Bush in Stralsund Die teuerste Grillparty der Welt

Heute kommt George W. Bush zu seinem bisher längsten Deutschlandbesuch. Beim Grillen ohne Krawattenzwang will der US-Präsident von Angela Merkel Anekdoten aus der DDR hören.

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Berlin - Geheimnisvolle Flugzeuge parken auf Regionalflughäfen, Kampftaucher durchpflügen den Dorfteich, am Ostseestrand ankert ein Kriegsschiff, Garagen werden zwangsgeräumt, und auch die Gullydeckel werden wieder verschweißt: Auf den ersten Blick unterscheidet nichts den Besuch des US-Präsidenten in Mecklenburg-Vorpommern von früheren Reisen.

Gut bewachter Grillplatz: "Die Kanzlerin und ihr Gast"
DPA

Gut bewachter Grillplatz: "Die Kanzlerin und ihr Gast"

Und doch soll diesmal alles anders werden. Bei seinem letzten Deutschlandbesuch, im Februar 2005 in Mainz, soll Bush selbst die Sicherheitsmaßnahmen übertrieben gefunden haben. Sein Konvoi fuhr durch menschenleere Straßen - eine Erfahrung, die der Präsident angeblich nicht noch einmal machen möchte.

Deshalb ist in Stralsund nun "auch die Bevölkerung dabei", wie man es gestern in deutschen Regierungskreisen ausdrückte. Die amerikanische Seite habe sich ausdrücklich "Bürgernähe" gewünscht. Tausend Zuschauer dürfen die Begrüßungsreden auf dem Alten Markt in der Hansestadt verfolgen. Ausgewählt wurden sie von den Rathäusern und Landratsämtern der Umgebung. Auch Bewerbungen von einzelnen Bürgern waren eingegangen. Rund 50 handverlesene Gäste sind zum Grillabend mit Bush und Merkel im 30 Kilometer entfernten Trinwillershagen geladen. Auch Ministerpräsident Harald Ringstorff sei "vielfach mit von der Partie", hieß es in Berlin. Der SPD-Politiker hatte die Vorbereitungen kritisiert.

Wenn Bush heute Abend von Ringstorff auf dem Flughafen Rostock empfangen wird, fährt er direkt ins Hotel nach Heiligendamm. Das Programm beginnt erst morgen in Stralsund, bevor der US-Präsident am Freitagmorgen nach St. Petersburg zum G8-Gipfel weiterfliegt.

"Bewusst locker"

Beim dritten Treffen von Merkel und Bush soll es vor allem um eine Vertiefung der persönlichen Basis gehen. Dann telefoniere es sich hinterher leichter, hieß es gestern in Berlin. Unbestrittenes Highlight ist daher der Grillabend, bei dem die Etikette "bewusst locker" gehalten werden soll. So wie es als Ehre gilt, auf Bushs Ranch im texanischen Crawford eingeladen zu werden, soll die Landpartie im Wilden Osten eine besondere Freundschaftsgeste sein. Je rustikaler, desto vertrauensbildender, dieser Maxime der Staatsmänner folgt nun auch Merkel. Zum Essen gibt es eine 30 Kilo schwere Wildsau sowie gegrillten Hirsch und Ente.

Die Idee für Bushs ersten Besuch in Ostdeutschland war beim Abendessen der beiden Regierungschefs im Januar in Washington entstanden. Bush fragte Merkel über das Leben in der DDR aus, sie lud ihn kurzerhand in ihren Wahlkreis Stralsund-Nordvorpommern-Rügen ein. Bush freue sich auf die "politische Heimat" der Kanzlerin, hieß es gestern in Berlin. Dass die Wahl ausgerechnet auf Trinwillershagen fiel, liegt daran, dass die Kanzlerin sich wohlwollend an eine Grillparty erinnert, die ihr hier im Wahlkampf bereitet worden war.

Trinwillershagen dürfte Bushs neues DDR-Faible befriedigen. Schon die SED-Führung führte Staatsgäste in die damalige Muster-LPG "Rotes Banner". Wenn man mit Bürgermeister Klaus-Dieter Tahn spricht, dann schwärmt er von dem einstigen Vorzeigedorf des Sozialismus wie von einer großen Liebe. Wunderbar ist so ein Wort, das er gern benutzt: der wunderbare Kindergarten, die wunderbaren Gehwege, der wunderbare Sportverein. Was man nicht alles habe in Trinwillershagen, ein Einkaufszentrum, eine Sparkasse, einen Friseursalon, zwei Gärtnereien, drei Ärzte, sieben landwirtschaftliche Betriebe, "ich will nichts vergessen", sagt der parteilose Bürgermeister.

Wahrscheinlich könnte er auch zu jedem Einwohner eine kleine Geschichte erzählen. Knapp 770 Menschen wohnen in Trinwillershagen, das alle nur kurz "Trin" nennen, die gesamte Gemeinde mit drei weiteren Orten hat rund 1400 Einwohner. "Es ist ländlich hier", sagt Tahn, der dem US-Präsidenten seinen Ort gern ausführlich präsentieren würde. Aber er weiß nicht, ob etwas daraus wird, "im Moment weiß ich ja noch nicht mal, wann es genau losgeht".

"Bush brauchen wir nicht"

Luftsprünge macht allerdings kaum ein Dörfler. "Bush brauchen wir nicht", sagt eine Rentnerin. Sogar der Gastwirt Olaf Micheel, der morgen Grillmeister spielen darf, ist auffällig zurückhaltend, wenn er über den prominenten Besuch spricht. Natürlich sei es eine "einmalige Chance" für das Dorf, das sich nun der ganzen Welt präsentieren könne. Er sagt aber auch: "Ich empfange unsere Kanzlerin und ihren Gast." Von der Kanzlerin spricht er dabei voller Anerkennung, "Frau Dr. Merkel" nennt er sie. Über Bush sagt Micheel wenig, nur so viel: Man müsse nicht mit allem einverstanden sein, um ihn zu empfangen.

Es ist nicht überraschend, dass der US-Präsident, der den Irak-Krieg und das Gefangenenlager Guantanamo zu verantworten hat, in Deutschland ein umstrittener Gast ist. Aber vermutlich hätte sich Merkel kaum einen Landstrich aussuchen können, in dem die Vorbehalte gegen Bush größer sind als in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 1998 regiert in dem Bundesland eine Koalition aus SPD und Linkspartei.PDS. Beide Parteien haben in der Vergangenheit deutliche Kritik am Kurs der Bush-Administration geübt. Die Sozialisten wettern seit Wochen gegen den Bush-Besuch und unterstützen Proteste, die das Motto "Not welcome, Mr. President" tragen. Dies führt jetzt zu einer bizarren Situation: Während Ringstorff den US-Präsidenten am Flughafen begrüßt, wird sein Stellvertreter, Umweltminister Harald Methling von der Linkspartei, auf einer Anti-Bush-Kundgebung sprechen.

Trotz der Umleitung der Demonstrationszüge wird Bush der Kritik kaum entgehen. So will der Pastor der Nikolaikirche in Stralsund dem Präsidenten bei der Besichtigung erklären, dass der Altar ein Mahnmal gegen den Krieg sei. Und auch der Bürgermeister von Trinwillershagen will den hohen Gast vorsichtig darauf hinweisen, dass man die Probleme der Welt nicht mit Krieg lösen kann. "Zu Gast bei Feinden", spottete die "taz" bereits.

Bush wird die Hinweise über sich ergehen lassen, so wie die meisten Anwohner den Ausnahmezustand hinnehmen. Er weiß inzwischen, wie die Deutschen ticken. Als ob er die Demonstranten ärgern wollte, ist dies sein bisher längster Deutschlandbesuch. Das erste Mal blieb er 19 Stunden in Berlin, das zweite Mal, in Mainz, nur achteinhalb Stunden. Diesmal bleibt er 36 Stunden - inklusive zwei Übernachtungen an der Ostsee im Luxushotel von Heiligendamm.

Gespräche über Iran und G8

Bushs neues Interesse an Deutschland ist nicht allein Angela Merkel geschuldet, mit der er ein vertraulicheres Verhältnis pflegt als mit Gerhard Schröder. Es liegt vor allem an seiner innenpolitischen Schwäche, die ihn stärker nach Verbündeten im Ausland suchen lässt.

Der Atomstreit mit Iran wird im Zentrum der Gespräche stehen. Auch sucht Bush in Merkel eine Alliierte und fachkundige Beraterin für den am Wochenende bevorstehenden G8-Gipfel in St. Petersburg. Es werde nicht nur gegrillt, sondern auch "sehr intensiv" an der internationalen Agenda gearbeitet, wurde in Regierungskreisen gestern betont. Schließlich soll nicht der Eindruck entstehen, man gebe die Millionen Euro nur zum Vergnügen aus.

Die Kostenfrage hatte bisher in der Öffentlichkeit im Vordergrund gestanden. Ministerpräsident Ringstorff höchstpersönlich hatte die Geldfrage angesprochen. Üblicherweise trägt das gastgebende Bundesland die Kosten, in Schwerin wird aber darauf verwiesen, dass Merkel Bush ohne Abstimmung mit der Staatskanzlei in ihren Heimatwahlkreis eingeladen habe. Als ärmstes Bundesland könne man nicht allein für diesen Besuch aufkommen, argumentiert Ringstorff. Zusätzliche Brisanz gewinnt der Streit, weil in zwei Monaten Landtagswahlen anstehen und CDU und SPD sich gegenseitig beschuldigen, den Besuch für ihren Wahlkampf zu missbrauchen.

Man habe die Kosten "so minimal wie möglich" gehalten, heißt es dazu in der Bundesregierung. Konkret heißt das: 12 Millionen Euro oder mehr. Der Aufwand sei gerechtfertigt, weil solche Besuche ein "wichtiger Akzent unserer Außenpolitik" seien, so die Regierungskreise.

Ringstorff wird sich jedenfalls wohl auf längere Verhandlungen einstellen müssen. Die Stadt Mainz wartet noch heute auf die zugesagte Finanzhilfe des Bundes. 145.000 Euro hatte man für den Bush-Besuch in Rechnung gestellt, der Bund wollte nach Angaben der Stadt ein Drittel davon übernehmen. Der Mainzer Oberbürgermeister hat gerade den neuesten Mahnbrief nach Berlin geschickt: Bisher hat das Kanzleramt erst 6000 Euro gezahlt.



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