Kollaps nach Trainingsmarsch Bundeswehrausbilder wegen Körperverletzung angeklagt

Im Herbst 2016 ließ ein Bundeswehrausbilder Soldaten bei sengender Hitze marschieren. Vier kollabierten. Die Truppe sah keinerlei Verfehlung. Doch die zivile Justiz klagt den Hauptfeldwebel jetzt an.

Tarnkleidung eines Soldaten
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Tarnkleidung eines Soldaten

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Die Staatsanwaltschaft hat einen 42-jährigen Hauptfeldwebel des Heeres-Ausbildungszentrum Hammelburg wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Nach SPIEGEL-Informationen soll am kommenden Dienstag die Hauptverhandlung gegen den Soldaten vor dem Amtsgericht Bad Kissingen beginnen.

Dem Ausbilder wird vorgeworfen, dass er im Herbst 2016 eine Gruppe von Soldaten im Ausbildungszentrum Hammelburg trotz sengender Hitze zu einem Geländemarsch antreten ließ, aber nicht ausreichend kontrollierte, dass sie körperlich fit genug waren. Vor allem nötige Trinkpausen soll er nicht gewährt haben.

Zunächst hatte das Amtsgericht einen Strafbefehl verhängt. Darin wird dem Soldaten vorgeworfen "aus Fahrlässigkeit vier andere Personen körperlich misshandelt oder an der Gesundheit geschädigt zu haben". Die fehlende Sorgfalt habe verursacht, "dass alle vier Soldaten lebensgefährlich erkrankten", schreibt der zuständige Richter in dem Papier.

Ein Oberfeldwebel brach nach gut 3,5 Kilometern zusammen

Der Marsch in Hammelburg am 13. September endete tragisch. Vier Soldaten brachen bei dem Einzelkämpferlehrgang nach einem Hitzschlag zusammen. Zuvor hatten sie einen Hindernislauf absolviert, danach ordnete der Ausbilder einen rund drei Kilometer langen Marsch im Laufschritt mit zehn Kilogramm Gepäck an.

Laut dem Strafbefehl konnten einige Soldaten "bereits nach kurzer Zeit" nicht mehr Schritt halten, der Rest des Lehrgangs musste jetzt "in Eingliederungsrunden" zurücklaufen, das verlängerte die eigentliche Marschstrecke. Ein Oberfeldwebel brach dann nach gut 3,5 Kilometern zusammen, war völlig erschöpft und dehydriert, so der Strafbefehl.

Der Ausbilder ließ den kollabierten Soldaten mit dem Auto in die Krankenstation bringen. Der Rest des Lehrgangs musste allerdings "in zügigem Schritttempo weitermarschieren". Ob die Soldaten noch konnten, kontrollierte der Ausbilder laut dem Strafbefehl nicht. Gut 200 Meter weiter sackten die drei anderen Soldaten zusammen.

Rettung per Notoperation

Alle vier Soldaten verloren das Bewusstsein und mussten später per Helikopter in Kliniken geflogen werden. Die Hitzschläge waren alles andere als harmlos: Oberfeldwebel Christoph K. konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden, da seine Niere versagte, die Muskeln wurden wegen Flüssigkeitsmangel stark angegriffen.

Oberleutnant Richard N. mussten die Ärzte in ein künstliches Koma versetzen. Bei seinem Kameraden Daniel U. versagten Nieren und Leber, auch er musste auf der Intensivstation behandelt werden. Alle Soldaten waren gut trainiert und hatten erst kurz zuvor den ersten Teil der Einzelkämpferausbildung - körperlich ähnlich anspruchsvoll - absolviert.

Laut Staatsanwaltschaft verstieß der Ausbilder an dem Tag, an dem es bis zu 30 Grad heiß war, gegen seine Fürsorgepflicht. Er habe die körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten "nicht ausreichend" überprüft. Nach dem ersten Kollaps sei er zudem gemäß Dienstvorschriften der Truppe zur "erhöhten Vorsicht" verpflichtet gewesen.

In der Bundeswehr wird der Fall genau beobachtet

Im Strafbefehl richtet sich der Richter direkt an den Soldaten: "Bei genauerer Überprüfung (...) hätten sie erkennen können und müssen, dass alle vier Soldaten zu einem Rückmarsch in erhöhtem Tempo nicht in der Lage waren. Dies hatte - was Sie hätten verhindern können und müssen - zur Folge, dass alle vier Soldaten lebensbedrohlich erkrankten".

Der Strafbefehl, verbunden mit einer Geldbuße von 2400 Euro, akzeptierte der Ausbilder nicht, deswegen nun der Prozess. Geladen sind dazu auch die Vorgesetzten des Angeklagten, die bei dem Marsch nicht vor Ort waren.

In der Bundeswehr wird der Fall genau beobachtet. Nachdem 2017 nach einem Marsch in Munster ein junger Soldat starb und weniger fatale Fälle Schlagzeilen machten, wird über die Ausbildung generell diskutiert. Die Frage, wie weit die fürs Militär nötige Härte gehen muss und darf, bewegt die Gemüter bis hoch zu Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Die Ermittlungen der Justiz kamen durch eine anonyme Anzeige in Gang

Gleichwohl ist der Fall Hammelburg nicht direkt mit Munster vergleichbar. Alle Teilnehmer des Einzelkämpferlehrgangs waren seit Jahren bei der Truppe, gut trainiert. Der Fehler des Ausbilders war es wohl, dass einige Soldaten nach dem Hindernislauf nicht einmal verschnaufen und trinken konnten. So kam es später zu den folgenreichen Hitzschlägen.

Für die Bundeswehr war dies jedoch kein Grund, den Ausbilder zu disziplinieren. In einem Bericht stellte das Ausbildungskommando kurz nach dem Vorfall vielmehr fest, der Hauptfeldwebel habe die ihm unterstellten Soldaten an ihrem ersten Tag in dem Lehrgang weder schikaniert oder körperlich überfordert. Ein Dienstvergehen sei nicht festzustellen.

Die Ermittlungen der Justiz indes kamen durch eine anonyme Anzeige in Gang, die kurz nach dem Vorfall eingegangen war. Als die Ermittler daraufhin bei der Bundeswehr nachfragten, erhielten sie den entlastenden Bericht der Truppe. Nachdem sie alle Beteiligten noch einmal vernommen hatten, kamen sie zu einer ganz anderen Bewertung als die Vorgesetzten.

Es besteht der Verdacht, dass das Heer die Ermittlungen bremst

Wird der Soldat in Bad Kissingen verurteilt, wäre wohl auch der Umgang der Truppe mit dem Fall zu hinterfragen. Im Fall Munster und anderen Vorfällen war zuletzt der Verdacht aufgekommen, dass das Heer die Ermittlungen gegen die eigenen Ausbilder nicht hart genug vorantreibt oder gar bremst. Der Abschlussbericht im Fall Munster ist bis heute nicht fertig.



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