Meinungskampf Bei Rechten reden

Im Prinzip finden reden alle gut. Doch wenn es konkret wird, zucken viele zurück - das werte die Gegenseite nur auf. Unser Kolumnist hat die Aufforderung zum Reden ernst genommen und war beim Burschentag in Eisenach.

Deutsche Burschenschaft in Eisenach (Archivbild)
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Deutsche Burschenschaft in Eisenach (Archivbild)

Eine Kolumne von


Ich war am Wochenende auf dem Burschentag in Eisenach. Der Burschentag ist die Zusammenkunft von 67 studentischen Verbindungen, die in der Deutschen Burschenschaft zusammengeschlossen sind. Einmal im Jahr trifft man sich in Thüringen, um bei viel Bier über die Vorhaben für das kommende Jahr zu reden.

Ich habe mit Leuten, die einem mit Schmerz in der Stimme erklären, warum wir den Krieg verloren haben, nicht viel am Hut. Auch Abstammungsfragen lassen mich kalt. Vor ein paar Jahren gab es Riesenärger, weil die "Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn" unbedingt festgestellt wissen wollte, ob das chinesischstämmige Mitglied einer anderen Verbindung den Anforderungen ans Deutschtum genüge. Das sind so die Fragen, mit denen man sich in diesem Milieu herumschlägt.

Anderseits gehe ich keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Ich habe in Göttingen mit Mitgliedern des schwarzen Blocks diskutiert und in Lübeck mit Ralf Stegner, als er mich in sein Bundesland einlud. Ich würde auch sofort bei der Linkspartei auftreten, wenn sie mich dort einladen würden, ungeachtet der Tatsache, dass der Verfassungsschutz hier ebenfalls lange sein Auge drauf hatte. Vor mir war Alexander Gauland in Eisenach aufgetreten, davor der Kleinverleger Götz Kubitschek. Soll man wirklich Nein sagen, wenn man als Repräsentant der sogenannten Mainstreammedien die Gelegenheit hat, vor Leuten zu reden, die Blätter wie den SPIEGEL für Staatspresse oder noch Schlimmeres halten?

"Mit Rechten reden", heißt der Titel eines Buches, das im vergangenen Herbst einige Popularität erlangte. Im Prinzip finden reden alle gut. Nur wenn es konkret wird, zucken viele zurück. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat vor einigen Monaten der "Jungen Freiheit" ein Interview gegeben, in dem sie darlegte, was sie an der Neuen Rechten stört. Mit der "Jungen Freiheit" zu reden ist immer noch ein Tabu. Mit denen redet man nicht, heißt es, das werte die nur auf. Das Interview wurde in linken Kreisen entsprechend kritisch gesehen. Mich hat Hayalis Entscheidung beeindruckt, das hätte ich ihr gar nicht zugetraut.

Dunja Hayali
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Dunja Hayali

Dass man nicht sagen dürfe, was man denke, ist ein zentraler Topos der rechten Ideologie. Man darf alles sagen, es hat unter Umständen nur Folgen, war meine Antwort in Eisenach auf die Behauptung, wir lebten in einer Meinungsdiktatur.

Wer zum Beispiel der Auffassung ist, dass Reinhard Heydrich eine ordentliche Politik im Osten gemacht habe, den wird man für jemanden halten, der entweder im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst hat - oder aber Sympathien für die Leute hegt, die vor 75 Jahren Europa in ein Schlachthaus verwandelt haben. Man landet deswegen nicht im Knast. Man kann sogar politisch Karriere machen. Zum Bezirksverordneten bei der AfD reicht es allemal. Man sollte nur nicht erwarten, dass einem die Mehrheit der Deutschen zustimmt.

Ohne Tabus gibt es keine Grenzen, und eine grenzenlose Gesellschaft ist keine. Interessanterweise ist man nicht einmal bei der AfD der Meinung, dass alles sagbar sein sollte. Wenn ein Politiker der Grünen auf einer Demo auftritt, auf der "Deutschland verrecke" skandiert wird, kann man sicher sein, dass sich jemand findet, der das für einen Skandal hält. Auch ein forsches Plädoyer für den Sex mit Kindern oder die Tötung von Hunden zum baldigen Verzehr würde auf einigen Widerspruch stoßen. Offenbar ist die Wahrnehmung, was man sagen können darf und was nicht, sehr stark durch die politischen Neigungen geprägt. Lügenpresse sind immer die anderen.

Die Reaktionen auf meine Rede waren gespalten. Ein Teil des Publikums war entgeistert, dass nicht wieder ein strammer Rechter die Festrede gehalten hatte, sondern ein Mann vom SPIEGEL, der seine Scherze über die AfD und deren Untergangssehnsucht trieb. "Was für eine miese Rede", brach es anschließend aus einem Teilnehmer heraus. "Ich hoffe, dass sich das nie wiederholt." Andere kamen und bedankten sich. "Wie schön, dass wir einmal nicht hören mussten, dass Deutschland dem Ende geweiht ist", sagte ein Teilnehmer. "Wenn man immer nur zu hören bekommt, was alle in ihrer Meinung bestärkt, wird man doch blöd."

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Je näher man heranrückt, desto vielfältiger wird manchmal das Bild. Mich hatte die "Münchener Burschenschaft Alemannia" eingeladen, die dieses Jahr beim Burschentag den Vorsitz führte. Die Alemannia München gehört zum liberalen Flügel, was sich unter anderem darin äußert, dass man dort gleichzeitig Verbindungsstudent und SPD-Mitglied sein kann. Später am Abend stieß ich auf den ehemaligen CDU-Finanzsenator Peter Kurth, der für das Event eigens aus Berlin angereist war. Ein offen schwul lebender Politiker unter lauter Rechten? Ganz so homogen scheint es nicht einmal bei der Burschenschaft zuzugehen.

Der sicherste Weg, die Kohäsionskräfte in einer Gruppe zu stärken, ist es, von außen Druck auszuüben. Je größer der Druck, desto schwieriger wird es für den Einzelnen, sich abzusetzen. Die größte Freude, die man den Anführern der AfD machen kann, sind Demonstrationen wie am Wochenende in Berlin, die jeden AfD-Anhänger in seinem Glauben bestärken, Widerstandskämpfer in einer feindlichen Umgebung zu sein.

Daraus folgt nicht, dass man die politische Auseinandersetzung ausfallen lassen sollte. Bedingungslose Liebe ist auch kein Konzept. Aber man sollte es sich im Meinungskampf nicht zu einfach machen. Die Wahrheit ist, dass der Demonstrationszug für die Teilnehmer mindestens so wichtig ist wie für die Anliegen, die sie vertreten. Was gibt es Schöneres, als sich von Tausenden Gleichgesinnten versichern zu lassen, dass man auf der richtigen Seite steht? Am Ende wird man keinen einzigen Sympathisanten der Gegenseite überzeugt haben, aber mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, es den anderen gezeigt zu haben. Der Hayali-Weg ist mühsamer, aber auf ihm lernt man mehr.

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insgesamt 128 Beiträge
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matjesfischer 31.05.2018
1. Redentext
Sehr geehrter Herr Fleischhauer, mich interessiert der Text Ihrer Rede. Kann man den irgendwo nachlesen? Mit freundlichen Grüßen, Mattias Timm
evanildo 31.05.2018
2. Naiv
Es ist nicht alles falsch, was Fleischhauer hier schreibt. Trotzdem auch eine Menge - tatsächlicher oder vorgeschobener - Naivität dabei. Zum Beispiel: fragen Sie sich nicht, warum ausgerechnet Sie eingeladen wurden und nicht etwa Kollege Augstein? Offenbar hat man doch eine gewisse Seelenverwandtschaft mindestens vermutet. Oder: wundern Sie sich echt, dass ein Schwuler rechts sein kann? Ernsthaft? Sie wissen nichts über prominente Nazis? Den Namen Haider nie gehört? Von Frau Weidel auch nicht?Es gibt Clubs „Schwule in der AfD“, und Herr Spahn ist auch so schwul wie erzkonservativ bis noch etwas weiter rechts. Das ist mir als Schwulem zwar auch ein Rätsel, schließlich sind wohl nur wenige Juden der NSDAP beigetreten, aber bekannt ist mir dieses Absurdum dennoch...
jan07 31.05.2018
3. Mehr Streitgespräch wagen
Herr Fleischhauer hat völlig Recht. Miteinander reden, sich dabei ernst nehmen, auf andere Meinungen argumentativ eingehen (ohne ihnen zustimmen zu müssen, das ist klar) und sich nicht nur gegenseitig Stereotype an den Kopf schmeißen, die ich hier nicht zitieren will, weil sie einen längst anöden. Als Beispiel nenne ich mal das legendäre Streitgespräch zwischen Dahrendorf und Dutschke am Rande des FDP-Parteitags in Freiburg. Ja, davon bräuchten wir mehr. Warum nicht Gastredner der AfD auf Parteitagen der Grünen oder der CDU? Warum nicht ein Auftritt von Frau Wagenknecht oder Herrn Habeck auf einem AfD-Konvent? Stattdessen giftet man sich nur in Talkshows der ARD gegenseitig an, wobei die Moderatoren des 'Öffentlich Rechtliche Fernsehen' jegliche Neutralität vermissen lassen und von Anbeginn Gut und Böse sortieren, bzw. das, was sie davon halten. 'Mehr Demokratie wagen' sagte dereinst Brandt. Mehr faires Streitgespräch wagen - das wäre schon mal ein Anfang hierfür!
noethlich 31.05.2018
4. Guter Beitrag
Als freiheits- und wahrheitsliebender Mensch sollte man sich für alle Meinungen interessieren. Zumeist stellt sich heraus, dass auf jeder Seite ein Teil der Wahrheit zu finden ist. Ich unterstütze Ihre Initiative, mit Menschen jeder Einstellung zu reden, sofern denn zugehört wird. Es gibt ja auch links wie rechts Kreise, die sind so verbohrt, da kommt man gar nicht mehr durch. Da macht dann auch reden keinen Sinn. Aber das sind zum Glück nur die Ränder. Leider haben die mit Twitter und Facebook jetzt einen ziemlichen Verstärker erhalten und Nuancen brüllen sich nicht so gut in Parolen. Umso wichtiger ist es, Plattformen wie die, die Ihnen hier geboten wurde, zu nutzen.
ernstmoritzarndt 31.05.2018
5. Stimmung auf der Veranstaltung nicht erfaßt!
Verf. hat die dortige Stimmung nicht richtig erfaßt. Das Problem ist nicht, was dem Verf. dort gesagt wurde, sondern das, was nicht gesagt wurde. Die Herrschaften sind nämlich nicht "dämlich", sondern wissen ganz genau, wem sie was sagen können. Die tatsächlichen "Klopfer" zu Heydrich & Consorten kommen dann, wenn man die Lufthoheit über den Stammtischen gerade widergewonnen hat und zwar im kleinen und vertrauten Kreise. Nicht völlig verkehrt ist der Tatbestand, daß die Münchener Burschenschaft Alemannia nicht gerade zu den Scharfmachern gehört, sondern eher (im dortigen Verband) eine mittlere Linie fährt. Die burschenschaftliche Szene ist allerdings aufgrund der von Ihnen geschilderten Vorgänge vor einigen Jahren derartig zerrissen, daß irgendeine Zusammenarbeit nicht mehr in Frage kommt. Weit über 40 Burschenschaften haben empört den Verband wegen der damaligen Vorfälle verlassen - und das sind gerade die mitgliederstarken Verbände gewesen. Sie haben sich neu in der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft engagiert. Die sog. Urburschenschaften gehören keinem Verband mehr an, es gibt darüber hinaus noch einen kleineren (liberalen) Verband (NDB) und andere kleinere Zusammenschlüsse, die allerdings nicht publikumswirksam auftreten. Die Deutsche Burschenschaft wird hinsichtlich ihrer politischen Positionen weitgehend bestimmt von Burschenschaften aus Österreich und der Bundesrepublik, die man getrost im Bereich der AfD, der Freiheitlichen in der Rep. Österreich verorten kann. Mit ihnen ist eine Verständigung auf die Werte unseres Grundgesetzes nicht möglich. Sie führen das Wort über diese Werte zwar dauernd im Munde (wir sind freiheitlich), wollen sie aber in concreto (Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit pp.) nicht flächen- und bevölkerungsdeckend anwenden - bei Migranten ist dann doch alles etwas anderes. Vielfach gibt es dort auch freundlich lächelnde Putin - Anhänger.
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