Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Stunde der Kriegserklärer

Von und

Im Land wächst der Widerstand gegen den Afghanistan-Einsatz, jetzt mussten sich die Fraktionen im Bundestag dem Thema stellen: Union und SPD zeigten Gemeinsamkeiten, die Linke betrieb Fundamentalopposition - und die FDP patzte. SPIEGEL ONLINE erklärt die zentralen Punkte der Debatte.

Berlin - Eine außergewöhnlich ernste Stimmung herrschte im Plenum des Bundestags, als die Kanzlerin zu ihrer Regierungserklärung ansetzte. Thema: Afghanistan. Sieben deutsche Soldaten sind innerhalb zweier Wochen bei dem gefährlichen Einsatz getötet worden. Immer mehr Bürger fragen sich: Warum zieht die Bundeswehr nicht ab?

Für Union und SPD ist klar: Der Einsatz soll fortgeführt werden. Im Bundestag mühten sich Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel in Überzeugungsarbeit. Die Linke hielt dagegen, die FDP patzte.

Wie argumentierten die Fraktionen in der so wichtigen Debatte? Welche Positionen vertreten sie? SPIEGEL ONLINE dokumentiert die wichtigsten Äußerungen von diesem Donnerstag - und beleuchtet die Hintergründe.

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin

"Wir können von unseren Soldaten nicht Tapferkeit erwarten, wenn uns selbst der Mut fehlt, uns zu dem zu bekennen, was wir beschlossen haben."

Die Kanzlerin wählte klare Worte: Nun sprach auch sie in Bezug auf Afghanistan von Krieg und Bürgerkrieg. Sie verstehe gut, dass die Soldaten dies so empfänden. Damit folgte Merkel ihrem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der direkt nach Amtsantritt schon "kriegsähnliche Zustände" in Afghanistan diagnostizierte und seit dem Tod der deutschen Soldaten am Karfreitag betont, man könne in Afghanistan "umgangssprachlich" von Krieg reden.

Merkel selbst hatte das K-Wort lange Jahre vermieden. Damit ist nun Schluss - ein deutliches Signal an die Soldaten, die in Afghanistan in Gefechte verwickelt sind und zu Hause nach ihren Erfolgen im Brückenbau gefragt werden.

"Unsere Ziele waren zum Teil unrealistisch hoch - oder sie waren falsch."

So wendete Merkel sich selbstkritisch an die Kritiker des Einsatzes, insbesondere an jene rund zwei Drittel der Bevölkerung, die ihn ablehnen. Erst wenn man sich den eigenen Zweifeln stelle, könne man den Einsatz glaubhaft verantworten, sagte die Kanzlerin. Merkel warb vehement für ihre neue Afghanistan-Strategie, verwies auf die Abzugsperspektive, die ab 2011 in Kraft gesetzt werden soll.

Sie befreite den Einsatz von Teilen seiner moralischen - aber realitätsfernen - Unterfütterung, etwa der Vorstellung, man könne in Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Vorbild errichten. Gleichzeitig musste sie - bei allen öffentlichen Zweifeln - den Taliban signalisieren, dass man nicht aufgeben werde: Ein sofortiger und unkoordinierter Abzug der internationalen Truppen bedeute "unabsehbare" Folgen für die Sicherheit der Deutschen und ihrer Verbündeten; Folgen, die "weit verheerender wären" als jene der Anschläge vom 11. September 2001.

"Der berühmte Satz unseres früheren Verteidigungsministers Peter Struck bringt das für mich auf den Punkt: Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt. Bis heute hat es niemand klarer, präziser und treffender ausdrücken können, worum es in Afghanistan geht."

Ein Signal an die Sozialdemokraten: Mit einem Zitat des früheren SPD-Ministers Struck wollte Merkel die Genossen in die Verantwortung nehmen. Ihr ist viel daran gelegen, dass die Afghanistan-Mandate nicht allein von der Regierungsmehrheit beschlossen werden, sondern auch mit Zustimmung der SPD-Fraktion.

Bemerkenswert dabei: Kaum ein Abgeordneter der SPD applaudierte. Strucks Spruch gilt heute vielen in der Partei als zu kriegerisch. Ganz anders Merkel: Der Rückgriff auf Struck illustriert auch die Abkehr von der moralisch aufgeladenen Argumentation. Der Fokus liegt nun auf dem Thema Sicherheit. Merkel betonte, der Feststellung Strucks sei noch keine ausreichende Debatte gefolgt. Damit beschrieb sie die Aufgabe für die nächsten Monate.

Sigmar Gabriel, SPD, Parteivorsitzender

"Wir wollen das Mandat nicht ändern, weder politisch noch semantisch."

Es war Sigmar Gabriels wichtigster Satz. Der SPD-Chef musste am Donnerstag ein bisschen Frank-Walter Steinmeier spielen und sich klar zum gültigen Afghanistan-Mandat für die Bundeswehr bekennen - ruhig und nüchtern.

Die Fraktion erwartete das von ihm: Weil er seine erste, in Teilen verunglückte Afghanistan-Rede im Bundestag Ende Januar vergessen machen musste, und - wichtiger noch - weil er vergangene Woche den Eindruck erweckt hatte, als rücke er vom Einsatz ab.

In Richtung der Zweifler und Kriegsgegner verwies Gabriel mehrfach darauf, dass er die Mission schon deshalb für "weiterhin gerechtfertigt und notwendig" erachte, weil sie unter dem Dach der Uno stehe. Gabriel, der Staatsmann. So hatte man ihn zuletzt selten gehört.

"In einer so elementaren Frage müssen wir Politiker mehr sein als ein Echolot öffentlicher Gefühle."

Gabriels stärkster Moment. Mit dem Satz schaffte er es, auf Distanz zur Regierung zu gehen, ohne zu spalten. Sein Argument: Zweifellos erinnere der Einsatz an Krieg, doch entstehe noch lange kein Rückhalt für die Soldaten, wenn die Politik ihren Sprachgebrauch allgemeinen Stimmungen anpasse.

"Ganz offensichtlich überzeugen wir die Mehrheit unserer Bevölkerung derzeit nicht", sagte Gabriel. Statt "Kriegsrhetorik" anzustimmen, müssten daher Sinn und Ziele der Mission stets neu begründet und unabhängig evaluiert werden. Ein Weg, mit dem Gabriel auch die Skeptiker und Friedensbewegten in seiner Partei zu besänftigen suchte.

"Wenn ein Verteidigungsminister vom Krieg redet und ein Außenminister nicht, muss die Frage erlaubt sein, ob die Bundesregierung ein gemeinsames Verständnis des Einsatzes hat."

Gabriels Patzer. Wie schon vergangene Woche verzettelte sich der SPD-Chef gegen Ende seiner Rede in einer überflüssigen Semantikdebatte. Der Angriff auf die Koalition geht ins Leere. Weder macht Verteidigungsminister Guttenberg sich den Begriff Krieg zu eigen, noch will Außenminister Guido Westerwelle (FDP) von Krieg partout nichts wissen. "Auch ich verstehe jeden Soldaten, der die Zustände als Krieg empfindet", sagte etwa Westerwelle.

Gregor Gysi, Linke, Fraktionsvorsitzender

"Es wird deutlich, dass wir leider in jeder Hinsicht Recht hatten."

Wie so oft gefiel sich Gysi auch an diesem Donnerstag in der Rolle des Volkstribuns. Von Anfang an habe seine Fraktion die Hindukusch-Mission abgelehnt. Sofortiger Abzug, der Einsatz ein Fiasko, Krieg als Futter für Terroristen - Gysis Schlagworte kamen wenig überraschend.

Nur als er der Kanzlerin vorhielt, dass sie auch in andere Länder wie Uganda, den Jemen und Saudi-Arabien einmarschieren müsse, wenn sie den Hindukusch-Einsatz menschenrechtlich begründe, horchten viele auf. Doch die Ironie verfing nicht. Am Ende war die Linke in der Afghanistan-Frage isoliert wie eh und je.

Martin Lindner, FDP, Technologiepolitischer Sprecher der Fraktion

"Sie brauchen auch einen."

Die Redner der FDP fielen nicht weiter auf. Da blieb es dem Zwischenrufer Martin Lindner vorbehalten, der Debatte seinen Stempel aufzudrücken. Als Linke-Fraktionschef Gregor Gysi am Rednerpult gerade mehr Psychiater für die vom Einsatz geplagten Soldaten gefordert hatte, rief Lindner dazwischen, Gysi brauche auch einen. Darauf der Linken-Politiker: "Sie können mich ruhig als geistig gestört betrachten, aber das sagt etwas über Ihr Niveau, nicht über mein Niveau." Im Anschluss rügte Bundestagspräsident Norbert Lammert Lindners Zwischenruf "ausdrücklich als unparlamentarisch".

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 201 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Na endlich!
slugs, 22.04.2010
Na also, ist doch alles gesagt worden, was zu sagen war! Damit wird sich in Afghanistan nun sehr viel ändern auf deutscher Seite, oder? ;)
2. Schwerter zu Pflugscharen
wowiku, 22.04.2010
Na ja, eine interessante Entwicklung der Frau Merkel. Vor der Wende Agit-Prop-Sekretär der FDJ und Unterstützer der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" und jetzt führt sie D immer mehr in einen unsinnigen, verlustreichen Krieg. Wann lernen unsere Oberen endlich aus den Ergebnissen des 1. und 2. Weltkrieges? Ist das alles schon vergessen?
3. Krieg gegen den Terror?
running_on_empty 22.04.2010
"Ich finde die Gründe fadenscheinig, mit denen wir heute von unseren jungen Leuten in Afghanistan Opfer fordern. Wenn wir Afghanistan vor allem deswegen sichern wollen, um ein Wiederaufleben von al-Qaida zu verhindern, dann müssten wir konsequenterweise auch im Westen Pakistans, in Somalia oder im Jemen einmarschieren. Unsere Truppenpräsenz in Afghanistan aber hat die Destabilisierung Pakistans nur noch beschleunigt. In Pakistan, so fürchten wir völlig zu Recht, könnte die Regierung im Fall eines Umsturzversuchs oder weiterer Schwächung die Kontrolle über ihre nuklearen Waffen verlieren. Um also der Logik unserer erklärten Ziele zu folgen, sollten wir Pakistan besetzen, nicht Afghanistan." so schrieb neulich Matthew P. Hoh, ein hochrangiger amerikanischer Diplomat, in einem Brief an die amerikanische Botschafterin Nancy J. Powell. Und weiter: »Wir pumpen hier Geld hinein bis zum Abwinken.« So begrüßt einer unserer fähigsten Kommandanten in Afghanistan jeden seiner Besucher. Wir verpfänden unsere Wirtschaft auf einen Krieg, der selbst bei verstärktem Engagement in den kommenden Jahren nicht entschieden werden wird. Erfolge und Siege, was immer das heißen mag, werden nicht innerhalb einiger Jahre erreicht, in denen wir weitere Milliarden in dieses Land stecken, sondern nach Jahrzehnten und Generationen." Wie steht es um Deutschland? Die Bundeskanzlerin verteidigt den deutschen Einsatz, weil es um "deutsche Sicherheitsinteressen und die seiner Verbündeten" gehe. Vor allem letzteres scheint der Fall zu sein. Ebenso ist es ein durchsichtiger Mythos, dass die Verbreitung von Atomwaffen durch die Präsenz in Afghanistan verhindert werde. Aber Frau Dr. Merkel sattelt noch einen drauf: sie will gleich auch noch die Rechtsstaatlichkeit in Afghanistan aufbauen helfen. Wer so spricht, hat vermutlich von den dortigen Verhältnissen nicht die geringste Ahnung. Präsenz in Afghanistan bis zur "Übergabe in Verantwortung"? Wie lang soll das dauern? Wem ist damit überhaupt geholfen?
4. Ein Parlament ohne Volk
Monsieur Rainer 22.04.2010
Die heutige Debatte im deutschen Bundestag verlief gespenstisch. Neunzig Prozent der Abgeordneten bekannten sich zu einer Politik, die 87 % der Bevölkerung für falsch hält. Dies beweist, dass die Wahl der Bundestagsabgeordneten einem Systemfehler im Grundgesetz zu Grunde liegt. Die Mehrzahl der Abgeordneten werden nämlich nicht vom Volke gewählt, sondern von den Parteien. Ergo haben wir eine Parteiendiktatur und keine Demokratie. Und wo bitte, war das deutsche Volk, das sich überall so vehement gegen diesen Einsatz in Afghanistan einsetzt? Bei der Arbeit oder im Fernsehsessel. Die Deutschen sind selbst schuld, wenn Politik an ihnen vorbei und gegen ihren Willen gemacht wird. Steht doch auf und versammelt Euch vor dem Reichstag zu Millionen und schleudert "euren Abgeordenten" ein entschiedenes NEIN entgegen.
5. Fundamentalopposition?
Stefanie Bach, 22.04.2010
Zitat von sysopIm Land wächst der Widerstand gegen den Afghanistan-Einsatz, jetzt mussten sich die Fraktionen im Bundestag dem Thema stellen: Union und SPD übten den Schulterschluss, die Linke betrieb Fundamentalopposition - und die FDP patzte. SPIEGEL ONLINE erklärt die zentralen Punkte der Debatte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,690590,00.html
Was ist daran "Fundamentalopposition", wenn man den Einsatz als ein Fiasko und Krieg als Futter für Terroristen bezeichnet? Es gibt Parteien, die den Krieg unterstützen, es gibt Parteien, die gegen den Krieg sind. Wenn letztere "isoliert" sind, um so schlimmer für erstere. Sprache ist die flüssige Substanz unseres Bewusstseins. Sie ist die Materie, die dem Denken Form verleiht. (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotos Michael Kappeler/ DDP, Bulls/ Barcroft Media

Heft 16/2010:
Im Krieg

Deutsche Soldaten über das Töten und Sterben in Afghanistan

Inhaltsverzeichnis

Titelthema -: diskutieren Sie mit

Hier geht es zum E-Paper

Hier kaufen Sie das Heft

Hier finden Sie Ihre Abo-Angebote und Prämien


Fotostrecke
Afghanistan: Stunde der Kriegserklärer

Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon

Die Positionen der Parteien zum Afghanistan-Einsatz
CDU/CSU: Abzugsdatum offen lassen
Die Union will die Gefahr bannen, dass "Instabilität und Terror" von Afghanistan aus auch auf Deutschland ausstrahlen. Mit Blick auf den deutschen Einsatz betont die Union, dass militärische Sicherheit und ziviler Aufbau voneinander abhängig seien. "Ohne Sicherheitspräsenz ist kein Wiederaufbau, ohne Erfolge beim Wiederaufbau keine Reduzierung der Sicherheitspräsenz möglich." CDU und CSU wollen den Afghanistan-Einsatz zeitlich nicht konkret begrenzen. Sie machen vielmehr "tragfähige staatliche Strukturen" zur Voraussetzung für eine "spätere Reduzierung und schließlich zur Beendigung" des militärischen Engagements. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte im September 2009 aber eine deutliche Verbesserung der Lage bis zum Jahr 2014.
SPD: In zehn Schritten zum Abzug
Auch die SPD fordert, Afghanistan dürfe nicht wieder zum Zufluchtsort für Terroristen werden. Die Partei wirbt im Wahlprogramm für eine Kombination aus zivilgesellschaftlicher und entwicklungspolitischer Hilfe sowie einem "zivil-militärischen Ansatz", der auf die verstärkte Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte zielt. Kanzlerkandidat und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier fordert nun außerdem, "die Grundlagen für den Abzug der Bundeswehr" zu schaffen. In einem Zehn-Punkte-Plan hat er die Bedingungen für das Ende des deutschen Engagements definiert. Bis 2011 soll demnach im von Deutschland kontrollierten Norden Afghanistans "eine angemessen ausgebildete Polizei" existieren.
FDP: "Mehr Tempo"
Die FDP würdigt den deutschen Afghanistan-Einsatz. Er habe dazu beigetragen, "dass das Land bislang nicht wieder zum zentralen Rückzugsort für international agierende Terroristen geworden ist". Es sei allerdings versäumt worden, den Aufbau effizienter Regierungs-, Verwaltungs- und Sicherheitsapparate voranzutreiben. Dieses Versäumnis habe auch die Bundesregierung mit zu verantworten. Die FDP will in diesem Bereich mehr Tempo machen, "um den Zeitraum des Einsatzes der internationalen Truppen zu begrenzen". Sie fordert zudem einen stärker regionalen Ansatz und die Einbeziehung von Ländern wie Pakistan, Russland, China und Iran. Die FDP hält die internationale Truppenpräsenz für eine "Übergangszeit" weiterhin für erforderlich.
Grüne: Strategiewechsel zu mehr zivilem Engagement
Die Grünen kritisieren die bisherige Afghanistan-Strategie wegen ihrer "Dominanz militärischer Lösungen". Ein so verstandener "Krieg gegen den Terror" sei nicht zu gewinnen. Deswegen müsse der US-geführte Anti-Terror-Einsatz "Enduring Freedom" (OEF) sofort beendet werden. Trotz aller Kritik bekennen sich die Grünen aber grundsätzlich zur "Verantwortung für Afghanistan und zu einem Engagement, das den Aufbau des Landes in den Mittelpunkt stellt". Eine Weiterführung des deutschen Einsatzes wollen die Grünen nur unterstützen, wenn ein Strategiewechsel hin zu mehr zivilem Engagement umgesetzt wird.

Linke: Soldaten raus aus Afghanistan
Die Linke fordert, "die Bundeswehr sofort aus Afghanistan abzuziehen". "Auslandskriegseinsätze" - auch unter Uno-Mandat - lehnt sie kategorisch ab. Die Linke wirft der Nato vor, ihre eigentliche Absicht beim Einsatz in Afghanistan sei es, "sich als globale Interventionsmacht zu zeigen". Ein militärischer Sieg im sogenannten Anti-Terror-Krieg sei unmöglich.

Karzai und Afghanistan
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.

Fotostrecke
25 deutsche Kriegsbilder: Gefangen in der Gefechtszone

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: