CDU Baden-Württemberg Ein Viertel-Kandidat gegen Kretschmann

Überraschung in Stuttgart: Die Mitglieder der CDU in Baden-Württemberg küren Guido Wolf zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2016. Für den Wahlkampf braucht der Landtagspräsident allerdings noch ein attraktiveres Amt.

Von , Stuttgart

Rivalen Wolf (l.) und Strobl: Auch ein Sieg für die Landtagsfraktion der CDU
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Rivalen Wolf (l.) und Strobl: Auch ein Sieg für die Landtagsfraktion der CDU


Die Sparkassenakademie ist ein Zweckbau am Rande der Dauerbaustelle des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Normalerweise lernen in der internen Bildungseinrichtung Führungskräfte, wie sie mit Zahlen und Personalentscheidungen möglichst geschickt umgehen.

Vor einer besonders heiklen Aufgabe in dieser Disziplin stand am Nachmittag auch Katrin Schütz, Generalsekretärin der CDU Baden-Württembergs. Nach einigen Dankesworten an die Helfer verkündete sie in dem eigens angemieteten Saal der Akademiedas Ergebnis der Mitgliederbefragung zur Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2016: Der Bewerber Guido Wolf erreichte 55,9 Prozent der Stimmen, sein Konkurrent Thomas Strobl 44,1 Prozent. Wolf tritt damit gegen den beliebten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an.

Das Ergebnis ist eine Überraschung: Der Landespolitiker Wolf, 53 Jahre alt, Präsident des Stuttgarter Landtags, gewinnt gegen den Bundespolitiker Strobl, 54. Wolf bekommt einen Blumenstrauß, am Rande der Bühne schütteln sich die Kontrahenten die Hände, dann hält jeder eine kurze Ansprache.

"Meine Glückwünsche gelten Guido Wolf", sagt Strobl mit versteinerter Miene. Der Schwiegersohn von Finanzminister Wolfgang Schäuble ist Chef der Landespartei, dazu Vize der Bundespartei und der Bundestagsfraktion. Er werde alles dafür tun, dass "unser Spitzenkandidat Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg wird." Wolf bekundet lächelnd "Freude und Dankbarkeit". Sein Motto: "Gestalten statt spalten."

Wolf hatte weniger zu verlieren

Für den Favoriten Strobl ist das Ergebnis bitter: Seine Position im Land und damit auch im Bund ist geschwächt. Kommende Woche will er sich auf dem Bundesparteitag der CDU erneut ins Präsidium wählen lassen. Doch seine Hausmacht hat ihm die kalte Schulter gezeigt. Wolf dagegen hatte von Anfang an weniger zu verlieren - bei einer Niederlage wäre er einfach Landtagspräsident geblieben.

Doch weil dieses Amt nicht für einen Wahlkampf taugt, wird das Ergebnis des Kandidaten-Castings jetzt für eine Personalrochade in der Landespartei sorgen: Wolf könnte nach dem Parteivorsitz im Ländle greifen oder aber seinen Kollegen Peter Hauk vom Fraktionsvorsitz verdrängen. Der erklärte schon einmal vorsorglich, er sei für die gesamte Legislaturperiode gewählt. Die CDU-Fraktion im Landtag kann sich als Siegerin fühlen: Sie stand bei der Kandidatenkür mehrheitlich auf der Seite von Wolf.

Der Sieger muss allerdings mit dem Makel leben, nur ein Viertel-Kandidat zu sein: Denn an der Abstimmung beteiligten sich gerade einmal 51 Prozent der knapp 70.000 Mitglieder. Das heißt im Umkehrschluss, dass fast drei Viertel der CDU-Mitglieder im Südwesten den Kandidaten entweder ablehnen oder dass er ihnen zumindest gleichgültig ist.

Wolfs Hauptaufgabe wird deshalb zunächst sein, den eigenen Laden hinter sich zu bringen. Zwar ist die CDU Baden-Württembergs ein stolzer Landesverband: Bei der Bundestagswahl 2013 fuhr die Union im Südwesten über 45 Prozent der Stimmen ein, mehr als in jedem anderen Bundesland.

Ländlich-Konservative gegen Städtisch-Liberale

Andererseits neigt die Parteigliederung traditionell zur Grüppchenbildung. Da gibt es das eher ländlich geprägte, christlich-konservative Lager, für das der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel steht. Und das wirtschaftsorientierte, städtisch-liberale, das sich mit dem Namen von Teufels Nachfolger und jetzigen EU-Kommissars Günther Oettinger verbindet.

Der letzte Mitgliederentscheid in der CDU zwischen den Kandidaten Oettinger und Annette Schavan 2004 hatte sich zu einer Schlammschlacht entwickelt. Es sei, so bekannte Oettinger kürzlich, die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen. Das Trauma klingt in der Partei noch immer nach, ebenso wie die gegen Grün-Rot verlorene Landtagswahl 2011.

Beim Duell Strobl gegen Wolf ging es trotz kleinerer Fouls recht fair zu. Wolf erwarb sich mit seiner monatelangen Werbe-Tour durchs Land, er nannte sie "Graswurzelkampagne", viele Sympathien. Sein Motto: "Runter vom hohen Ross, nahe bei den Menschen." Er werde eine Politik für die Mitte der Gesellschaft machen, kündigte Wolf an.

Doch die umwirbt auch Ministerpräsident Kretschmann. Ende Januar wird ein Landesparteitag Wolf endgültig zum Kandidaten küren, dann gibt er auch seine Position als Landtagspräsident auf. Aus welchem Amt heraus er dann 2016 gegen den Regierungschef antreten wird, ist am Tag des Wahlsiegs noch unklar.



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carlitom 05.12.2014
1. Ergänzung
Zu ergänzen wäre da noch, dass für die ländlich-konservative Seite der Partei, die nicht nur von Teufel, sondern eben auch vom unsäglichen (von Teufel, Schavan und Kauder geförderten) Mappus vertreten wurde, auch Wolf steht. Während Strobl ein Vertreter der modernen-großstädtischen Fraktion ist wie Oettinger. Wolf ist ein Rückschritt in die bieder-bräsige Steinzeit und ein trauriges Ergebnis. So wird das nichts. Aber ehrlicher Weise muss man sagen, dass beide Kandidaten keinen vom Hocker hauen konnten. Ein "Viertelkandidat" ist übrigens auch Kretschmann, der zu einer Partei gehört, die 25 Prozent der Stimmen in BW geholt hat. Nicht grade eindrucksvoll, wenn man auch noch die Wahlbeteiligung mit einrechnet.
Leberwurstnektar 05.12.2014
2. Die CDU-Wähler
in Baden-Württemberg stecken in einen Dilemma, denn eigentlich würden die meisten gerne den Kretschmann behalten....der erste Ministerpräsident seit Erwin Teufel, der die Bezeichnung Landesvater verdient.
carlitom 05.12.2014
3. Vater gesucht?
Zitat von Leberwurstnektarin Baden-Württemberg stecken in einen Dilemma, denn eigentlich würden die meisten gerne den Kretschmann behalten....der erste Ministerpräsident seit Erwin Teufel, der die Bezeichnung Landesvater verdient.
Komisch, dass die Menschen anscheinend so auf den Begriff "Vater" abfahren und sich so einen wünschen. Sind wir unmündige Kinder, die einen Vater brauchen, der für uns sorgt? Da war mir ein offener Oettinger auf Augenhöhe lieber, der diskussionsfähig und intelligent war. Ich brauche niemanden, der mir väterlich über den Kopf streichelt und mir die Entscheidungen abnimmt. So sehe ich die Rolle des MP sicher nicht.
titopoli 06.12.2014
4. Blick von außen:
Schäuble ist halt Bundespolitiker - ohne seinen Bruder ohne Einfluß - aber geistig nicht in Baden-Württhemberg - oder nur partiell und irgendwie. Da hat G.Wolf ein prae und Schäuble hat schon gezeigt, dass seine Interessen in Berlin liegen. Also soll er dort seine Stärken ausspielen. In Stuttgart wäre er sowieso nur halbherzig anwesend.
renatedietrich 06.12.2014
5. die bawü-Wähler
von der CDU, das kann man vergessen. Weder Wolf noch Hauk und Strobel, diese kann man getrost vergessen. Die Partei zerfleischt sich selbst. Diese "Schwarzen" wurden endlich nach 59 Jahren Regierungszeit mal abgelöst und hoffentlich bleibt das auch so, bei der der nächsten Landtagswahl!
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