weiter-)Entwicklung disruptiver Technologien wirken".

Es geht nicht darum, Cyber-Offensivwaffen zu entwickeln, sondern zivile Erfindungen für das Militär nutzbar zu machen. Yon nennt zwei Beispiele: Software, die Künstliche Intelligenz dazu nutzt, riesige Datenmengen nach unentdeckten Viren abzusuchen. Oder die Frage, ob sich die "Blockchain"-Technologie der manipulationssicheren Transaktionen auch militärisch nutzen lässt.

Die schwierigste Aufgabe wird sein, die Neuerungen in den Moloch Bundeswehr einzuführen. In den sechs Jahrzehnten ihres Bestehens hat sich die Truppe einen soliden Spitzenrang in der Gruppe der schwerfälligsten Institutionen gesichert. Das ging so lange gut, wie die neueste Glattrohrkanone oder Panzerung über Sieg oder Niederlage im Rüstungswettlauf entschied. Innovationszyklen wurden in Dekaden und nicht in Jahren bemessen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Bis zu 80 Prozent der militärisch relevanten Neuentwicklungen finden heute im Cyberbereich statt, schätzt man im Berliner Verteidigungsministerium. Damit muss die Bundeswehr in einer Umgebung operieren, in der sie keine Peilung hat. Die Welt der Hundejahre ist ihr fremd.

Blick in die USA und nach Israel

Digitale Innovationen haben ein extrem hohes Tempo, es geht um Monate und nicht um Jahrzehnte. Die Entwicklung findet nicht linear, sondern exponentiell statt, weil jede Innovation die Geschwindigkeit noch steigert. Schnell zu scheitern gilt nicht als Niederlage, sondern als Gewinn, bevor man sich in aussichtslosen Projekten verzettelt. Auch die Akteure verändern sich. Kleine Start-up-Unternehmen, zu denen die Bundeswehr keinen Zugang hat, werden wichtiger, die Bedeutung der großen Anbieter schrumpft.

Seit Monaten reisen Abgesandte des Ministeriums nach Washington, Kalifornien und nach Israel, um Ideen zu bekommen, wie sich das Dilemma lösen lässt. Amerikaner und Israelis pflegen schon lange den Austausch zwischen Militär und Gründerszene. Das Pentagon unterhält im Silicon Valley eine eigene Innovationsagentur, in Israel gibt es ein dichtes Geflecht von Armee, Hochschulen und Ex-Militärs mit ihren Start-ups.

Der "Cyber Innovation Hub" der Bundeswehr ist der Versuch, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen. "Ach", sagt Multi-Unternehmer Andresen, "ich habe 23 Jahre lang gehört: Das funktioniert bestimmt nicht. Dabei fängt der Spaß doch damit überhaupt erst an."

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SirTurbo 18.03.2017
1.
Eigentlich... hätte ich ja getippt daß Leute die in IT gut sind Besseres zu tun haben als ausgerechnet mit DIESEM Staat zusammenzuarbeiten. Da ist üblicherweise die Moral davor. Wenn ich dann aber von Leuten lese die Firmen am Fliessband gründen und wieder verkaufen... Dann könnte das schon passen. Dann wächst zusammen was zusammen gehört oder so:p
ironcock_mcsteele 18.03.2017
2.
DIESER Staat ist ein demokratischer und friedlicher Rechtsstaat. Moralische Hürden gibt es nur, wenn das Weltbild ohnehin eine Schieflage hat. Aber das ist dann ein persönliches Probelm. Die Verflechtung von ex-Militärs, Hochschulen und Venture Capital Firmen ist ein Grund für den Erfolg in anderen Ländern. Die Schwerfälligkeit und Inkompatibilität mit der eigenen Firmenkultur wird von vielen Industrieunternehmen und Banken so umgangen, dass bei erfolgreichen VC-Firmen ein eigener Fonds aufgelegt wird. Kapital, Sektornetzwerke und Kontakte kommen dann von den älteren Unternehmen. Das Management der Start-Ups, die flachen Entscheidungswege bleiben aber in der Hand der VC Firmen, wo ein größeres Verständnis für die Start-Up-Kultur der Portfoliounternehmen herrscht und solche Unternehmen besser gedeihen können, ohne die Fesseln einer etablierten Firmenkultur.
crowzero 18.03.2017
3. Cyber?
Ich bin seit über 25 Jahren in der IT Branche. Was soll ich mir eigentlich unter dem Cyber vorstellen? Laut Wikipedia: "Bestandteil des Club-Geschehens der Schwarzen Szene" https://de.wikipedia.org/wiki/Cyber_(Jugendkultur). Es gibt keine vernünftige Definition für Cyber, das heißt jeder kann sich irgend etwas darunter vorstellen oder auch nichts. Und darum lieben auch unsere Politiker diesen Begriff: Man hat keine Ahnung von etwas, kann aber auch von niemanden widerlegt werden, da es ja keine Definition für den Begriff gibt.
BenWellesley 18.03.2017
4. Es ist natürlich ein leichtes
zu behaupten es läge an der "schwerfälligen Truppe". Womit dann natürlich auch noch wunderbar suggeriert werden kann "die dummen Soldaten" .... Ich kenne im Raum München einige Ex-Soldaten die im Bereich der Nachrichten- und Netzwerktechnik sowie Informationsübertragung Firmen gegründet haben. Die Jungs haben zT genau die Produkte entwickelt die ein Soldat tatsächlich gebrauchen könnte, eben weil Sie selbst Soldaten, mit zum Teil erheblicher Einsatzerfahrung, waren. Und sich derartige Produkte im Einsatz immer "gewünscht" haben ... Dann gibt es eben die die es hinnehmen und meckern. Aber eben auch ein paar die die Fähigkeiten haben derartiges (mit Hilfe) selbst herzustellen/ zu entwickeln. Spätestens beim BAIINBw ist für die dann aber sowieso immer Schluss; denn wenn man kein Haar groß genug gefunden hat, dann kommt eben der ultimative Killer: Garantie der Verfügbarkeit von Ersatzteilen. 20 Jahre kann ein kleines "StartUp" natürlich nie garantieren, bzw einen entsprechenden Sicherungsfond dafür generieren. Was natürlich auch super Sinn macht im Bereich IT ! 20 Jahre. Und das bei Anteilig 95% COTS Produkten ... naja gut ... Zusätzlich schwebt immer der Geruch von "Korruption" im Raum, wenn "die Truppe" Material bei Erprobungen für gut befindet welches aus der Schmiede von ehemaligen Soldaten stammt! (und die dann auch noch das Militär als absehbar einzigen großen Abnehmer haben) Das diese aber eben wissen was "der Soldat" braucht und wünscht ist für den normalen Zivilisten in irgendeinem Amt schlicht nicht Nachvollziehbar. Der hält sich lieber an seiner doppelt gefalteten Hochglanzbroschüre fest und genießt dann und wann ein unverfängliches Firmendinner ... Aus eigener persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen, dass es in Israel vollkommen anders läuft. Dort sind viele CEOs von StartUps die im Bereich der Rüstungstechnik operieren gleichzeitig Reserveoffiziere. Die gehen ggf sogar in den Kampfeinsatz (in dem konkreten Fall den ich meine Libanon) und nach der Demobilisierung dann wieder an das sprichwörtliche Zeichenbrett. Die technischen Fähigkeiten und vor allem Ausstattung der IDF sind verglichen mit den unsrigen Erschreckend ...
Sumerer 18.03.2017
5.
Zitat von crowzeroIch bin seit über 25 Jahren in der IT Branche. Was soll ich mir eigentlich unter dem Cyber vorstellen? Laut Wikipedia: "Bestandteil des Club-Geschehens der Schwarzen Szene" https://de.wikipedia.org/wiki/Cyber_(Jugendkultur). Es gibt keine vernünftige Definition für Cyber, das heißt jeder kann sich irgend etwas darunter vorstellen oder auch nichts. Und darum lieben auch unsere Politiker diesen Begriff: Man hat keine Ahnung von etwas, kann aber auch von niemanden widerlegt werden, da es ja keine Definition für den Begriff gibt.
Ich bin schon rund 10 Jahre länger in der IT-Branche unterwegs. Der Duden bezeichnet "Cyber" - abgeleitet aus dem englischen "cybernetics" - als Präfix. Insofern ist der verwendete Präfix "Cyber" nicht gerade überragend Sinn stiftend. Vermutlich ist "Cyberwar" gemeint. Das würde die Aufgabenstellung der Bundeswehr besser treffen. Und zu diesem Thema habe ich eine Vorlesung an einer ausländischen Universität gehalten. Also man kann durchaus eine Ahnung davon entwickeln, um welche Terminologie und welche inhaltlichen Konsequenzen es geht (z.B. Kings College, London), wenn man ein wenig interpretiert. Sie sind da wohl etwas arg stur. PS: Übrigens habe ich die Bundeswehr-Rechenzentrumsbetreiber, in Bonn, unterrichtet, die von bestimmten Aspekten ihrer Arbeit damals wenig Ahnung hatten. Und wahrscheinlich immer noch jede Menge Nachholbedarf haben.
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