Cannabis-Legalisierung Die Regierung muss endlich dealen

Die Vorstöße zur regionalen Freigabe von Cannabis sind richtig - doch sie greifen zu kurz. Denn auch die bundesweite Legalisierung wäre sinnvoll. Es ist besser, die Realität zu regeln, als alte Ängste zu pflegen.

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Hanf-Pflanzen in einem Kölner Garten: Für viele so normal wie ein Glas Rotwein
DPA

Hanf-Pflanzen in einem Kölner Garten: Für viele so normal wie ein Glas Rotwein


Deutschland ist kein Einwanderungsland, tönte es noch lange von den Regierungsbänken, als Deutschland schon längst ein Einwanderungsland war. Ein Einwanderungsgesetz jedoch gibt es bis heute nicht.

Öffentlich gelebte Homosexualität ist längst kein Problem mehr in dieser Gesellschaft. Zur völligen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare einschließlich der Ehe für alle kann sich unsere Regierung aber trotzdem nicht durchringen.

Und es gibt noch eine dritte, genauso überkommene Lebenslüge der deutschen Politik: Kiffen ist gefährlich, deshalb muss Cannabis verboten bleiben. Dabei ist ein Joint dann und wann für viele Menschen in Deutschland längst so normal wie der Genuss eines Glases Rotwein. Trotzdem werden sie vom Gesetz als Straftäter behandelt, als seien sie gefährlich für sich selbst und andere, während die weitaus gefährlicheren Substanzen Alkohol und Tabak als Bestandteile unserer Genusskultur toleriert werden.

Schon klar: Cannabis ist nicht harmlos. Aber genau deshalb sollte sein Verkauf staatlicher Kontrolle unterliegen. Der Schwarzmarkt finanziert nur Kriminelle, mit einem legalen und versteuerten Verkauf könnte Suchtprävention finanziert werden.

Gut gemeinte Flickschusterei

Wen schützt das Verbot überhaupt? Kein 14-Jähriger, der unbedingt kiffen will, lässt sich heute vom gesetzlichen Verbot abschrecken. Verkäufer wird er überall finden, allerdings nur solche, die sich um seine Gesundheit wenig scheren. Auch für erwachsene, möglicherweise dem Missbrauch zuneigende Konsumenten wäre es besser, sie könnten sich direkt beim Verkäufer kompetent über Risiken und Nebenwirkungen informieren, als schnell im Park ein Tütchen zu kaufen, von dem sie nicht so genau wissen, was da eigentlich drin ist.

Immerhin, es tut sich etwas in Deutschland, doch die aktuellen Vorstöße zur Legalisierung sind rechtlich unsicher und nur regionale Projekte, angestoßen von Landespolitikern. Solange sich niemand aus der ersten Reihe von Union und SPD traut, die bundesweite Realität zu regeln, anstatt alten Ängsten anzuhängen, bleiben die Initiativen in Hamburg, Bremen und Berlin gut gemeinte Flickschusterei.

Doch die Kanzlerin gibt sich restriktiv, ohne überhaupt auf eine Debatte einzugehen. Ihre nicht minder restriktive Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) schreibt auf ihrer Homepage: "Ich will, dass in unserer Gesellschaft Kinder zu starken Persönlichkeiten heranwachsen können, die die Risiken von Suchtmitteln richtig einschätzen können." Ein ehrenwertes Anliegen - und eine kontrollierte Legalisierung wäre ein großer Schritt in diese Richtung.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
fridolin62 24.07.2015
1. Hoher Wirkstoffgehalt
Nach allem, was ich weiß, ist der Wirkstoffgehalt von Cannabis heute viel höher als noch vor einigen Jahrzehnten. Sogar gentechnisch veränderte Pflanzen sollen im Einsatz sein, was ja bei Nahrungspflanzen von vielen Menschen vehement abgelehnt wird. Ganz unabhängig davon, wie man zu einer Legalisierung steht, fürchte ich, dass die Gefährlichkeit von Cannabis daher vielfach unterschätzt wird. Und eine, wie auch immer geartete. Legalisierung wird die Prävention bei Jugendlichen nicht gerade vereinfachen. Und im übrigen halte ich Kriminalisierung und Repression durchaus für ein legitimes Mittel des Staates unter anderen, um die Gesundheit seiner Bürger zu schützen. Bei Helm- und Gurtplicht beispielsweise wird auch dann ein Bußgeld fällig, wenn ich "nur" mich selbst gefährde. Ein demokratisch legitimierter Staat wird sich aus dem Leben der Bürger niemals völlig heraushalten. Und auch Zeichen setzen, welche Verhaltensweisen für die Gesellschaft wünschenswert sind. Drogenkonsum gehört meiner Meinung nach nicht dazu.
holgerkraeft 24.07.2015
2. Ganz einfach mal...
... so nüchtern wie möglich recherchieren, warum Hanf als Nutzpflanze überhaupt verteufelt wurde. Warum z.B. Papier unbedingt aus Holz gemacht werden sollte. Wer waren die Profiteure dieser Entwicklung. Die Bevölkerungen der betreffenden Länder? Wohl kaum...
KJB 24.07.2015
3. Volle Zustimmung
Es ist absurd das in Deutschland die 0,7 Liter Flasche Vodka für 3,99 Euro an jeder Ecke legal zu erwerben ist, der Cannabis Erwerb jedoch kriminalisiert wird. Staatlich kontrollierter Verkauf mit reinvestition der Gewinne daraus zu 100% in die Prävention plus eine ähnliche Regelung wie die Promillegrenze bei Alkohol im Straßenverkehr wäre eine sinnvolle Lösung.
mzwk 24.07.2015
4. Das Katastrophale
ist nicht die Strafbarkeit der Kifferei, sondern die Verwaltungsakte der Behoerden in Bezug auf den Fuehrerschein. Sobald es Anzeichen fuer Konsum gibt und man einen FS hat, wird man zum Nachweis von Drogenfreiheit gezwungen, bekommt ggf. noch den FS abgenommen, obwohl man NICHTS mit dem Strassenverkehr zu tun hat. Ich erinnere an die Lehrerin, die in einem Taxi mit etwas Marijuana gestoppt wurde, der dann der FS abgenommen wurde. Sie ist nicht gefahren. Kann mir das jemand erklaeren? Dabei ist die irrationale Angst die dies begruendet falsch: Studien bewiesen das es selbst nach dem Konsum kein erhoehtes Unfallrisiko gebe, eher ein niedrigeres. Das erste was in diesem Lande passieren muss, ist das das aufhoeren muss.
grumpy53 24.07.2015
5. legal, illegal, sch***egal
Vorausbemerkung: ich bin Laie. Habe mich weder in die Gesetzeslage der Länder eingelesen, in denen ein joint legal ist, nochkenne ich im Detail die konkrete Forderung, wie das hierzulande zu regeln wäre. Und ja, ich bin mir bewußt über die Folgen von Tabak und Alkohol. Entkriminalisierung scheint ein sinnvolles Ziel. Und trotzdem glaube ich, dass der 14jährige, der meint das ausprobieren zu müssen, entweder einen dealer findet, der ihm irgendwas verkauft - oder einen leider wohlmeinenden Kumpel, der legalen Stoff besorgt, so wie er ihm auch aus dem Supermarkt die Falsche Billig-Vodka zum Vorglühen mitbringt. Wenn der Staat, bzw. die Apotheke den Stoff legal verkaufen würde - als Medikamentenersatz mehr als begrüßenswert - woher kommt das Zeug dann? Bauen wir also unter staatlicher Kontrolle Suchtmittel an, um zu verhindern, dass die so legal erworbene Ware frei von Düngungsmitteln, Pestiziden und Genmanipulation ist? Ganz neue Idee für leerstehende Atomkraftwerke oder Kasernen... Natürlich, dass man alles auf dem Schwarzmarkt finden kann, Hauptsache man kann bezahlen, sollte nicht abhalten, selbst abhängige Kleinkriminelle aus der Spirale der Illegalität zu holen, ob damit auch Beschaffungskriminalität wie Diebstahl, Raub und ähnliches zurückgehen? Ich befürchte, wenn man an das Thema faßt, wird es wieder auf einen einzigen Aspekt halblebig geregelt und der Nicht-Erfolg wird zu weiteren Verwerfungen führen. Ich hätte gerne, ohne dass ich die Verhältnisse wirklich für übertragbar halte, mal gerne genaue Zahlen, wie sich das in USA z.B. auswirkt mit dem freien Verkauf.
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