Bundeswehrskandale Scheinerschießungen und Kreuzigung

Folterspiele, Vergewaltigung, Hitlergruß: Immer wieder brachten Soldaten die Truppe in den vergangenen Jahren in Verruf.

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Hamburg - Die Liste der Skandale bei der Bundeswehr ist seit heute um einen Punkt länger: Deutsche Soldaten in Afghanistan posierten für Fotos mit einem Totenschädel und zeigten dabei obszöne Gesten.

Skandal-Video: Soldat in gestellter Scheinerschießung
DPA/SAT 1/Akte/blitz

Skandal-Video: Soldat in gestellter Scheinerschießung

Davor hatte bei der Truppe nur wenige Tage Ruhe geherrscht: Zuletzt hatte der deutsche Guantanamohäftling Murat Kurnaz nach seiner Freilassung aus der amerikanischen Haft erklärt, er sei von deutschen Soldaten im Januar 2002 misshandelt worden. Mitglieder der Elitetruppe KSK sollen ihn im afghanischen Kandahar getreten und verhöhnt haben. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages wird sich nun mit den Vorwürfen befassen.

Im Sommer hatten bizarre Praktiken bei Beförderungsritualen für Schlagzeilen gesorgt. Die Bundeswehr hatte ein internes Ermittlungsverfahren gegen Soldaten einer Fallschirmjägereinheit in Zweibrücken eingeleitet. Bei Feiern von Unteroffizieren soll es zu entwürdigenden Behandlungen gekommen sein. Mindestens einem Soldaten des Bataillons 263 soll bei einer Unteroffizier-Aufnahmefeier Dörrobst "in den Hintern" geschoben worden sein. Die Ermittlungen zogen schließlich personelle Konsequenzen nach sich: Mehrere Soldaten wurden zwangsversetzt, die Kompanie - eigentlich für den Bundeswehr-Einsatz im Kongo vorgesehen - wurde von dem Afrika-Job ausgeschlossen.

Unappetitliche Details drangen auch 2004 aus der Mitte der Truppe nach außen. Damals schlugen Meldungen über misshandelte Rekruten im münsterländischen Coesfeld hohe Wellen. Soldaten berichteten, wie sie bei einem Nachtmarsch in einen regelrechten Hinterhalt ihrer Ausbilder gerieten. Ganz nach US-Manier wurden die "Gefangenen" mit Kapuzen orientierungslos gemacht und zu "Verhören" abgeführt, bei denen die Grenze zwischen Ausbildung und Quälerei offenbar vollends verwischte. Augenzeugen erzählten von Tritten, Elektroschocks und Schreien, die nachts im Hof der Kaserne zu hören gewesen seien; von völlig überforderten Kameraden, die in panischer Angst versucht hatten, auf ihre Peiniger loszugehen und von physisch und psychisch gebrochenen Männern, die - nach "simulierter Folter" auf ihre Stuben zurückgekehrt - die ganze Nacht lang geweint hätten.

Mit Stromstößen gegen Rekruten

Die Unteroffiziere sollen zwischen Juni und September 2004 zum Abschluss der Grundausbildung mit ihren Rekruten jenes grausame Spiel viermal gespielt haben, das sie "Geiselbefragung" nannten. In einem Dusch- und in einem Kellerraum mussten die Rekruten knieend vor einer Wand verharren und wurden mit Wasser bespritzt . Einige sollen mit Stromstößen gequält worden sein.

Als diese Berichte bekannt wurden, meldeten sich zahlreiche Rekruten aus anderen Kasernen mit ähnlichen Erlebnissen. So sollen sich auch in der Westfalen-Kaserne in Ahlen schon 2002 ähnliche Exzesse wie in Coesfeld abgespielt haben. Auch aus der Kaserne in Brandenburg an der Havel berichteten Rekruten über brutale Schikanen. In vielen Fällen hatten die Ausbilder Auslandseinsätze hinter sich - etliche im Kosovo, einige auch in Afghanistan.

Training für den Fall einer Geiselnahme gibt es zwar durchaus in der Bundeswehr. Es ist aber nicht für Rekruten vorgesehen sondern nur für spezielle Einsatzkräfte. Zudem darf nur speziell geschultes Personal solche Übungen leiten.

Gegen die in Coesfeld involvierten Ausbilder will das Landgericht Münster im März 2007 den Prozess eröffnen. Ein Offizier und 17 Unteroffiziere sollen dann auf der Anklagebank sitzen.

Ebenfalls 2004 hatte es Berichte über angebliche Folterungen im Kosovo gegeben. Die "Bild" hatte damals gemeldet, es kursierten Fotos, die deutsche Soldaten 1999 bei der Misshandlung von Gefangenen in Prizren zeigten. Allerdings ließ sich der Verdacht damals nicht erhärten. Die Bilder wurden nie öffentlich. Es gab Spekulationen, dass es sich möglicherweise um nachgestellte Szenen handeln könnte.

Kreuzigung im Video nachgestellt

Denn schon in früheren Jahren hatten Videos und Fotos von fingierten Scheinerschießungen und Folterungen für Furore gesorgt: Im Frühjahr 1996 drehten Soldaten während der Vorbereitung auf den Einsatz in Bosnien auf dem Truppenübungsplatz der Infatrieschule im bayerischen Hammelburg geschmacklose Filme. Darin wurden Vergewaltigungen, Scheinerschießungen und sogar eine Kreuzigung nachgestellt. Wehrpflichtige des Jägerbataillons 571 aus Schneeberg im Erzgebirge hielten diesen Zeitvertreib damals für witzig.

Das Video löste eine Debatte über Gewalt verherrlichende Strukturen in der Armee aus. Die Bundeswehr startete Disziplinarverfahren gegen die betreffenden Soldaten. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen 1998 ohne Anklage ein.

Während es bei den Skandalen der letzten Jahre vornehmlich um Gewalt und Misshandlung ging, drehten sich die Skandale in den neunziger Jahren häufig um einen rechtsradikalen Hintergrund. So hatte sich - wie nach dem Hammelburg-Video bekannt wurde - das in Verruf geratene Jägerbataillons 571 schon in den Jahren 1994/95 mit Videos verewigt. Darin zu sehen: Gewalt und Hitler-Gruß-Szenen sowie antisemitischen Parolen.

1997 berichtete ein Zeuge von regelmäßigen rechtsradikalen Ausfällen in der Kaserne im niedersächsischen Varel. Dort sei regelmäßig auf den "Führer" angestoßen worden. Er beschrieb mindestens drei Unteroffiziere und drei Mannschaftsdienstgrade des Fallschirmjägerbataillons 313 als rechtsradikal gesinnt.

Im oberbayerischen Altenstadt waren 1993 in der Luftlandeschule der Bundeswehr Fotos von Unteroffizieren gemacht worden, die Nazisymbole zeigten. Bereits 1990 nahmen Soldaten der Fallschirmjägerlehr- und Versuchskompanie 909 ein rechtsradikales Video auf. Darauf zeigen sie den "Hitler"-Gruß und rufen "Heil Hitler". Mindestens zwei Soldaten konnten später identifiziert werden: Sie gehörten Ende der neunziger Jahre zur Elitetruppe KSK.

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