Bushs Berlin-Besuch Alle(s) halb so wild?

Heute Abend wird George W. Bush in Berlin erwartet. Zu den von vielen befürchteten Krawallen kam es bei den Demonstrationen im Vorfeld der Visite des US-Präsident noch nicht. Zumindest bis heute Morgen blieb die Hauptstadt friedlich.

Von Holger Kulick


Blieb friedlich: Kundgebung in Berlin
AP

Blieb friedlich: Kundgebung in Berlin

Berlin - In amerikanischen Fernsehsendern wie CNN wurden in der vergangenen Nacht zwei bemerkenswerte "Messages" aus Berlin gemeldet. So zeigten Bilder mehrere tausend "peaceful" Demonstranten, die friedlich gegen die Politik des heute an der Spree erwarteten Staatsgastes George W. Bush auf die Straße gingen - ohne Krawall. Außerdem wurde dem US-Publikum eine Kuriosität vorgestellt - die neueste Werbeverkleidung der Baumaßnahmen am Brandenburger Tor. Auf einem Großfoto des Bauwerks lugt das Weiße Haus zwischen den Säulen hervor. Aus seiner Präsidentensuite im Berliner Hotel Adlon behält der US-Präsident somit auch seinen eigenen Amtssitz im Blick, wenn er am späten Mittwochabend in der Bundeshauptstadt eintrifft.

Über deutsche Mattscheiben flimmerte dagegen eine kleine Sensation aus Amerika. Die ARD-Tagesthemen durften George W. Bush persönlich interviewen und stellten einen gelösten Präsidenten vor, der sich mitnichten entsetzt über Demonstranten in Berlin zeigte, sondern sogar darüber freute: "Das ist Demokratie", lobte er und beschwichtigte Kriegsgegner: Er habe "keine Einsatzpläne" für einen Militärschlag gegen den Irak auf dem Tisch, wenn er sich auch "alle Optionen offen" halte.

"Bush-Trommeln" zum Abendessen

Heute gegen 21 Uhr trifft der US-Präsident zu seinem ersten Berlin-Besuch ein und wird zunächst "informell" mit Bundeskanzler Schröder, US-Botschafter Edward R. Coats und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit in einem Restaurant am Brandenburger Tor speisen. Dabei wollten ihm die Friedensdemonstranten lautstark auf die Nerven gehen, kündigten sie an. Sie riefen zum gemeinsamen "Bush-Trommeln" ab 18 Uhr auf der von ihnen so genannten "Friedensachse" Unter den Linden auf.

Stören dürfte dies den US-Präsidenten aber kaum. Schon in Höhe der Friedrichstraße, also rund 500 Meter entfernt, hat die Polizei Absperrungen vorbereitet. Laut Einsatzplan wird voraussichtlich schon ab Mittag das gesamte Gebiet zwischen Berliner Siegessäule, Reichstag, Kanzleramt, und Brandenburger Tor für mehr als 19 Stunden zum Pkw-Sperrgebiet erklärt. Umfassender waren Sicherheitsvorkehrungen beim Besuch eines US-Präsidenten noch nie.

Werbegag: Das Weiße Haus im Brandenburger Tor
DPA

Werbegag: Das Weiße Haus im Brandenburger Tor

10.000 Polizisten aus allen Bundesländern sind zum Schutz George W. Bushs im Einsatz. Bereits am Dienstag hatten sie einen großen Teil ihres Fuhrparks in den Nebenstraßen des Regierungsviertels geparkt, darunter Wasserwerfer und Räumpanzer sogar vor der russischen Botschaft. Zum Einsatz kamen sie jedoch nicht. Mit einem Konzert des Liedermachers Konstantin Wecker als Gast der PDS ging am Abend der erste von drei Demonstrationstagen gegen die gegenwärtige US-Politik zu Ende, ohne dass es zu Zusammenstößen kam.

So reichten den Beamten auf den gestrigen Großdemonstrationen einfache Basecaps statt Schutzhelme als Kopfschutz aus. Nur die Grünen waren kurzzeitig Opfer von Gewalt geworden, als linkssektiererische Demonstranten ihre Bühne stürmten. Zuvor hatte überraschend die konservative Berliner Boulevardzeitung "BZ" den grünen Außenminister Joschka Fischer auf ihrem Titelblatt mit den Worten "Danke Joschka!" gelobt, weil er sich dafür ausgesprochen hatte, Bush in Berlin genauso freundlich zu empfangen wie vor kurzem Russlands Präsident Wladimir Putin.

Herbeigeredete Gewalt?

Doch Gewaltszenarien hatten einzelne Medien und Politiker regelrecht heraufbeschworen. Die PDS-nahe Zeitung Neues Deutschland entfremdete dazu sogar eine Friedenstaube. Auf einer Zeichnung auf ihrem Titelblatt vom Dienstag formte sie einen Flügel der Taube zur Faust, die dem US-Präsidenten die Nase eindrückte. Noch krasser wurde an einem Posterstand am Rande der Demonstration zu Gewalt aufgerufen. Für 3,50 Euro wurde dort ein Plakat mit der Aufschrift."Todesstrafe für George W. Bush..." feilgeboten, produziert von einer Firma namens "Demokratiebedarf Neckartenzlingen". Auch als Satire ein geschmackloser Scherz.

Wortgewalt statt tätlicher Gewalt: Friedensdemonstranten in Berlin
REUTERS

Wortgewalt statt tätlicher Gewalt: Friedensdemonstranten in Berlin

Aber auch Parteipolitiker redeten Gewalt förmlich herbei. So am Rande einer Kundgebung der CDU- Jugendorganisation Junge Union, die am frühen Dienstagabend am ehemaligen alliierten Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charly stattfand. Kaum mehr als 150 Teilnehmer nahmen an der Demonstration unter dem Motto "Danke Amerika" teil. Für sie war seit einer Woche als Gegenveranstaltungen zum linken Protest gegen die Politik George W. Bushs geworben worden.

Der Grund: er sei sich "sicher", dass die Bilder, die im Anschluss an diese parallel verlaufende linke Demonstration um die Welt gehen würden, "Berlin und Deutschland in ein schlechtes Licht rücken", gab sich der ehemalige Berliner CDU-Spitzenkandidat Frank Steffel in Interviews überzeugt. Das werde ausländische Investoren abschrecken. Doch zumindest am Dienstagabend blieb seine Prognose unerfüllt. Dem Lagedienst der Berliner Polizei war bis heute Morgen "kein nennenswerter Zwischenfall" bekannt.



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