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Castor-Blockadenacht: Atomtransport ins Chaos

Von Martin Heller und im Wendland

So ein Anti-Atom-Spektakel hat die Republik lange nicht gesehen. Im Wendland spielten Polizisten und die Gegner der Castor-Transporte an diesem Wochenende Katz und Maus. Stundenlang ging nichts mehr - rund 2000 Demonstranten besetzten die Gleise. Die Polizei spielte auf Zeit.

Getty Images

Die Nacht hat sich über Harlingen gesenkt, da macht die Polizei das Licht an. Mit Dutzenden Flutlichtmasten leuchtet sie die Szenerie aus: Anti-Atomkraft-Aktivisten auf Schienen, eingehüllt in Wärmedecken, singend, von irgendwo kommt Musik. 2000 Leute. Eine lebende Blockade gegen die Castoren, die nach Gorleben sollen. Die Polizei hat sich außenrum postiert, mit Hunderten Fahrzeugen.

Wann geht es wieder los, wann räumt die Polizei? Den ganzen Abend wird diese Frage gestellt. Alle stellen sich auf eine Eskalation ein - denn der Castor-Transport muss hier über das Bahngleis rollen, vorbei an Harlingen im Wendland, auf seinem Weg von Lüneburg zur Lkw-Verladung in Dannenberg.

Mehrfach ist der Zug auf seinem Weg aus dem französischen La Hague aufgehalten worden, zuletzt an diesem Sonntagnachmittag hinter Celle, weil sich Castor-Gegner an die Gleise gekettet hatten. Seit dem Abend hängt er wegen der 2000 Menschen auf den Schienen wieder auf der Strecke fest, 30 Kilometer vor dem Zwischenlager Gorleben, und beide Seiten spielen offensichtlich auf Zeit.

Der Castor-Transport solle erst mal stillstehen, weil die Polizisten am Ende ihrer Kräfte seien, sagt der Vorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Rainer Wendt, der Nachrichtenagentur dpa. Der Zug sei in Dahlenburg mit Stacheldraht eingezäunt worden. Die Polizeidirektion Lüneberg teilt SPIEGEL ONLINE mit, man gehe nicht davon aus, dass der Castor "für längere Zeit" in Dahlenburg abgestellt werde. Sind die Polizisten erschöpft? Nein, das "Kräftemanagement der Polizei" funktioniere, sagt der Sprecher. Später werden Journalisten zu dem stacheldrahtumzäunten Zug geführt. Ein Polizeisprecher sagt, man führe unter Vermittlung von Kirchenvertretern Gespräche mit den Blockierern und wolle weiterfahren, sobald die Strecke frei sei. (Details und Neuheiten von den Protesten im Liveticker...)

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Castor-Blockaden: Tränengas und Seifenblasen
Was in diesen Stunden im Wendland passiert, ist ein seit langem nicht mehr gesehenes Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Polizei und den Anti-Atom-Aktivisten. Hektik, Tricks, Gewalt - und immer wieder Durchbrüche der Protestierenden. Oder angebliche Durchbrüche? Am Abend wird die Information gestreut, Schotterer hätten hunderte Meter Gleisbett so zerstört, dass der Transport nicht problemlos durchkommen dürfte. Schottern ist der Protestbegriff dieses Castortransports; gemeint ist, dass Aktivisten Schottersteine aus dem Gleisbett graben, um den Zug zum Stopp zu zwingen. Andere Aktivisten sagen, das sei nicht gelungen. Die Polizei indes meldet, auf der Bahnstrecke sei vor dem Castor ein Reparaturzug unterwegs.

Die Polizisten drängen die Protestierenden durchaus auch mit harten Mitteln zurück. SPIEGEL ONLINE hat einen Einsatz am Vormittag bei Govelin miterlebt, in dem Schotterer erfolgreich abgewehrt worden sind - ein Protokoll:


Eine Schottergruppe aus mehr als tausend Aktivisten sammelt sich um acht Uhr in Govelin, einer Straße mit drei Häusern in der Nähe der Bahngleise. Viele tragen Regenjacken und haben einen Schal als Mundschutz dabei, die meisten eine Mütze. Sie wollen friedlich auf die Schiene gelangen, es ist keine uniform schwarz gekleidete Truppe gewaltbereiter Linksextremisten.

Im Laufschritt geht es mehrere Kilometer durch den Wald, immer den bunten Fahnen hinterher. Ein kleiner Polizeitrupp begleitet die Gruppe. "Da vorne an den Buchen rechts", sagt jemand über ein Megafon. "Du, Hippie", ruft ein Mädchen mit schwarzer Sonnebrille zurück, "was sind denn bitte Buchen?" Es geht auf einen Hügel hinauf. Diejenigen, die oben ankommen, jubeln, als sie die vielen hundert Demonstranten hinter sich sehen.

Auf dem Weg vor den Bahngleisen warten schon die Polizisten. Sie haben sich aufgereiht, die Visiere der Helme sind heruntergeklappt, die Hände umklammern Schlagstöcke. Als die ersten hundert Aktivisten auf die Strecke stürmen wollen, laufen ihnen Polizisten mit erhobenem Knüppel entgegen und prügeln drauf los.

Gasschwaden ziehen durch den Wald

"Dachs", "Dachs", ruft Anna Mahler. Es ist die Losung der Journalistengruppe, die von der 23-jährige Politikstudentin durch den Wald gelotst wird. Sie organisiert, dass Fotografen und Kameramänner zur Stelle sind, wenn es knallt. Dass man die Presse so einbettet, ist ein Novum in der traditionell argwöhnischen linken Szene. Mahler, die sich zur "Interventionistischen Linken" zählt, soll vermitteln, wenn es doch mal Stress geben sollte. Nun stehen Journalisten zwischen den Demonstranten und der Polizei, die nicht immer ganz genau hinschaut.

Aus dem Wald strömen immer mehr Aktivisten zu dem Waldweg, verteilen sich nach links und rechts. Sie starten einen zweiten Versuch, gehen einfach los - die Polizei schießt mit Reizgaskartuschen, setzt Pfefferspray und einen Wasserwerfer ein. Gasschwaden ziehen durch den Wald, mehrere Menschen müssen sich übergeben.

Viele der friedlichen Demonstranten sind froh, dass die Presse das rabiate Durchgreifen dokumentiert. Die Polizei rät dem ZDF im Pressezentrum in Dannenberg, das eigene Reporterteam doch lieber aus dem Wald abzuziehen - nur zur eigenen Sicherheit, versteht sich.

Weichen die Schotterer zurück, rücken Polizisten nach. Sie drängen die Demonstranten weit in den Wald zurück, wer nicht schnell genug ist, wird geschlagen und geschubst. Kampagnensprecher Tadzio Müller trifft ein Schlagstock mitten im Lauf am Knie. Er sackt weg, das Gesicht schmerzverzerrt.

Lagebesprechung im Wald

Die Taktik der Polizei geht auf. Die Demonstranten werden immer weiter zerstreut. Ständig müssen sich die Schotterer neu sammeln, stehen aber so großflächig, dass an eine konzentrierte Aktion nicht zu denken ist. Die Sache zieht sich hin - während aus kleineren Gruppen Delegierte zu Sitzungen geschickt werden, in denen basisdemokratisch das weitere Vorgehen besprochen wird.

Die anderen stehen, hocken und sitzen im feuchten, kalten Wald. Einige waschen sich Pfefferspray aus den Augen. Ein Hubschrauber kreist direkt über der Szene, wirbelt Laubblätter in die Luft. Es klappt einfach nicht, auch nicht beim nächsten und übernächsten Versuch. Mit Pferden, die von Polizisten in die Menge geritten werden, und Schlagstockeinsatz wird die Gruppe wieder abgewehrt. Zwar schaffen es einige kleine Gruppen immer wieder mal ans Gleisbett, doch schottern können sie dann nur kurze Zeit - bis sie von den Einsatzkräften wieder verdrängt werden.

Mittags ist klar: Für eine der Gruppen fällt das Schottern erst mal aus, zu massiv ist der Polizeieinsatz, zu gut ist die Strecke gesichert. "Trotzdem ein Erfolg", sagt Müller, "auch wenn ich nichts schönreden will." Schließlich sei der Protest mit mindestens zweitausend Teilnehmern riesig gewesen.

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Forum - Castor-Transport - wie viel Protest darf's denn sein?
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1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Gluteusmaximus 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
2.
Robert Rostock, 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 02.11.2010
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
4. pseudo-religiöser Wahn
Eutighofer 02.11.2010
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
5. Reaktion
rehabilitant 02.11.2010
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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So fährt der Castor durch das Wendland


Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der zwölfte Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1000 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Der letzte Transport von elf weiteren Castoren mit Wiederaufarbeitungsabfällen von Frankreich nach Gorleben ist 2011 geplant.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor schottern" will das Gleisbett der Transportstrecke abtragen. Das ist illegal - trotzdem haben bereits 1500 Menschen einen Aufruf im Internet unterzeichnet und setzen sich damit einem Strafverfahren aus. Etliche Politiker der Linken und Gewerkschafter haben sich dem Aufruf angeschlossen.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen. Das Umladen soll etwa 15 Stunden dauern. Dabei wird ein weiteres Mal die Strahlung gemessen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.
Fotostrecke
Atomstreit im Wendland: Rivalen auf engstem Raum


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