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Castor-Verspätung: Atomkraftgegner jubeln über Rekord-Protest

Von , Gorleben

600 Trecker, 50.000 Demonstranten, zwei Sitzblockaden mit insgesamt 9000 Teilnehmern: Die Proteste im Wendland sorgten dafür, dass der jüngste Castor-Transport der bisher teuerste und langwierigste wurde. Bei ihrer gemeinsamen Bilanz feierten sich die Castor- und Atomkraftgegner selbst.

Einsatz in Gorleben: Einbetoniert gegen den Castor Fotos
dapd

Die Organisatoren des Anti- Atom-Protests im Wendland jubeln: Besser hätten die vergangenen drei Tage für sie nicht ausfallen können. Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet haben tagelang demonstriert und dabei zeitweise regelrechte Festival-Stimmung aufkommen lassen. Unter den Teilnehmern waren viele Neulinge. Junge Menschen, die zuvor nie gegen Atomkraft demonstriert hatten - die Bewegung erlebt eine Renaissance.

Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague war am Dienstag im Zwischenlager Gorleben eingetroffen. Am Vormittag hatten die elf Tieflader ihr Ziel im Wendland erreicht. Zehntausende Demonstranten hatten die Fahrt immer wieder unterbrochen.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hängt den Protest der vergangenen Tage relativ hoch: "Was wir in den letzten vier Tagen erlebt haben, ist der Anfang vom Ende der Klientelpolitik zugunsten von vier privaten Atomkonzernen", sagte Greenpeace-Mann Matthias Edler in Anspielung auf den von der schwarz-gelben Regierung geschlossenen Kompromiss mit den AKW-Betreibern zu längeren Laufzeiten. "Spätestens jetzt muss sich die Bundesregierung eingestehen, dass sie es mit allen zu tun hat - mit dem Volk."

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sprach kurze Zeit später in Lüchow von einer "insgesamt friedliche Stimmung". Der Einsatz habe die Beamten stark gefordert, sei aber erfolgreich gewesen.

  • Nach Polizeiangaben wurden acht Menschen verhaftet
  • und 1300 in Gewahrsam genommen.
  • Unter den bis zu 25.000 Demonstranten in der Region habe es etwa 300 gewaltbereite Autonome gegeben.
  • 78 Polizisten seien bei Auseinandersetzungen leicht verletzt worden.

Der Protest hatte schon am Samstag begonnen - lange bevor der Castor-Transport überhaupt das Wendland erreicht hatte, stand schon die erste Treckerblockade. 150 Fahrzeuge versperrten die Castor-Transportstraße in der Nähe der Ortschaft Splietau, wo die Auftaktdemonstration stattfand. Dabei ging es auch gleich rekordverdächtig los: Statt der erwarteten 30.000 Teilnehmer kamen nach Angaben des Veranstalters 50.000. Der Anfang dreier Tage voller kleiner und großer Protestaktionen, die manchen Polizisten an das Ende seiner Kräfte brachten.

Polizisten im Dauereinsatz

Mit rund 20.000 Beamten war die Polizei schließlich im Einsatz. Zusätzliche Kräfte hatten angefordert werden müssen, weil der Protest massiver war als erwartet. Innenminister Schünemann räumte ein, dass der so dringend benötigte Nachschub für die Beamten teilweise nicht ans Ziel kam: Trecker fuhren im Schritttempo durch Dörfer oder parkten mitten auf der Straße. Die Bäuerliche Notgemeinschaft berichtet von rund 50, zum Teil kurzfristigen Straßenblockaden. Zwar legte die Polizei einige Fahrzeuge still, konnte oder wollte die Maschinen aber nicht in ihre Obhut nehmen. Die Folge für viele Beamte: Die Versorgung mit Nahrung und Getränken klappte nicht. Ablösung erreichte ihr Ziel nicht. Mancher Polizist war rund um die Uhr im Einsatz. Gewerkschafter der Polizei kritisierten die Einsatzleitung für Dienstzeiten von bis zu 29 Stunden am Stück.

Die längsten Verzögerungen bescherten dem Castor-Transport die Blockaden auf Schiene und Straßen. Tausende Aktivisten lieferten sich am Sonntagmorgen mit der Polizei einen Wettlauf zur Schiene, die sie "schottern" wollten. Die Polizei konnte das Abtragen des Gleisbetts zunächst durch massives Vorgehen abwehren, schließlich gelangten mehrere hundert Demonstranten doch noch ans Gleis und entfernten auf einer Länge von rund 150 Metern Schottersteine. Die Polizei setzte Reizgas, Pfefferspray, Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pferde gegen die Demonstranten ein.

Bei Harlingen besetzten Demonstranten, darunter viele junge Menschen, am Sonntag auf einer Länge von mehr als einem Kilometer die Gleise. "Die Polizei war mit dieser Situation erkennbar völlig überfordert", bewertete Jens Magerl von der Initiative WiderSetzen die Aktion. Er freut sich sichtlich über "die längste Schienensitzblockade, die wir im Wendland jemals hatten".

In der Nacht zum Montag begann die Polizei damit, die Aktion zu beenden. Die letzte Blockiererin wurde Montagmorgens um 8 Uhr weggetragen. Rund 800 Aktivisten führte die Polizei nach der Räumung in einen Kessel aus Polizeifahrzeugen auf einem Feld. Dort mussten sie stundenlang bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ausharren, bis der Castor schließlich das Gebiet passiert hatte. Erst nach der Intervention von Seelsorgern durften die Festgehaltenen mit Getränken und Essen versorgt werden - die Polizei wollte sich darum ausdrücklich nicht kümmern, sagte ein Polizeisprecher.

Noch mehr Menschen als auf den Gleisen saßen vor dem Zwischenlager in Gorleben auf der Straße. Die Blockade wuchs von Sonntagmittag binnen 45 Stunden von 1000 auf rund 5000 Teilnehmer an. Aus Strohsäcken, Iso-Matten und Schlafsäcken hatten sie sich wärmende Nester gebaut. Bis zur Räumung am Dienstagmorgen um 3.17 Uhr strömten noch immer Demonstranten aus Richtung Gorleben und Gedelitz zur Blockade.

Räumungsfarce vor dem Zwischenlager

Die Räumung geriet stellenweise zur Farce. So trugen Polizisten zwar vorsichtig die Demonstranten wenige Meter von der Straße weg in einen Wald. Von dort aus reihten sich die Castor-Gegner einfach wieder in die Blockade ein. Zwei Stunden lang ging das so.

Ein Bierlaster sorgte am Montagabend für eine weitere Verzögerung von mehreren Stunden: Greenpeace-Aktivisten fuhren mit einem gebraucht gekauften Laster, der die Aufschrift "Hütt Luxus-Pilsener" trug, durch die Polizeiabsperrungen direkt bis vor den Verladebahnhof Dannenberg. "Bierlaster haben wohl einen Sympathievorsprung bei Polizisten", sagte Tobias Riedl von Greenpeace. Die Aktivisten setzten eine aufwendige Konstruktion aus Beton auf die Straße ab, in die Menschen eingelassen waren.

Daneben gab es zahlreiche weitere Aktionen - unter anderem kletterten Aktivisten auf Bäume, und die Bäuerliche Notgemeinschaft brachte eine Betonpyramide auf einer Straße in Stellung. Zum Finale, dem Transport der Castor-Behälter im Schleichtempo auf der Straße zur Zwischenlagerstelle, stieg ein Paraglider von Greenpeace über den Fahrzeugen auf.

Am Ende benötigte der Castor drei Tage, 19 Stunden und 24 Minuten für die gesamte Strecke. Auch das ist ein neuer Rekord.

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Forum - Castor-Transport - wie viel Protest darf's denn sein?
insgesamt 4827 Beiträge
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1. Fruchtloses Unterfangen mit Kultstatus?
Gluteusmaximus 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Die Grenzen sind doch schon lange erreicht. Wer nun glaubt, die Transporte würden, selbst bei einer "Ausweitung" dieser Aktionen, zu einem Einlagerungsstop führen, dem kann es nicht ernsthaft um die Sache gehen. Alle derartigen "Proteste" werden im Sande verlaufen. Für die "Demonstranten", die angesprochen wurden, geht es vielmehr um den Spaßfaktor, quasi ein Mega-Event, welches in der linksautonomen Szene Kultstatus erreicht hat. Hier scheint der oympische Gedanke ("dagegen sein ist alles") im Vordergrund zu stehen.
2.
Robert Rostock, 02.11.2010
Zitat von sysopSitzblockaden, Gleisbett abtragen, an Gleise ketten: Der Castor rückt an, die Gegner drohen mit hartem Widerstand. Doch wo liegen die Grenzen des Protests?
Wenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 02.11.2010
Zitat von Robert RostockWenn Bahnstrecken sabotiert werden, ist die Grenze weit überschritten. Gestern wurde in Berlin ein Brandanschlag auf Signalanlagen des S-Bahn-Innenringes verübt, zu dem sich Atomkraftgegner bekannten. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/s-bahn-soll-am-mittwoch-auf-dem-ring-wieder-planmaessig-fahren/1972970.html;jsessionid=2E441265B993B10A09490DE969C6A324) Auf dieser Strecke wird mit 99,99%iger Sicherheit niemals ein Castor rollen. Leiden tun unter den Folgen nicht die pösen Atomiker, sondern Hunderttausende Berliner. Und in der Szene und im Internet wird zum "Schottern" aufgerufen, sprich zur Sabotage von Bahnstrecken durch Abgraben des Gleisschotters. Dass damit das Entgleisen von Reisezügen und somit auch der Tod völlig Unbeteiligter in Kauf genommen wird, scheint den Aktivisten egal zu sein. Eine Distanzierung von solchen Aktionen habe ich noch nicht gehört.
In anderen Ländern werden vor solchen Anlässen Schnellgerichte eingeführt, um solche Verbrecher zeitnah aburteilen zu können. Das würde hier auch den einen oder anderen abschrecken, wenn einer von diesen selbstgerechten Weltverbesserern noch am gleichen Tag wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienen/Straßenverkehr ein oder zwei Jährchen ohne Bewährung bekommen würde...
4. pseudo-religiöser Wahn
Eutighofer 02.11.2010
Es werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
5. Reaktion
rehabilitant 02.11.2010
Zitat von EutighoferEs werden sich genug finden, die die angekündigten Sachbeschädigungen und Sabotageaktionen in Gorleben entschuldigen und verharmlosen. Mir graut vor Menschen, die im vermeintlichen Dienst einer höheren Sache das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Der ökologische Fundamentalismus einiger fanatischer Castorgegner ist dem religiösen Wahn anderer Fundamentalisten nicht mehr fern.
Schwachsinnige politische Entscheidungen ziehen gelegentlich schwachsinnige Aktionen der Betroffenen nach sich.
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So fährt der Castor durch das Wendland


Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der zwölfte Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1000 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Der letzte Transport von elf weiteren Castoren mit Wiederaufarbeitungsabfällen von Frankreich nach Gorleben ist 2011 geplant.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor schottern" will das Gleisbett der Transportstrecke abtragen. Das ist illegal - trotzdem haben bereits 1500 Menschen einen Aufruf im Internet unterzeichnet und setzen sich damit einem Strafverfahren aus. Etliche Politiker der Linken und Gewerkschafter haben sich dem Aufruf angeschlossen.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen. Das Umladen soll etwa 15 Stunden dauern. Dabei wird ein weiteres Mal die Strahlung gemessen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.

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