Castor-Blockade in Gorleben: Die letzte Bastion

Von , Gorleben

Mehr als 1600 Menschen haben mit einem Sitzstreik die Castor-Zufahrt nach Gorleben blockiert. 24 Stunden harrten sie auf der kalten Straße aus, dann räumte die Polizei die Blockade "mit leichter Gewalt und Schmerzgriffen". Zuvor hatten die Protestierenden den Beamten noch ein Ständchen gebracht.

DPA

Die erste Warnung der Polizei kommt um 15 Uhr - und wird mit höhnischen Pfiffen quittiert. So einfach geben die rund 1600 Demonstranten die Straße nicht her. Über Hunderte Meter erstreckt sich die Sitzblockade, die "X-tausendmal quer" organisiert hat. Erst am Ortsschild von Gorleben ist Schluss. Wenige Kilometer entfernt wartet das Atommüllzwischenlager auf die strahlenden Behälter aus Frankreich. Das Menschenmeer auf der Transportstrecke L246 ist die letzte Bastion der Castor-Gegner.

Eine der Demonstrantinnen ist Minne, Ärztin aus Buchholz. Vor 24 Stunden ist sie vom Camp Gedelitz aus über Waldwege nach Gorleben gestapft. Jetzt sitzt sie auf einem Strohsack, in dicke Winterkleidung gehüllt, auf dem Asphalt. Ob sie bei der bevorstehenden Räumung Widerstand leisten will, weiß sie noch nicht. "Das hängt vom Verhalten der Polizei ab", sagt Minne. Die Beamten hätten sich in den vergangenen Stunden jedoch so dezent und höflich verhalten, dass ihr da nicht bange sei.

Fotostrecke

20  Bilder
Castor-Transport: Sitzblockade auf den letzten Kilometern
Minne ist Castor-Veteranin: Seit mehr als zehn Jahren kommt sie zu Veranstaltungen und Demos des Atom-Widerstands, zum zweiten Mal sitzt sie aus Protest auf der Straße. Um sie herum lagert eine bunte Truppe, die der Kampf gegen die Atomkraft eint. Die Straße ist übersät mit Planen und Schlafsäcken. Wenige Meter entfernt legt ein DJ auf, zu Elektromusik tanzen Punks, Hippies, Normalos. Schon jetzt, bevor die Lkw das Zwischenlager überhaupt erreicht haben, feiern sie einen Castor-Transport der Extreme.

Mehr als hundert Stunden sind die elf Behälter mit insgesamt 1320 Tonnen radioaktivem Abfall von La Hague bis Gorleben bisher unterwegs. Damit ist der Rekord des Vorjahres bereits eingestellt, über 92 Stunden dauerte die Reise der Atommüll-Container damals. Allerdings hatten die Organisatoren den Transport nach dem Start in Frankreich mehrfach über längere Zeit zwischengeparkt. Auf der Straße vor Gorleben interessieren solche Feinheiten längst niemanden mehr. "Wir haben wieder ein Zeichen gesetzt gegen Atomkraft und gegen ein mögliches Endlager in Gorleben", sagt Minne.

Improvisierter Adventskranz am Lagerfeuer

Neben ihr sitzt Anne, auch sie ist nicht zum ersten Mal hier in Gorleben mit dabei. Sie weiß genau, was es bei einer Straßenblockade im frühwinterlichen Wendland zu beachten gilt. "Wichtig ist eine dicke Plane als Basis, dann die Strohsäcke als Matratzenersatz. Darauf folgen Isomatten, Schlafsäcke - und eine weitere Plane als Schutz gegen Wind und Regen. Kurz nachdem sie ihr Camp am Sonntagnachmittag errichtet hatten, setzte es einen eiskalten Guss, berichtet Anne.

Dafür entschädigte der Abend mit klarem Himmel und bester Stimmung auf der Straße. "Wir haben am Lagerfeuer gesessen, gesungen und sogar der Polizei an der Absperrung ein Ständchen gebracht", sagt Minne. Die Gruppe hat sich im Wald die nötigen Bausteine für einen improvisierten Adventskranz zusammengesucht. Moos, Äste, Baumrinde, dazu mitgebrachte Mandarinen und Dörrobst. "Das ist mein erster erster Advent in einer Sitzblockade", sagt Minne.

Dann taucht plötzlich ein junger Mann auf. Er trägt einen Vollbart und langes dunkles Haar. Dominik ist Annes Sohn, längst selbst Castor-Gegner und hier zu seiner dritten Blockade des Wochenendes angereist.

In Harlingen hat er zuvor bereits auf den Castor-Gleisen gesessen, erst am frühen Samstagmorgen hatte die Polizei mehrere tausend Menschen von den Schienen geräumt. Stunden hat Dominik danach in einem Kessel aus Polizeifahrzeugen neben der Strecke verbracht - und sich nach seiner Freilassung umgehend in die nächste Blockieraktion gestürzt.

Langsam wird es eng

Dieses Mal saß er in Hitzacker im Gleisbett. In dem Ort, rund zehn Kilometer von Dannenberg entfernt, hatten mehrere hundert Castor-Gegner aus Solidarität zur Bäuerlichen Notgemeinschaft die Gleise besetzt. Vier Landwirte steckten derweil wenige Meter entfernt in einer selbstgebauten Betonpyramide fest. Erst nach 15 Stunden beendeten sie ihre Protestaktion freiwillig - auch dies eine neue Bestmarke. Alle Versuche der Polizei, die mit einem Großaufgebot vor Ort war, die Bauern mitsamt dem schweren Verkehrshindernis von der Strecke zu befördern, waren gescheitert.

Für Dominik war er die erste Gleisbesetzung, im Vorjahr hatte er nur am Sitzstreik auf der Straße nach Gorleben teilgenommen. Eigentlich wollte er nur einen Abend bleiben. "Doch dann habe ich gemerkt, dass die Begeisterung in diesem Jahr wieder voll da ist - und bin geblieben." Im Gleis hat er ein Mädchen wiedergetroffen, das 2010 seinen 18. Geburtstag während einer Schienenbesetzung gefeiert hatte: "Ob im Polizeikessel oder bei der Blockade: Man trifft immer Bekannte oder neue Freunde." Dominik will 2014 wiederkommen, wenn nuklearer Müll aus dem britischen Sellafield ins Wendland rollen soll. Auch Minne und Anne sind dann mit dabei, da sind sie sich jetzt schon sicher.

Es wird langsam dunkel in Gorleben, rund 20 Kilometer entfernt stehen in Dannenberg die Castor-Behälter auf ihren Tiefladern für die Fahrt Richtung Gorleben bereit. Helikopter kreisen über dem Bahnhofsgelände. Eine Greenpeace-Blockade auf halber Strecke - wie schon 2010 hatten sich die Umweltschützer in einem Fahrzeug versteckt und an der Straße festgeschraubt - kann die Polizei nach wenigen Stunden aus dem Weg schaffen. Nun wird es langsam eng für die letzte Bastion der Castor-Gegner, Wasserwerfer und schweres Gerät fahren hinter der Absperrung auf. Um kurz vor 16 Uhr sendet die Polizei die letzte Warnung.

Wenig später ist alles überraschend schnell vorbei. Beamte räumen die Sitzblockade - zum Teil recht ruppig. Die Polizei bestätigt selbst, dass "leichte Gewalt und Schmerzgriffe" bei denen angewendet würden, die sich widersetzen. Zuletzt wurden noch Aktivisten von "Robin Wood" eingefangen, die vor dem Zwischenlager in Bäumen hingen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. !
unterländer 28.11.2011
Zitat von sysopMehr als 1600 Menschen haben mit einem Sitzstreik die Castor-Zufahrt nach Gorleben blockiert.*Mehr als 24 Stunden harrten sie auf der kalten Straße aus, dann räumte die Polizei die Blockade "mit leichter Gewalt und Schmerzgriffen". Zuvor hatten die Protestler den Beamten noch ein Ständchen gebracht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800466,00.html
Da die Castor-Transporte angeblich nun nicht so schnell wieder stattfinden sollen, könnte man den Autor, der hier schon mehrfach seine Heldenepen veröffentlichen durfte, doch wieder seiner romanschreiberischen Bestimmung zuführen und somit das Lesen von Spon-Artikeln zur Kernkraft wieder etwas erträglicher gestalten.
2. ... deutsche Protestromantik
Mbago 28.11.2011
Zitat von sysopMehr als 1600 Menschen haben mit einem Sitzstreik die Castor-Zufahrt nach Gorleben blockiert.*Mehr als 24 Stunden harrten sie auf der kalten Straße aus, dann räumte die Polizei die Blockade "mit leichter Gewalt und Schmerzgriffen". Zuvor hatten die Protestler den Beamten noch ein Ständchen gebracht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800466,00.html
Herrlich, diese Demonstrationsromantik. Man kann sich wahrlich freuen, dass man im weichgewaschenen Deutschland lebt, wo man noch freundlich gebeten wird eine kriminelle Tat einzustellen. Man wuenscht sich fast schon die amerikanischen Ordnungskraefte herbei, die wuerden das Problem schnell und preiswert loesen.
3. Wow
Kalaschnikowa 28.11.2011
Zitat von unterländerDa die Castor-Transporte angeblich nun nicht so schnell wieder stattfinden sollen, könnte man den Autor, der hier schon mehrfach seine Heldenepen veröffentlichen durfte, doch wieder seiner romanschreiberischen Bestimmung zuführen und somit das Lesen von Spon-Artikeln zur Kernkraft wieder etwas erträglicher gestalten.
Stimme Ihnen voll zu - was dieser "Journalist" von sich gibt, kann vielleicht als Beitrag in einer Schülerzeitung erscheinen....Was SPON sich dabei gedacht hat, so`n Geschichtchen von Minne und Anne auf die Leser loszulassen, bleibt wohl ein Geheimnis.....Wäre gar nicht schlecht, wenn der Autor Johannes Korge nach dieser Castor-Schlacht bei Minne oder Anne anheuern würde - dann müsste man nicht mehr seine doch etwas naiven Heldenepen lesen!
4. Realität
no_panic 28.11.2011
Zitat von KalaschnikowaStimme Ihnen voll zu - was dieser "Journalist" von sich gibt, kann vielleicht als Beitrag in einer Schülerzeitung erscheinen....Was SPON sich dabei gedacht hat, so`n Geschichtchen von Minne und Anne auf die Leser loszulassen, bleibt wohl ein Geheimnis.....Wäre gar nicht schlecht, wenn der Autor Johannes Korge nach dieser Castor-Schlacht bei Minne oder Anne anheuern würde - dann müsste man nicht mehr seine doch etwas naiven Heldenepen lesen!
Vielleicht sind Anne und Minne die Realität? Teil der Mehrheit der Demonstranten in und um Gorleben? Sind es Menschen wie Anne und Minne, die aus Sorge um Gesundheit protestieren? Glauben Sie, die Mehrheit dort wären Krawallos, die sich blutige Schlachten mit der Polizei liefern? Dann sähe es dort anders aus, seien Sie versichert. Die meisten Menschen dort demonstrieren friedlich und dazu haben sie ein Recht!
5. Glückliche Menschen und ein Rätsel
tw2 28.11.2011
Solange es nicht zu wirklich schlimmen Gewaltausbrüchen kommt, ist es doch okay. Die Kids können endlich mal etwas mit Substanz twittern, Nachwuchs-Journalisten können ihre Blogs füllen, die aus Berlin angereisten Demonstranten können sich staunend in einer für sie völlig ungewohnten Umgebung bewegen, die Landwirte im Wendland haben was zum Schmunzeln. Warum letztlich ein Transport von Behältern mit radioaktivem Material so ablaufen muss, daß er über Hunderte von Kilometern empfindlich gestört werden kann, ist mir ein Rätsel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Castor-Transporte
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 20 Kommentare

Karte
Castor-Lexikon
Castor-Behälter
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
Wenn der 13. Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Es ist der letzte Transport von Frankreich nach Gorleben, ab 2014 soll jedoch Atommüll aus Großbritannien eingelagert werden.
Endlager
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll. Anwohner und Politiker protestieren gegen ein mögliches Endlager in Niedersachsen. Laut Grünen war der Auswahlprozess in den siebziger Jahren manipuliert, Gorleben scheide damit als Kandidat aus.
Schottern
Die Gruppe "Castor? schottern!" will auch in diesem Jahr das Gleisbett der Transportstrecke abtragen - und damit den Transport der Castoren behindern. Das ist illegal, trotzdem rechnen die Organisatoren wieder mit einer hohen Zahl an Teilnehmern. Wo und wann die Aktionen stattfinden, wird im Vorfeld geheim gehalten.
Verladebahnhof
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen.
Zwischenlager
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.