Castor-Proteste: Unter Schotterern

600 Trecker, 50.000 Demonstranten, zwei Sitzblockaden: Die Anti-Atom-Proteste sorgten dafür, dass der Castor-Transport teuer und langwierig wurde. Ole Reißmann berichtete für SPIEGEL ONLINE aus dem Wendland.

Einsatz in Gorleben: Einbetoniert gegen den Castor Fotos
dapd

Es ist frühmorgens, in der Nacht zuvor hat es gefroren. Mit mehr als Tausend Menschen jage ich im Laufschritt sechs Kilometer durch einen Wald im Wendland. Über uns eine Dampfwolke aus Atemluft, neben uns dreißig Polizisten in Kampfmontur, die Köpfe hochrot vom Dauerlauf. Unser Ziel: Die Bahngleise, auf denen der Castor-Transport mit deutschem Atommüll aus Frankreich auf seinem Weg nach Gorleben rollen soll.

Ich bin als Reporter "embedded" bei einer Gruppe, die das Bahngleis "schottern" will, so viele Steine abtragen, dass die Schienen in der Luft hängen. Ein paar Stunden zuvor habe ich eine SMS mit dem Treffpunkt bekommen, auf dem Weg dorthin durchsucht die Polizei mein Auto und meinen Rucksack. Im Wendland herrscht an diesen Tagen Ausnahmezustand: 50.000 Menschen demonstrieren in und um Gorleben gegen den Castor - und gegen die Atompolitik der Bundesregierung.

Die Anti-Akw-Bewegung erlebt ein Revival, seitdem die schwarz-gelbe Koalition den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig gemacht hat. Nirgendwo ist der Protest so plakativ, so einfach zu haben wie in Gorleben: Atomkraft, nein danke!

Schienen blockieren

Seit Monaten haben Castor-Gegner ihre Aktionen vorbereitet, sie wollen die Schienen blockieren und sich auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben hinsetzen - wie jedes Mal, wenn ein Atommüll-Transport aus der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague angeliefert wird. Neu in diesem Jahr war der Aufruf zum "Schottern". Selbst die Bundeskanzlerin erreichte die Kampagne. "Das ist keine friedliche Demonstration, sondern ein Straftatbestand", hatte Angela Merkel gewarnt, die Polizei versprach konsequentes Vorgehen.

Die Schotterer sind eine bunte Mischung, viele Schüler und Studenten sind dabei, nicht wenige protestieren zum ersten Mal gegen den Castor. Die meisten sind nicht einheitlich schwarz gekleidet, es ist kein gewaltbereiter "schwarzer Block". Wir kommen an die Bahngleise - wo die Polizei schon wartet, mit Wasserwerfern und gezogenem Reizgas-Spray. Die Schotterer gehen einfach drauf los, so sollen wenigsten ein paar die Polizeikette durchbrechen.

Die Beamten drängen sie mit ihren Schlagstöcken in den Wald zurück, es kommt zu Rangeleien. Wir Journalisten stolpern hinterher. Im Medienzentrum wird dem ZDF nahegelegt, das Kamerateam doch lieber abzuziehen, aus Sicherheitsgründen. Wir bleiben - doch gegen Mittag, etliche erfolglose Versuche später, setzen wir uns ab: Das groß angekündigte Schottern ist ausgefallen.

Die folgenden zwei Tage berichte ich von den gewohnten Sitzblockaden. Die sind weniger aufregend - dafür deutlich erfolgreicher: Der Castor-Transport braucht insgesamt drei Tage, 19 Stunden und 24 Minuten. Es ist ein neuer Rekord.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Dieser Abenteuerbericht....
zodiacmindwarp 24.12.2010
Zitat von sysop600 Trecker, 50.000 Demonstranten, zwei Sitzblockaden: Die Anti-Atom-Proteste sorgten dafür, dass der Castor-Transport teuer und langwierig wurde. Ole Reißmann berichtete für SPIEGEL ONLINE aus dem Wendland. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735921,00.html
direkt aus den Schützengräben und Stellungen der"Schotterer" sollte wohl höchstens dem Reporter eine Bestätigung über die eigene Wichtigkeit geben.Nichts als "Füllfunk" in den Weihnachtstagen....! Gääähhhn....! mkg zodiacmindwarp
2. Pisa
Mocs 24.12.2010
Die Schotterer sind eine bunte Mischung, viele Schüler und Studenten sind dabei, ... Die hätten mal alle in der Schule besser aufpassen sollen. Wer das Thermitschweissen erlernt, der braucht nicht stundenlang Steine buddeln.
3. Komische Protestform
kroq2k 25.12.2010
Ich frag mich halt immer ob den Leuten die möglichen Konsequenzen nicht bewusst sind. Zu Anfang sieht das ganze ja recht lustig aus, es hindert den Zug an der Weiterfahrt, hältdie Polizei auf Trab, etc. Aber was wäre bitte, wenn der Zug entgleist, ein Container hält nicht das was der Hersteller verspricht, wäre ja nicht das erste Mal das die Atomindustrie Dinge behauptet die später unwahr warenm bzw. nicht den Tatsachen entsprechen. Der Castor geht kaputt und der ganze strahlende Kram landet im Wald oder auf der Heide.. Da würd ich mich doch lieber an die Gleise ketten oder den Trecker auf der Straße parken. Ist auch Protest, ist auch Behinderung, aber die möglichen Folgen sind nicht nicht ganz so extrem.
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So fährt der Castor durch das Wendland




Castor-Lexikon
Castor-Behälter
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
Wenn der zwölfte Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1000 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Der letzte Transport von elf weiteren Castoren mit Wiederaufarbeitungsabfällen von Frankreich nach Gorleben ist 2011 geplant.
Endlager
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll.
Schottern
Die Gruppe "Castor schottern" will das Gleisbett der Transportstrecke abtragen. Das ist illegal - trotzdem haben bereits 1500 Menschen einen Aufruf im Internet unterzeichnet und setzen sich damit einem Strafverfahren aus. Etliche Politiker der Linken und Gewerkschafter haben sich dem Aufruf angeschlossen.
Verladebahnhof
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen. Das Umladen soll etwa 15 Stunden dauern. Dabei wird ein weiteres Mal die Strahlung gemessen.
Zwischenlager
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.
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