CDU Baden-Württemberg Furcht vor dem grünen Gespenst

Die CDU Baden-Württemberg castet in einem Mitgliederentscheid ihren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2016 - und fürchtet sich schon jetzt vor dem Rennen gegen den populären Amtsinhaber Winfried Kretschmann.

Von Jan Friedmann, Stuttgart

Kontrahenten in Baden-Württemberg: Thomas Strobl (r.) und Guido Wolf
DPA

Kontrahenten in Baden-Württemberg: Thomas Strobl (r.) und Guido Wolf


Die Frage schwebt über dem gesamten Abend, nach den Eingangsvorträgen spricht sie eine junge Christdemokratin aus Karlsruhe am Saalmikrofon mit der Nummer 3 offen aus: Wie denn die beiden Kandidaten mit ihrem Profil bitteschön gegen "die anderen Alpha-Tiere im Land" bestehen wollten? Wer gemeint ist, präzisiert ein paar Minuten später ein grauhaariger Parteifreund mit Hornbrille: "Ich verstehe nicht, warum der meistgenannte Name heute Abend der Name Kretschmann ist."

Eigentlich soll die Abendveranstaltung in der Messehalle 6 in Sinsheim bei Heilbronn eine Demonstration der Stärke sein: Es geht darum, den Spitzenkandidaten zu küren, der für die CDU bei der Landtagswahl 2016 gegen den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann antreten soll.

In der ersten von sechs sogenannten Regionalkonferenzen präsentieren sich die beiden Kandidaten ihrer Basis. Die rund 70.000 CDU-Mitglieder im Südwesten sollen bis Anfang Dezember per Mitgliederentscheid ihre Wahl treffen - zwischen dem Landesvorsitzenden der CDU im Südwesten, Thomas Strobl, 54, Fraktions- und Partei-Vize in Berlin und Schwiegersohn von Finanzminister Wolfgang Schäuble und seinem Kontrahenten Guido Wolf, Präsident des Stuttgarter Landtags mit starker Basis in der Landtagsfraktion.

Ein Hauch von US-Vorwahlkampf

Rund 1000 Unionsmitglieder sind gekommen, es weht ein Hauch von US-Vorwahlkampf durch die Halle. Die Anhänger beider Lager halten Pappschilder hoch. "Wir für Strobl", steht orange auf weiß auf den einen. "Wolf-Erwartungsland" vor blauem Hintergrund auf den anderen.

Wolf und Strobl haben jeweils eine halbe Stunde Redezeit, ihre Vorträge unterscheiden sich inhaltlich wenig. Beide rufen in den Saal: "Wir setzen 2016 nicht auf Platz, sondern auf Sieg." Beide greifen den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann an, weil er zu wenig für die Infrastruktur tue. Und beide schimpfen auf die Minusbilanz der grün-roten Landesregierung: Sie sorge sich nicht um die Sicherheit der Bürger, sie lasse Chaos an den Schulen zu.

Wolf bietet mehr fürs konservative Herz. Er lästert über die Linke in Nordrhein-Westfalen, die "mit Rücksicht auf unsere muslimischen Mitbürger aus dem Martinsumzug ein Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" machen wolle. Er sagt: "Die Grünen drangsalieren die Menschen, weil sie ihnen nicht vertrauen."

Auch Strobl hat Markiges im Programm. Er sagt über islamistische Wanderprediger: "In Deutschland macht nicht der Prophet Gesetze, sondern die Gesetze werden im Parlament gemacht." Doch vor allem verkauft er sich als erfahrener Politmanager mit enger Anbindung an die Regierung von Angela Merkel: "Ein baden-württembergischer Ministerpräsident muss auch mal Beute machen in Berlin."

Strobl, das macht er in der anschließenden Fragerunde deutlich, ist der Platzhirsch in diesem Zweikampf. Er nimmt sich den Raum für ausladende Antworten. Während Wolf am Stehtisch verharrt, besetzt Strobl die Mitte der Bühne, über der das große Banner hängt: "CDU Regionalkonferenz. Unser Spitzenkandidat für 2016".

"Runter vom hohen Ross"

Die Wahl in eineinhalb Jahren hat große Bedeutung für die CDU, im Ländle und bundesweit. Noch immer verstehen es viele Christdemokraten als persönliche Kränkung, dass die Wähler sie vor fünf Jahren in die Opposition schickten, in einem Bundesland, in dem sie ähnlich wie in Bayern ein politisches Lehensrecht zu haben glaubten.

Stattdessen müssen sie zusehen, wie der Ministerpräsident im Unionslager wildert: Kretschmann, das grüne Gespenst, bietet den Christdemokraten wenig Angriffsfläche, für einen Bürgerschreck halten ihn selbst eingefleischte CDU-Wähler nicht mehr. Kretschmann stimmte dem Asylkompromiss im Bundesrat zu, er umwarb die Wirtschaft und wies vorvergangene Woche türkische Kritik an einer Erdogan-Karikatur in einem Schulbuch zurück.

Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage von Infratest im Auftrag des SWR und der "Stuttgarter Zeitung" trauen die Baden-Württemberger eher Strobl zu, gegen den Ministerpräsidenten zu bestehen. 33 Prozent billigten der Union mit ihm als Kandidaten bessere Erfolgschancen zu, nur 21 Prozent mit Wolf. Noch größer fiel der Abstand bei den Unionsanhängern aus: 39 zu 24 Prozentpunkte.

Dabei ist der Erfolg des Bundespolitikers im innerparteilichen Vorwahlkampf noch nicht ausgemacht: Wolf überzeugt in kleinen Runden durch Witz und Schlagfertigkeit, er gestaltet seinen Wahlkampf als Grassroots-Kampagne unter dem Motto "Runter vom hohen Ross, nahe an den Menschen". Gut möglich, dass die Kandidatenkür ein knappes Ergebnis erbringt. Knapper als jene 60 zu 40 Prozent, mit der sich beim letzten CDU-Mitgliederentscheid Günther Oettinger gegen seine Rivalin Annette Schavan durchsetzte.

Dann wäre Landeschef Strobl womöglich angeschlagen, noch bevor er gegen Kretschmann antritt. In Sinsheim ist der ungebetene Gast auch Thema bei den Besuchern, die plaudernd zu ihren Autos strömen, während drinnen nach knapp drei Stunden noch immer die Debatte läuft. In der Infratest-Umfrage erzielte Kretschmann nämlich geradezu furchterregend hohe Popularitätswerte: 70 Prozent, doppelt so viel wie Strobl.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Greleu 14.11.2014
1. Klares Ding
Laut einer Umfrage von infratest dimap vom November kommt die CDU auf 41, SPD und Grüne zusammen auf 42, und die AFD auf 5 Prozent. Summa summarum spricht bei Einzug der AFD nichts für ein erneuten Wahlsieg der Grünen. Die CDU wird sich also ganz entspannt zurücklehnen können.
Leberwurstnektar 14.11.2014
2. Die CDU
sollte lieber gleich zur Wahl von Kretschmann aufrufen, wenn sie sich nicht kopiert blamieren will. Ich wohne in einer kleinen Gemeinde am Bodensee. Selbst CDU Gemeinderäte sprechen hier offen aus, dass Kretschmann der beste Ministerpräsident seit Lothar Späth ist. Vorgänger Mappus wird allgemein als Schurke betrachtet.
two-d 14.11.2014
3. Grünen verlieren
Bei uns immer mehr an Zustimmung, doch kretschmann ist ein perfekter Landesfürst vor dem Herren . Ähnlich wie Kurt Beck werde. Wir ihn vorerst auch nicht los. Vor allem nicht wenn die CDU hier beavis und butthead als Alternative aufzeigt.
Die allerreinste Wahrheit 14.11.2014
4. Kretschmann populär?
Also die Stimmung im Land ist eine andere. Bei seiner Bildungspolitik und dem Weiterbau von Stuttgart 21 kann man von "populär" nun wirklich nicht reden. Das Gespenst von Fokushima wird ihm und seiner "Kindersexpartei" (frei nach unserem Akif) nicht helfen können.
kenterziege 14.11.2014
5. Egal, wer von den beiden Kandidaten antritt:
Der CDU wird schmerzlich bewusst werden, dass viele frühere Wähler, dieser nach links gerückten Partei zur AfD gehen werden. Mir sagte gestern ein ganz langjähriges Mitglied der CDU: Wir haben nun mehrere sozialistische Parteien in Deutschland. Es fehlt eine konservative Partei. An die AFD konnte der sich noch nicht gewöhnen....Der noch nicht, aber andere schon! Auch in Baden Würrtemberg wird täglich deutlich, was organisierte Einbrecherbanden vollbringen und wie der Euro immer wackeliger wird!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.