Debatte um Vollverschleierung Der Wahrheit ins Gesicht schauen

Burka oder Nikab sind kein Ausdruck von Religiosität. Der Vollschleier ist ein Herrschaftsinstrument, um Frauen zu unterdrücken und ihnen Gesicht und Freiheit zu nehmen.

Vollverschleierte Frauen mit Nikab
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Vollverschleierte Frauen mit Nikab

Ein Kommentar von


In einem Punkt sind sich Politiker und Kommentatoren einig: Die Burka oder andere Formen der Körper- und Gesichtsverschleierung bei muslimischen Frauen sind verstörend und - wie es die Kanzlerin zuletzt formuliert hat - hinderlich bei der Integration.

Dann aber ist mit der Einigkeit auch schon vorbei. Wie groß ist das Problem? Und was folgt daraus? Die Innenminister der Union plädieren für ein Teilverbot, Grüne, SPD und Linke dagegen winken ab, nur vereinzelt sind von dort Stimmen zu hören, die Verständnis haben für die Pläne, die Gesichtsschleier aus möglichst vielen öffentlichen Bereichen zu verbannen.

Dabei ist es falsch, dass die Parteien links der Union den konservativen das Thema überlassen. Mehr noch: Es widerspricht ihren eigenen Grundsätzen.

Denn im Kern geht es beim Umgang mit Burkas und Nikabs darum, ob wir unsere eigenen Werte gegen die Auslegung durch Radikale schützen wollen, oder ob wir die Radikalen selbst schützen wollen und dabei unsere Werte wie die Menschenwürde oder die Gleichheit der Geschlechter zu ihren Gunsten relativieren.

Die Argumente, die immer wieder gegen ein Verbot vorgebracht werden, basieren auf fraglichen Annahmen: So heißt es immer wieder, ein Verbot des Vollschleiers sei nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar. Oder: Weil es nur wenige Burkas und Nikabs in Deutschland gebe, gehe es um eine Scheindebatte. Oder: Wäre der Schleier in der Öffentlichkeit verboten, gingen die betroffenen Frauen gar nicht mehr aus dem Haus.

Alle drei Argumente haben erhebliche Schwächen.

  • Erstens: Burka oder Nikab sind kein Ausdruck von Religiosität. Vielmehr ist der Vollschleier ein Herrschaftsinstrument, um Frauen zu unterdrücken und ihnen in der Öffentlichkeit Gesicht und Freiheit zu nehmen. Burka und Nikab sind allein Merkmale eines radikalen Islam. Diese radikalen Muslime aber lehnen so ziemlich alles ab, was das Grundgesetz als Wert definiert, übrigens wohl auch die Religionsfreiheit.

    Es ist fatal, alles, was vorgeblich im Namen der Religion getan wird, auch unter den Schutz der Religionsfreiheit zu stellen. Dafür, was eine liberale Gesellschaft aushalten muss, gibt es überdies Grenzen, spätestens wenn seelische oder körperliche Gewalt ausgeübt wird.

    Und selbst wenn mit der Religionsfreiheit gegen ein Burkaverbot argumentiert wird: Die Menschenwürde hat in unserem Grundgesetz durch Artikel eins den höchsten Verfassungswert. Die Vollverschleierung aber nimmt Frauen die Würde, weil sie durch sie letztlich nicht mehr als Mensch erkennbar sind und kaum mehr in den Lage sind, grundlegende, menschliche Aktivitäten auszuführen - zu essen, zu trinken oder auch Gefühle zu zeigen.
  • Zweitens: In Deutschland treten nur wenige Musliminnen vollverschleiert auf die Straße. Das ist kein Grund, darüber hinwegzusehen. Wenn etwas gegen die Menschenwürde oder Freiheit und Gleichheit verstößt, dann tut es das auch, wenn es nur selten vorkommt.
  • Drittens: Die Behauptung, ein Verbot führe automatisch dazu, dass die normalerweise vollverschleierten Frauen gar nicht mehr nach draußen gehen und in ihren Wohnungen wie in einem Gefängnis sitzen, ist zunächst einmal nur das: eine Behauptung. Es ist genauso denkbar, dass die Männer der ehemals Burka tragenden Frauen keine Lust haben, selbst einkaufen zu gehen. Dass wir Verstöße gegen unsere Werte hinnehmen mit der sehr theoretischen Begründung, wir müssten die Frauen davor schützen, ansonsten im eigenen Zuhause regelrecht eingesperrt zu sein, ist jedenfalls absurd.

    Im Übrigen ist auch der Vollschleier ein Gefängnis. Gesellschaftliche und soziale Teilhabe, Interaktion - ja Integration - sind unter dem Stoff kaum vorstellbar.

Schließlich heißt es auch immer wieder: Viele Frauen tragen den Gesichtsschleier freiwillig. Weil aber kaum jemand Zweifel daran hat, dass die meisten Frauen Burka oder Nikab eben nicht aus eigener Entscheidung tragen, und der Gegenbeweis nicht verlässlich angetreten werden kann, könnte man mit einem Verbot eben jenen Frauen, die die Vollverschleierung als Ausdruck der Selbstbestimmung postulieren, signalisieren: Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

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insgesamt 275 Beiträge
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Seite 1
bördeknüppel 23.08.2016
1. Interessanter Denkansatz !
Dennoch betrachte ich die ganze Diskussion als an den Haaren herbei gezogen . ( zumal in Deutschland immer noch Zwangsehen geschlossen werden können und die Ehe mit Minderjährigen und die Ehe mit mehreren Frauen bei Asylanten ERLAUBT ist ) Wir werden mit den hunderttausenden Asylanten ganz andere Probleme bekommen , wenn diese wenig gebildeten jungen Menschen - sie können nicht dafür - keinen Arbeitsplatz erhalten werden ! PS: Sie fliehen übrigens vor genau den Kriegen , die der Westen mit zu verantworten hat !!!
Martin Franck 23.08.2016
2. Sehr gut
Ich kann allen drei Punkten zustimmen. Es ist positiv so etwas in Spiegel online zu lesen. Ebenso positiv ist es, daß man damit aufdeckt, wie die linken Parteien ihre Grundsätze verraten. Hut ab.
Mach999 23.08.2016
3.
Es geht hier nicht um Religionsfreiheit, sondern um die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wer sich dafür voll verschleiern möchte, möge dies tun. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es für gewöhnlich so, dass derjenige, der Freiheit beschränken will, dies begründen muss. Die Seite, die Vollverschleierung verbieten will, hat bisher keine wirklich triftigen Gründe vorgebracht. Bisherige Argumente: "Ich will das nicht sehen." Will ich auch nicht. Ich finde das bescheuert. Aber ich will auch keine weißen Socken in Sandalen sehen, und trotzdem verbiete ich es nicht. "Verstößt gegen Freiheit." Der Autor dieses Beitrags will die Freiheit der Kleiderwahl einschränken, um die Freiheit der Frau zu schützen, ohne die Frau gefragt zu haben. Und die Frau, die diese Freiheit wahrnimmt, soll dafür bestraft werden. Das ist eine Perversion des Freiheitsgedankens. "Verstößt gegen Gleichheit" Röcke und High Heels auch. "Verstößt gegen die Menschenwürde" Es verstößt gegen die Menschenwürde, einer Frau die Fähigkeit abzusprechen, sich selbst für ihre Kleidung zu entscheiden. Man geht immer davon aus, dass Frauen sich nur unter Druck der Männer voll verschleiern (möchte dann aber die Frauen dafür bestrafen). Aber haben Sie diese Frauen schon einmal gefragt, ob sie es anders wollen? In Deutschland haben sie die freie Wahl. Wir sind hier nicht im Iran oder Afghanistan.
andiewand 23.08.2016
4. Toleranz
Der Kommentar trifft meine Meinung ziemlich genau. Zu viel Toleranz gegenüber Intoleranz schafft Toleranz irgendwann ab. Schwieriges Thema!
rubikon2016 23.08.2016
5. Dem ist nichts hinzuzufügen, danke
für diese klare Stellungnahme. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sollte zu der Angelegenheit gesagt und entsprechend durch die Politik entschieden werden.
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