Castor-Transport nach Gorleben Schottern, jagen, prügeln, demonstrieren

Mit jedem Kilometer, den sich der Castor-Zug dem Wendland nähert, wächst der Protest. Am Mittag demonstrierten in Dannenberg Tausende Menschen gegen den Transport. An anderer Stelle machten sich Atomkraftgegner an den Gleisen zu schaffen. Polizei und Protestler gehen hart miteinander um.

dapd

Dannenberg - Der Castor-Transport aus Frankreich nähert sich dem Wendland. Stockend, aber unaufhaltsam. Am Samstagmittag erreichte er Hannover - musste dort allerdings wieder pausieren. Westlich der Landeshauptstadt auf dem Güterbahnhof von Seelze. Im Wendland wächst parallel zum Vorankommen des Zuges die Anspannung.

Am frühen Nachmittag demonstrierten Tausende von Atomkraftgegnern gegen den Castor-Transport. In Dannenberg im Landkreis Lüchow-Dannenberg versammelten sich nach Polizeiangaben mehr als 8000 Menschen. "Wir gehen von einer weit größeren Zahl aus", sagte Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atomkraftbewegung "ausgestrahlt". Noch immer strömten Menschen auf das Gelände. Am Nachmittag sprachen die Veranstalter von 23.000 Demonstranten. Unter ihnen Familien mit kleinen Kindern, Jugendliche und ältere Menschen. Zwischen gelben Fahnen mit der Aufschrift " Atomkraft - Nein Danke" wehten grüne und rote Luftballons. Die Menschen trugen gelbe X-Kreuze als Anhänger oder Aufnäher, sogar Hunde trugen Anti-AKW-Aufkleber.

Zu den Rednern zählten neben Vertretern örtlicher Bündnisse gegen den Castor auch eine Japanerin, die ihre Erlebnisse nach der Atomkatastrophe von Fukushima schilderte. Ein Polizeisprecher sagte zur Lage in Dannenberg: "Es ist alles friedlich, wir haben keine Probleme."

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Atom-Transport: Letzte Etappe für den Castor
In Dannenberg liegt die Umladestation, wo die Castoren für die letzten 19 Kilometer auf Lastwagen verladen werden müssen. Die Kundgebung dort richtete sich gegen die laufenden Transporte von hochradioaktiven Atomabfällen aus dem französischen La Hague ins niedersächsisches Zwischenlager Gorleben, aber auch gegen die weitere Erkundung des Gorlebener Salzstocks auf eine Eignung als Endlager. "Nur durch eine Politik der Manipulation, der Täuschungsmanöver und des Aussperrens der Öffentlichkeit konnte der Atomstandort zu seinen heutigen Dimensionen ausgebaut werden", kritisierten die Atomkraftgegner in einer gemeinsamen Erklärung. Gorleben wurde Ende der siebziger Jahre als Standort für das einzige Lager für hoch radioaktiven Müll der deutschen Kernkraftwerke bestimmt.

Polizei setzt Schlagstöcke ein

Immer wieder kommt es zu verschiedensten Blockadeaktionen. So versuchten mehrere hundert Menschen, in einem Waldgebiet auf die Castor-Schienenstrecke zu gelangen. Sie sollen Gleise beschädigt haben. Nach Angaben von Augenzeugen setzte die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Dabei habe es Verletzte gegeben. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur dpa berichtete, die Beamten hätten auch Journalisten mit Reizmitteln angegriffen.

Wie schon am Tag zuvor gab es auch in der Nacht zum Samstag zahlreiche Zusammenstöße zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei. Polizeisprecher berichteten von über einem Feldweg gespannten Metallketten: "Hier ging es scheinbar nicht darum, gegen den Castortransport zu protestieren, sondern die Einsatzkräfte gezielt anzugreifen und zu verletzen." In Metzingen an der Straßentransportstrecke seien Polizisten von rund 200 Atomkraftgegnern massiv angegriffen und mit Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen worden. Mehr als 20 Beamte seien verletzt worden. Die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein.

Die Atomkraftgegner dagegen kritisierten das Verhalten der Polizei. Die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek, sprach von einem "hohen Aggressionspotenzial" der Beamten. Sie bezog sich insbesondere auf einen Einsatz in der Nacht zum Samstag in der Ortschaft Metzingen, rund 25 Kilometer von Gorleben entfernt. "Die Polizei war sehr aggressiv", sagte Rudek. "Die Menschen fühlten sich bedroht." Es habe einen Schlagstockeinsatz gegeben sowie einen Hundebiss. 20 Menschen seien verletzt worden.

Der Castorzug war am Mittwoch nahe der Wiederaufbereitungsanlage La Hague in Nordfrankreich gestartet. Auf dem Weg bis nach Niedersachsen zwangen Atomkraftgegner den Zug bereits zu etwa einem halben Dutzend kurzer Stopps. Samstagmittag musste der Zug dann hinter Hannover halten, für wie lange, war zunächst unklar.

Der Castor-Transport ist der letzte mit hoch radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in La Hague in Frankreich. Wegen des Atomausstiegs und der neuen Suche nach einem geeigneten Endlager soll es keine weiteren geben. In ganz Deutschland sind während des Transports rund 19.000 Polizisten im Einsatz.

ler/dpa/AFP



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