Von Johannes Korge, Gorleben
Die erste Warnung der Polizei kommt um 15 Uhr - und wird mit höhnischen Pfiffen quittiert. So einfach geben die rund 1600 Demonstranten die Straße nicht her. Über Hunderte Meter erstreckt sich die Sitzblockade, die "X-tausendmal quer" organisiert hat. Erst am Ortsschild von Gorleben ist Schluss. Wenige Kilometer entfernt wartet das Atommüllzwischenlager auf die strahlenden Behälter aus Frankreich. Das Menschenmeer auf der Transportstrecke L246 ist die letzte Bastion der Castor-Gegner.
Eine der Demonstrantinnen ist Minne, Ärztin aus Buchholz. Vor 24 Stunden ist sie vom Camp Gedelitz aus über Waldwege nach Gorleben gestapft. Jetzt sitzt sie auf einem Strohsack, in dicke Winterkleidung gehüllt, auf dem Asphalt. Ob sie bei der bevorstehenden Räumung Widerstand leisten will, weiß sie noch nicht. "Das hängt vom Verhalten der Polizei ab", sagt Minne. Die Beamten hätten sich in den vergangenen Stunden jedoch so dezent und höflich verhalten, dass ihr da nicht bange sei.
Mehr als hundert Stunden sind die elf Behälter mit insgesamt 1320 Tonnen radioaktivem Abfall von La Hague bis Gorleben bisher unterwegs. Damit ist der Rekord des Vorjahres bereits eingestellt, über 92 Stunden dauerte die Reise der Atommüll-Container damals. Allerdings hatten die Organisatoren den Transport nach dem Start in Frankreich mehrfach über längere Zeit zwischengeparkt. Auf der Straße vor Gorleben interessieren solche Feinheiten längst niemanden mehr. "Wir haben wieder ein Zeichen gesetzt gegen Atomkraft und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben", sagt Minne.
Improvisierter Adventskranz am Lagerfeuer
Neben ihr sitzt Anne, auch sie ist nicht zum ersten Mal hier in Gorleben mit dabei. Sie weiß genau, was es bei einer Straßenblockade im frühwinterlichen Wendland zu beachten gilt. "Wichtig ist eine dicke Plane als Basis, dann die Strohsäcke als Matratzenersatz. Darauf folgen Isomatten, Schlafsäcke - und eine weitere Plane als Schutz gegen Wind und Regen. Kurz nachdem sie ihr Camp am Sonntagnachmittag errichtet hatten, setzte es einen eiskalten Guss, berichtet Anne.
Dafür entschädigte der Abend mit klarem Himmel und bester Stimmung auf der Straße. "Wir haben am Lagerfeuer gesessen, gesungen und sogar der Polizei an der Absperrung ein Ständchen gebracht", sagt Minne. Die Gruppe hat sich im Wald die nötigen Bausteine für einen improvisierten Adventskranz zusammengesucht. Moos, Äste, Baumrinde, dazu mitgebrachte Mandarinen und Dörrobst. "Das ist mein erster erster Advent in einer Sitzblockade", sagt Minne.
Dann taucht plötzlich ein junger Mann auf. Er trägt einen Vollbart und langes dunkles Haar. Dominik ist Annes Sohn, längst selbst Castor-Gegner und hier zu seiner dritten Blockade des Wochenendes angereist.
In Harlingen hat er zuvor bereits auf den Castor-Gleisen gesessen, erst am frühen Samstagmorgen hatte die Polizei mehrere tausend Menschen von den Schienen geräumt. Stunden hat Dominik danach in einem Kessel aus Polizeifahrzeugen neben der Strecke verbracht - und sich nach seiner Freilassung umgehend in die nächste Blockieraktion gestürzt.
Langsam wird es eng
Dieses Mal saß er in Hitzacker im Gleisbett. In dem Ort, rund zehn Kilometer von Dannenberg entfernt, hatten mehrere hundert Castor-Gegner aus Solidarität zur Bäuerlichen Notgemeinschaft die Gleise besetzt. Vier Landwirte steckten derweil wenige Meter entfernt in einer selbstgebauten Betonpyramide fest. Erst nach 15 Stunden beendeten sie ihre Protestaktion freiwillig - auch dies eine neue Bestmarke. Alle Versuche der Polizei, die mit einem Großaufgebot vor Ort war, die Bauern mitsamt dem schweren Verkehrshindernis von der Strecke zu befördern, waren gescheitert.
Für Dominik war er die erste Gleisbesetzung, im Vorjahr hatte er nur am Sitzstreik auf der Straße nach Gorleben teilgenommen. Eigentlich wollte er nur einen Abend bleiben. "Doch dann habe ich gemerkt, dass die Begeisterung in diesem Jahr wieder voll da ist - und bin geblieben." Im Gleis hat er ein Mädchen wiedergetroffen, das 2010 seinen 18. Geburtstag während einer Schienenbesetzung gefeiert hatte: "Ob im Polizeikessel oder bei der Blockade: Man trifft immer Bekannte oder neue Freunde." Dominik will 2014 wiederkommen, wenn nuklearer Müll aus dem britischen Sellafield ins Wendland rollen soll. Auch Minne und Anne sind dann mit dabei, da sind sie sich jetzt schon sicher.
Es wird langsam dunkel in Gorleben, rund 20 Kilometer entfernt stehen in Dannenberg die Castor-Behälter auf ihren Tiefladern für die Fahrt Richtung Gorleben bereit. Helikopter kreisen über dem Bahnhofsgelände. Eine Greenpeace-Blockade auf halber Strecke - wie schon 2010 hatten sich die Umweltschützer in einem Fahrzeug versteckt und an der Straße festgeschraubt - kann die Polizei nach wenigen Stunden aus dem Weg schaffen. Nun wird es langsam eng für die letzte Bastion der Castor-Gegner, Wasserwerfer und schweres Gerät fahren hinter der Absperrung auf. Um kurz vor 16 Uhr sendet die Polizei die letzte Warnung.
Wenig später ist alles überraschend schnell vorbei. Beamte räumen die Sitzblockade - zum Teil recht ruppig. Die Polizei bestätigt selbst, dass "leichte Gewalt und Schmerzgriffe" bei denen angewendet würden, die sich widersetzen. Zuletzt wurden noch Aktivisten von "Robin Wood" eingefangen, die vor dem Zwischenlager in Bäumen hingen.
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