SPIEGEL-ONLINE-Leser zur Burkadebatte "Einem Gefängnis gebührt keine Toleranz"

Gehört die Burka verboten? Oder muss die deutsche Gesellschaft den Gesichtsschleier tolerieren? Lesen Sie hier, was SPIEGEL-ONLINE-Leser über die Vollverschleierung denken.

Vollverschleierte Frau in Offenbach am Main
DPA

Vollverschleierte Frau in Offenbach am Main


Nur wenige Frauen in Deutschland gehen vollverschleiert auf die Straße. Doch die Debatte darüber, ob Burka und Nikab aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollen, bewegt die Republik. Auch SPIEGEL ONLINE hat dem Thema zahlreiche Artikel gewidmet, darunter zwei Kommentare: Christoph Sydow argumentierte gegen ein Verbot der Vollverschleierung, Anna Reimann dafür.

Besonders der letzte Meinungsbeitrag fand ein ungewöhnlich großes Echo: Die Redaktion erreichten zahlreiche Zuschriften von SPIEGEL-ONLINE-Lesern, viele zustimmend, einige kritisch. Und anders als sonst, wenn es um Religion, Integration oder Zuwanderung geht, war der Ton meist sachlich. Nur wenige Leser wandten sich pauschal gegen Muslime oder gegen Zuwanderer. Andersherum warfen nur wenige Leser den Befürwortern eines Burkaverbots Rassismus vor.

An dieser Stelle wollen wir eine Auswahl der Reaktionen abbilden - darunter von Politikern, Frauenrechtsorganisationen, Lehrern, Juristen, Muslimen.

Eine Leserin schreibt:

"Endlich macht jemand darauf aufmerksam, dass Verschleierung nichts mit Religion zu tun haben muss. Endlich stellt jemand die Frage, was Kleidungstraditionen, -vorschriften und -zwänge mit Religionsfreiheit zu tun haben. Wie viele Millionen muslimische Frauen auf der Welt laufen ohne Kopftuch oder Schleier durch die Welt und sind doch gläubig?"

Ein anderer Leser meint:

"Menschen kommunizieren nicht nur mit Wörtern, sondern zu einem erheblichen Teil mit Körpersprache, Gesichtszügen und neurologischen Reaktionen (Pupillenerweiterung, Erröten, Verblassen und so weiter). Es ist für mich äußerst beunruhigend, wenn von meinem Gegenüber diese Kommunikation fehlt. Ich kann nicht mehr einschätzen, wie ein Satz gemeint wurde. (...) Mir ist persönlich sonst egal, was jemand glaubt oder wie er seinen Glauben ausübt, solange es mich nicht beeinträchtigt. Mit der Vollverschleierung wird dieser Punkt überschritten."

Viele Leser betonen, sie stünden dem linksliberalen Spektrum nahe, würden ihre Position aber in der Debatte um Vollverschleierung dort nicht wiederfinden. Eine Leserin schreibt:

"Gerade die Parteien, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen, erscheinen mir geradezu blind."

In einer anderen Mail heißt es:

"Ich frage mich oft, ob unsere Politiker, vor allem in der SPD und den Grünen, vergessen haben, wofür wir Frauen in den Siebzigern auf die Straße gegangen sind und wofür wir in Schulen, Kindergärten, in Firmen, Behörde, in den Parteien und in unseren Beziehungen uns eingesetzt und gearbeitet haben: Die Würde einer Frau zu respektieren, sie nicht nach dem jeweiligen Männerbild auszulegen und ihr die gleichen Rechte zu geben wie einem Mann."

Eine Frau schreibt, sie komme ursprünglich aus Iran, lebe nun aber in Deutschland:

"Ich kann aufgrund meiner Beobachtungen über die islamistische Bewegung in Iran Ihre Analyse und Sichtweise zu dieser Sache nur bestätigen. Es ist auch tragisch, dass in Deutschland linke und liberale Gruppen in der Tat, bewusst oder unbewusst, den Boden für islamistisch-fundamentalistische Strukturen ebnen."

Auch Sozialdemokraten melden sich. Eine SPD-Landespolitikerin schreibt:

"Die derzeit geführte öffentliche Debatte ist in der Tat ziemlich unerträglich, Ihr Beitrag hingegen bringt es auf den Punkt. Einem Gefängnis, erfunden von Männern für Frauen, gebührt keine Toleranz. Und: Der Islam ist keine Rasse, sondern eine Religion. Der Vorwurf, jede Kritik an Kopftuch oder Burka sei rassistisch, macht uns nur mundtot."

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes appelliert an die Politik:

"In unserer liberalen und demokratischen Gesellschaft müssen einer jeden und einem jeden die durch unsere Verfassung garantierten Grund- und Freiheitsrechte zugesprochen werden. Die Burka und der Nikab jedoch berauben die Trägerin ihrer Menschenwürde und ihrer egalitären Rechte. Aus diesem Grund rufen wir alle Politiker dazu auf, Stellung gegen die Burka und für unser Grundgesetz zu beziehen."

Eine Reihe von Lesern sehen ein Verbot der Vollverschleierung kritisch. Sie warnen vor pauschalen Verdächtigungen. Ein Jurist schreibt:

"Um ein Burkaverbot auch vor dem Hintergrund von Art. 4 Abs. 1 GG (also der Religionsfreiheit, Anm. der Redaktion) durchhalten zu können, müssten also Rechte Dritter in der Abwägung gegenüber denen der Burkaträgerin schwerer wiegen als die Handlungsfreiheit und die Religionsausübungsfreiheit der Grundrechtsinhaberin. Das wird, glaube ich, sehr schwierig zu begründen; mir fiele insofern nur ein, dass der Staat gegenüber anderen Bürgern auch eine Pflicht haben könnte, sie in der Öffentlichkeit wiederum vor einer 'religiösen Indoktrinierung' und damit in ihrer (negativen) Religionsfreiheit zu schützen. Ob das allerdings allein durch den Anblick einer Burka der Fall ist, der dann noch schwerer wiegen muss als das Recht der Burkaträgerin selbst, wage ich zu bezweifeln."

Ein Leser beklagt, es werde ihm in Diskussionen fälschlicherweise unterstellt, er schreibe seiner Frau das Kopftuch vor.

Solange nicht wirklich jemand "mal genau recherchiert, inwieweit die Aussage, '...dass die meisten Frauen Burka oder Nikab eben nicht aus eigener Entscheidung tragen...' zutrifft, können von mir aus alle anderen davon ausgehen, aber auf Grund der bloßen Annahme von einer Mehrheit Gesetze zu erlassen, die eine Minderheit im Zweifel stark einschränkt, halte ich nichts. Wenn wir uns für so fortschrittlich gegenüber anderen Ländern, die ihren Bewohnern vorschreiben, was sie zu tragen haben, fühlen und öffentlich geben, dann sollten wir das auch, solange es nicht gegen das Grundgesetz verstößt, komplett durchziehen und somit ein Zeichen an die Länder geben, die wir kritisieren."

Auch ein muslimischer Mann, dessen Verwandte sich nach seinen Angaben zu sehr unterschiedlichem Grad - Hidschab, Nikab, Tschador - verschleiern würden, schreibt SPIEGEL ONLINE. Ihn mache die Botschaft der Autorin traurig:

"Ein Fetzen Stoff entscheidet, ob du in Deutschland sein solltest oder nicht. Nicht deine Kindheit, nicht deine Norm und Werte, nicht die Menschen, die dich lieben und auch nicht dein Menschsein...nein...ein Fetzen Stoff trennt dich von allen diesen Dingen."

anr

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Seite 1
Olaf 24.08.2016
1.
---Zitat--- "Ein Fetzen Stoff entscheidet, ob du in Deutschland sein solltest oder nicht. Nicht deine Kindheit, nicht deine Norm und Werte, nicht die Menschen, die dich lieben und auch nicht dein Menschsein... nein.. ein Fetzen Stoff trennt dich von allen diesen Dingen." ---Zitatende--- Wenn dieser Fetzen Stoff so unwichtig ist, kann man ja auch auf ihn verzichten. Ansonsten wird er als Signal verstanden, dass man eben nicht in Deutschland angekommen ist.
Katana Seiko 24.08.2016
2. Ganz einfach..
Wir haben in Deutschland ein Vermummungsverbot. Das gilt für Männer die Steine auf Asylanten werfen wollen genauso wie für die Asylanten selbst. Und es gibt einfach Stellen, an denen Toleranz zu weit geht.
stefan.martens.75 24.08.2016
3. Meine Meinung
Jeder hat das Recht seine Dummheit offen zur Schau zu tragen. Aber: Die Burka ist ein Symbol und dieses steht fuer eine völlige gesellschaftliche Auslöschung der Frau. Der Mensch unter diesem Kleidungsstück existiert praktisch nicht mehr. Er ist aus der Gesellschaft entfernt. Da stellen sich in der Tat Fragen. Nackt darf auch niemand durch die Gegend laufen. Und mehrere Symbole die für die Ächtung und Eleminierung bestimmter Gruppen stehen, sind auch verboten.
Atheist_Crusader 24.08.2016
4.
Zum letzten Kommentar: Nein. Was mich betrifft, ist die Frage des nach-Deutschland-gehörens (oder generell in westliche Gesellschaften) primär eine Frage des Wollens. Will ich ein Teil dieser Gesellschaften sein? Teile ich einen Großteil ihrer Werte, kann ich mich mit einem guten Teil ihrer Kultur identifizieren, möchte ich tatsächlich mit diesen Menschen leben? Oder bin ich nicht doch eher auf der Suche nach einem wohlhabenden Land in dem ich genauso weiterleben kann, wie in dem Land aus dem ich (oder meine Eltern) komme? Wenn man die ersten Fragen mit Ja und die letzte mit Nein beantworten kann, dann habe ich keine Probleme damit, dass diese Person hier lebt. Aber Integration ist ein einziger großer Kompromiss und wer immer für eine Vollverschleierung ist, zeigt damit, dass er dies nicht verstanden hat. Anderen Menschen ins Gesicht blicken zu wollen ist ein Teil nicht verhandelbarer Teil unserer Kultur. Wer das ablehnt, gibt damit offen zu verstehen, dass er nichts auf die Menschen und die Gesellschaft hier gibt und sich so weit wie möglich von ihnen distanzieren will. Drastischer als mit so einer Vollverkleidung kann man das Problem mit den Parallelgesellschaften wohl nicht zeigen: "Ich lebe in eurem Land. Als mein Land will ich es nicht sehen, denn mit solchen wie euch will ich mein Land nicht teilen. Also bleibt mir vom Leib. Schaut mich nicht an." (bzw. "Schaut meine Frau nicht an! Mein Eigentum wird weniger wert, je mehr Leute es sehen!"). Nein, sorry. Kopftuch, Tschador, Burkini... finde ich alles nicht toll, aber das ist alles wenigstens ein Kompromiss und zeigt das Minimun an Respekt: das Gesicht. Und sollte deshalb meiner Ansicht nach auch nicht verboten werden. Die Burka, Nikab und anderen Vollverschleierung dagegen ist die Spucke in unserem kollektiven Gesicht. Deutlicher kann man uns als Gesellschaft keine Absage erteilen.
leutzscher 24.08.2016
5. Diese Entscheidung ...
... sollte der jeweiligen Frau selbst zustehen. So steht es im Grundgesetz und auch nur so kann es ausgelegt werden. Alles andere ist wieder mal die übliche Rechtsbeugung. Was nehmen sich einige wieder raus, im Namen dieser Frauen zu sprechen? Natürlich darf niemand zu Burka & Co gezwungen werden. Aber einige werden ja schon hysterisch, wenn sie nur ein Kopftuch sehen. Niemand käme auf die Idee, den Nonnen ihren Habit verbieten zu wollen. Warum eigentlich nicht? Auch das ist ein Zeichen der Unterdrückung der Frau im Christentum. Oder ist das wieder die gute Unterdrückung, weil westliche Tradition? Haben wir echt keine anderen Probleme und Konzepte, die besser in die zeiten des Madrider hutaufstandes passen würde statt in eine (selbsternannte) aufgeklärte Gesellschaft mit Meinungs- und Religionsfreiheit? Wer sich fürchtet, mit einer Trägerin von Burka & Co zu sprechen, muß das ja nicht tun. Nur was passiert mit diesen Frauen, wenn sie wirklich von ihren Männern unterdrückt werden? Das wird dann mit Verbot von Burka & Co ganz bestimmte deren Teilhabe am öffentlichen Leben steigern, gelle? Genau so, als würde man allen katholischen Frauen ab sofort die Verhüllung der weiblichen Brust verbieten. Die katholischen Männer würden die dann scharenweise barbusig auf die Straße schicken. Nu freilich! Es gibt andere Mögichkeiten, für Frauenrechte einzutreten. Nur die Ecke, aus der gerade jetzt diese Getöse kommt, macht das ganz - zumindest als Vertretung für Frauenrechte - ziemlich unglaubwürdig. Es geht darum, dem Islam und den Muslimen einen mitzugeben. Eine echte freiheitliche Gesellschaft könnte damit wesentlich entspannder umgehen.
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