Bundeswehreinsatz Tornado schoss im Tiefflug Bilder von G-8-Protestcamp

Reddelich statt Afghanistan, Globalisierungskritiker statt Taliban: Tornados der Bundeswehr haben vor dem G-8-Treffen ein Lager von Gipfelgegnern ausgespäht. Ein Aufklärungs-Jet machte im Tiefflug Luftaufnahmen vom Camp in Reddelich. Verfassungswidrig, urteilt der Grünen-Innenexperte Ströbele.


Berlin - Die tausenden Bewohner des G-8-Protestcamps in Reddelich trauten ihren Augen und Ohren nicht. Knapp über ihren Köpfen raste am Vormittag des 5. Juni, einen Tag vor dem offiziellen Beginn des Gipfels in Heiligendamm, ein Tornado der Bundeswehr über ihre Köpfe hinweg - so tief, "dass man die Nieten sehen konnte", wie sich Augenzeugen später erinnerten. Der Jet sei regelrecht auf das Camp niedergestoßen und habe danach in einer scharfen Kurve abgedreht.

Luftbild des Protestcamps Reddelich: Tornado im Tiefflug
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Luftbild des Protestcamps Reddelich: Tornado im Tiefflug

Die Bewohner berichteten dem Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele von dem Vorfall, der daraufhin beim Verteidigungsministerium nachhakte. Das Haus von Minister Franz Josef Jung (CDU) bestätigte daraufhin den Einsatz von zwei Tornados über der Region um den Sicherheitszaun rund um Heiligendamm. Jets dieser Art werden derzeit in Afghanistan zur Aufklärung im Kampf gegen die Taliban eingesetzt. Auch der Tornado über Reddelich war im Aufklärungseinsatz gewesen, machte vor dem Gipfel Luftaufnahmen des Protest-Camps.

Laut Ministerium waren zwei Tornados zur fraglichen Zeit im Luftraum über dem Tagungsort unterwegs. Eine Maschine flog demnach im Bereich der Ortschaft Reddelich, die andere direkt über das Camp. Eines der Flugzeuge habe das Lager der Globalisierungskritiker dabei in der geringsten zugelassenen Flughöhe von 150 Metern überflogen und Luftaufnahmen gemacht. Eine Überflugbeschränkung für den Raum Reddelich habe zu diesem Zeitpunkt nicht bestanden, hieß es.

In der Antwort des Ministeriums heißt es weiter: "Der Flug wurde wie andere Flüge zuvor im Rahmen der technischen Amtshilfe auf Antrag des Organisationsstabes G8-Gipfel des Landes Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt." Zielsetzung der "zeitlich gestaffelten Aufklärungsflüge im Mai und Juni 2007" sei es gewesen, "in verschiedenen Geländestreifen Veränderungen der Bodenbeschaffenheit und Manipulationen an wichtigen Straßenabschnitten durch einen Vergleich des Bildmaterials zu erkennen". Die Luftaufnahmen, darunter auch die vom Camp Reddelich, wurden laut Ministerium an die G-8-Einsatzleitung Kavala weitergeleitet.

Ströbele bewertete den Tornado-Einsatz als verfassungswidrig. "Es überschreitet alle Grenzen zulässiger technischer Amtshilfe für die Polizei, wenn mit Aufklärungs-Kampfjets wie in Afghanistan eingesetzt nun Demonstrationen ausgeforscht werden", erklärte der Abgeordnete. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, nannte die Flüge "rechtlich zulässig, aber politisch instinktlos". Die Frage sei, "ob man nicht mit Polizeihubschraubern das Gleiche hätte tun können". Nun wird der Tornado-Einsatz am Mittwoch den Innenausschuss des Bundestages beschäftigen - auf Antrag der linksfraktion, wie Ausschussvorsitzender Sebastian Edathy der "Mitteldeutschen Zeitung" sagte.

Zum Schutz des Treffens der Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Industrienationen in Heiligendamm waren rund 16.000 Polizisten eingesetzt worden. Im weiten Umkreis um das Gelände war ein Sicherheitszaun errichtet worden.

phw/ddp/dpa/AP



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