Castor-Widerstand im Wendland: Katz-und-Maus-Spiel um den Schotter

Von , Metzingen/Dannenberg

Sie belauern sich, planen minutiös, ziehen in die Wälder des Wendlands. Castor-Gegner stürmen an die Bahnstrecke, sie wollen den Schotter aus dem Gleisbett holen, um den Atommülltransport aufzuhalten. Ihnen gegenüber steht eine Armee von Polizisten - die rabiat gegen die Aktivisten vorgeht.

dapd

Nach mehr als drei Stunden ist das Ziel ganz nah. Als die Gruppe "blauer Finger" aus dem Wald schleicht, haben die rund 300 Castor-Gegner die Transport-Strecke genau vor sich. Und das Beste: Das Gleisbett liegt keine 500 Meter entfernt, nahezu unbewacht. Zumindest scheint es so. Dann nähert sich der erste Polizeitransporter von rechts. Es ist das Finale eines stundenlangen Versteckspiels in den Wäldern des Wendlands - und es geht um Sekunden. Die Castor-Schotterer stürmen los.

Am Morgen wurden Akteure und Journalisten auf die Aktionen dieses Tages eingestimmt, es war gerade einmal hell in Metzingen. Das Widerstandscamp hat eine unruhige Nacht hinter sich. Wasserwerfer waren kurz vor Mitternacht in den Ort gerollt, Räumfahrzeuge hatten Barrikaden zerstört; die Polizei habe sich "vollkommen irrsinnig verhalten". So schildert es ein junger Camp-Bewohner.

Nun stehen schon wieder Dutzende Einsatzfahrzeuge vor der Zufahrt. Die Polizei weiß genau, was an ansteht: Hunderte Männer und Frauen werden versuchen, an die Gleise der Castor-Strecke zu gelangen. Dort wollen sie "Schottern", also Steine von den Trassen entfernen. Sind die Schienen erst einmal unterhöhlt, kann kein Zug mehr passieren. Es ist eine äußerst effektive Methode, den Transport der Atommüll-Behälter stundenlang aufzuhalten.

Schotterer wollen Erfolg von 2010 wiederholen

"Wir rufen ausdrücklich nicht zum gewaltsamen Widerstand gegen die Beamten auf. Unsere Strategie ist ganz klar auf Deeskalation ausgelegt. Wir wollen einfach nur an die Schiene", erklärt Mischa Aschmoneit beim Briefing für die Pressevertreter. Er ist einer der Sprecher von "Castor? Schottern!", das Bündnis hatte diese drastische Form des Widerstandes im vergangenen Jahr zum ersten Mal organisiert. Es wurde ein voller Erfolg, 2011 soll die Neuauflage bringen. "Auch wenn die Polizei in diesem Jahr eine viel härtere Strategie fährt", sagt Aschmoneit. Auch darauf sei man vorbereitet, im Protestcamp tagt gerade noch ein letztes Plenum.

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Atom-Transport: Letzte Etappe für den Castor
Eine halbe Stunde später frieren rund 30 Journalisten auf einem Kohlacker mit Blick auf das Lager in Metzingen. Polizisten in Kampfmontur beäugen das Schauspiel misstrauisch, ein Wasserwerfer fährt auf und zieht wieder ab. Dann ein Schrei: "Da kommen sie!". In einem langen Treck ziehen Hunderte meist junge Castor-Gegner in Richtung der Wälder.

Die meisten haben sich vorbereitet. Sie tragen Mundschutz und Ski-Brillen - als Schutz gegen Tränengas. Viele haben sich Schilde gebastelt, noch mehr tragen mit Stroh gefüllte Beutel. Sie sollen vor Schlagstockhieben schützen. Aus dem vergangenen Jahr habe er seine Lehren gezogen, sagt ein Demonstrant aus der Nähe von Hamburg. Wie die meisten will er seinen Namen nicht nennen. "Die Beamten haben willkürlich losgeprügelt, mit Tränengas um sich geschossen. Es gab viele Verletzte." Statt "Beamten" verwendet er ein anderes Wort.

Auffächern "wie die Finger einer Hand"

Es ist ein langer Weg bis zu den Gleisen, die Route wurde minutiös durchgeplant und geht durch den Wald, über Felder, Zäune und Gräben. In drei Gruppen treten die Castor-Schotterer in diesem Jahr in Aktion, zwei in Dahlen, eine hier in Metzingen. Auch diese Gruppen werden sich auf dem Weg weiter auffächern, um eine Überwachung durch die Polizei zu erschweren. "Wie die Finger einer Hand", hatte Pressesprecher Aschmoneit vor dem Start erklärt.

Der "blaue Finger" stößt nach etwa einer Stunde zu ersten Mal auf Widerstand. Plötzlich rennen Polizisten in Kampfmontur durch das Unterholz, die bisher friedliche Stimmung kippt in Sekunden. Die Aktivisten haben sich in Kleingruppen aufgesplittet, alle paar Sekunden rufen sie sich in der Hektik Codewörter zu, um die Gruppe zusammen zu halten. "Altbier" schallt es, "Rugby" hat ein anderes Grüppchen als Losung gewählt. Nach einigen hektischen Minuten ist die erste Abwehrreihe der Polizei umlaufen, es kehrt wieder Ruhe ein in der Karawane im Unterholz.

Nach zwei Stunden und einem weiteren Navigations-Coup gegen die Sicherheitskräfte gönnen sich die Castor-Gegner eine erste Pause. Lunchpakete werden ausgepackt, die Szenen von eben besprochen. Die Gruppe ist bestens organisiert. Binnen Minuten türmen die Aktivisten eine Straßenblockade aus Baumstämmen auf, so soll ein naher Waldweg als Zufahrt für die Polizei untauglich gemacht werden.

Die Polizei ist weg - dann stürmt Verstärkung heran

Doch die Polizei lässt sich plötzlich nicht mehr blicken. Sogar als der Pulk eine größere Straße überquert, ist von den Beamten nichts zu sehen. "Die werden uns doch nicht übersehen haben?", murmelt einer der Schotterer. Der "blaue Finger verlässt die Deckung des Waldes, nun wird es endlich ernst.

Noch rund 300 Meter über einen Acker trennen die Castor-Gegner von den Gleisen, auf denen nun doch Polizisten in gelber Warnweste zu erkennen sind. Aber der Wachtrupp ist klein, kaum ausreichend um einer Attacke von Hunderten Aktivisten zu widerstehen. Doch die Verstärkung naht - und sie hat es in sich. Binnen Minuten füllt sich die Straße parallel zu den Schienen mit Dutzenden Einsatzfahrzeugen.

Was folgt ist eine minutenlange Hetzjagd der Polizei auf die Aktivisten, Pfefferspray und Schlagstöcke kommen zum Einsatz. Schnell wird klar, dass es -wenn überhaupt - nur einzelne Schotterer an die Gleise geschafft haben. Zu massiv ist das Aufgebot der Polizei, zu rabiat geht diese vor. Als die Lage bereits entschärft scheint, stürmt noch einmal eine Gruppe Beamter los und reißt eine Samba-Truppe um, die ihre Trommeln durch den Wald mitgeschleift hatte.

Dann ist die Aktion beendet, viele Schotterer rätseln, wie sie die Strecke zurück ins Camp am besten zurücklegen sollen. Ein wenig enttäuscht wirkt der eine oder andere schon. Dann kommt über Funk die Meldung: Ein anderer Trupp der "Castor? Schottern!"-Gruppe hat mehr als 20 Meter Gleis unterhöhlt. Das sei doch auch ein Verdienst der Schotterer hier vor Ort, verkündet Mitorganisator Oliver O. über Mikrofon. Schließlich habe man hier hunderte Einsatzkräfte gebunden und so den Erfolg erst möglich gemacht.

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1. !
unterländer 26.11.2011
Zitat von sysopSie belauern sich, planen minutiös, ziehen in die Wälder des Wendlands. Castor-Gegner stürmen an die Bahnstrecke, sie wollen den Schotter aus dem Gleisbett holen, um den Atommülltransport aufzuhalten.*Ihnen gegenüber steht eine Armee von Polizisten - die brutal gegen die Aktivisten vorgeht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800147,00.html
Man muss sich wirklich nicht wundern, dass kaum noch jemand diese gefährlichen Eingriffe in den Bahnverkehr als Straftaten ansieht, wenn selbst von einst seriösen Medien solche Heldenepen verbreitet werden. Was dem Proll die Bild, ist dem Gebildeten Spon.
2. ist nicht wahr, oder?
mr1978 26.11.2011
Also nochmal: Die "Aktivisten" verüben "völlig gewaltfrei" eine Straftat und bitten vorher die Polizei, doch bitte nicht hinzusehen bzw. nett zu sein? In welchem Land leben wir, wo die Presse solche Straftäter als Helden stilisiert und bejubelt? Soweit ist es schon. Danke Spiegel Online, dass ihr endlich auch Leute jenseits unseres Rechtssystems unterstützt.
3. -
PZF85J 26.11.2011
Zitat von sysopSie belauern sich, planen minutiös, ziehen in die Wälder des Wendlands. Castor-Gegner stürmen an die Bahnstrecke, sie wollen den Schotter aus dem Gleisbett holen, um den Atommülltransport aufzuhalten.*Ihnen gegenüber steht eine Armee von Polizisten - die brutal gegen die Aktivisten vorgeht.
Das habe ich irgendwie anders gesehen - den lieben langen Tag in irgendwelchen Nachrichtensendungen. Für mich sah das so aus, als würden die Aktionisten geradezu von den Bäumen herunter- und von den Schienen weggestreichelt. Brutal waren allenfalls die Aktionisten. Insgesamt hätte ich mir mehr "Äktschen" gewünscht, mehr Wasserwerfer und das Wasser mit Tränengas versetzt. Echt langweilig das Ganze.
4. Fragwürdige Zustände
Parthenon 26.11.2011
Die gesamte Situation ist mehr als erbärmlich: In Frankreich wird im Gegensatz zu Deutschland das Wort Atomenergie groß geschrieben und auf absehbare Zeit wird die "Grande Nation" nicht von der Kernenergie abrücken. In Deutschland ist der Ausstieg jedoch beschlossene Sache und der Nachbarstaat schiebt weiterhin seinen Strahlen-Müll dem deutschen Michel in die Schuhe, damit er ihn in einem sogenannten "Endlager" einige tausend Jahre aufbewahrt... Ich möchte an dieser Stelle aber noch auf einen weiteren Punkt eingehen und das sind diese Damen und Herren in Uniform: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-75588-3.html Die dazugehörige Bildunterschrift lautet: "Tränengas-Einsatz: Die Polizei geht auch gegen Fotografen und Journalisten vor" Mit welchem Recht tun sie das? Warum dürfen sich diese Uniformträger vermummen und ohne Kennzeichen kriminell agieren? Achja, kann mir jemand erklären was für ein Schulabschluss nötig ist, um im Wasser planschen zu dürfen: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-75588-12.html Vielen Dank!
5. .
Loewe_78 26.11.2011
Zitat von mr1978Also nochmal: Die "Aktivisten" verüben "völlig gewaltfrei" eine Straftat und bitten vorher die Polizei, doch bitte nicht hinzusehen bzw. nett zu sein? In welchem Land leben wir, wo die Presse solche Straftäter als Helden stilisiert und bejubelt? Soweit ist es schon. Danke Spiegel Online, dass ihr endlich auch Leute jenseits unseres Rechtssystems unterstützt.
Hmmmm... dass man einen ganzen Landstrich vergiften will, über Jahrhunderttausende - das ist völlig legal. Irgendwas ist da verrutscht, in der Legislative. Und zwar ganz gewaltig. Sie scheinen das völlig gut zu finden. P.S.: Die Schienen kann man mit Geld reparieren. Wenn der Salzstock in Gorleben erst mal zu ist, dann kann man das Zeug da nicht mehr rausholen. Nicht für alles Geld der Welt mehr.
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Proteste gegen Castor-Transport: Wütende Bürger, wachsame Beamte

Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der 13. Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Es ist der letzte Transport von Frankreich nach Gorleben, ab 2014 soll jedoch Atommüll aus Großbritannien eingelagert werden.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll. Anwohner und Politiker protestieren gegen ein mögliches Endlager in Niedersachsen. Laut Grünen war der Auswahlprozess in den siebziger Jahren manipuliert, Gorleben scheide damit als Kandidat aus.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor? schottern!" will auch in diesem Jahr das Gleisbett der Transportstrecke abtragen - und damit den Transport der Castoren behindern. Das ist illegal, trotzdem rechnen die Organisatoren wieder mit einer hohen Zahl an Teilnehmern. Wo und wann die Aktionen stattfinden, wird im Vorfeld geheim gehalten.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.