Union im Wahlkampfendspurt Drei Tage Unsicherheit

CDU und CSU liegen in den Umfragen klar vorn. Doch kurz vor der Wahl zeigt die Kurve nach unten, die AfD legt zu. In Angela Merkels Union ist die Nervosität spürbar.

Angela Merkel (Übertragung eines Auftritts in Hamburg am 20. September)
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Angela Merkel (Übertragung eines Auftritts in Hamburg am 20. September)

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Es geht abwärts. Nicht erdrutschartig, doch der Trend ist ziemlich eindeutig. Allensbach, Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen - in fast jeder Umfrage haben CDU und CSU zuletzt zwei Prozentpünktchen verloren. Auch im SPON-Wahltrend, der vom Meinungsforschungsinstitut Civey erhoben wird, hat die Union verloren. Bei 39 Prozent lag sie noch vor zehn Tagen. Jetzt sind es um die 36.

Die Zahlen sorgen für Unruhe in der Union. Nicht, weil die SPD und Kanzlerkandidat Martin Schulz mit großen Schritten Boden gutmachen würden. Die Sozialdemokraten kommen nicht wirklich vom Fleck. Zugewinne verzeichnet aber die AfD. Auf bis zu 12 Prozent werden die Rechtspopulisten taxiert, sie haben guten Chancen, als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzuziehen.

Die Sorge wächst bei CDU und CSU, dass der schwarze Balken am Sonntag um 18 Uhr weiter ins Minus wächst als gedacht. Die 41,5 Prozent von vor vier Jahren sind jedenfalls weit weg, wenn die Demoskopen nicht völlig daneben liegen. An der erneuten Kanzlerschaft Angela Merkels zweifelt kaum jemand. Aber da ist plötzlich diese Unsicherheit in der Union: Wo landen wir? Wird die AfD stärker, als es die Umfragen vermuten lassen? Zwingen uns die Rechten am Ende wieder in die Große Koalition?

Reiner Haseloff, AfD-geplagter Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, brachte diese Unsicherheit jüngst im CDU-Präsidium zum Ausdruck. "Zwischen 31 und 43 Prozent ist alles drin", zitierte ihn der "Tagesspiegel", Widerspruch habe er für diese wenig präzise Vorhersage nicht geerntet. Keiner weiß, ob viele Unionsanhänger sich den Weg ins Wahllokal womöglich sparen, weil sie denken: Ist eh alles entschieden.

Seehofer reagiert empfindlich

Parteifreunde berichten zudem von ihren Erfahrungen im Straßenwahlkampf, vom Unmut an den Ständen, beim Klinkenputzen. Im Haustürwahlkampf spüre er, "bis in welche Schichten hinein die AfD auf Resonanz stößt", gab der Schwarzwälder CDU-Innenpolitiker Armin Schuster in der "Stuttgarter Zeitung" zu Protokoll. Die Stuttgarter Abgeordnete Karin Maag berichtete, sie habe aus vielen Gesprächen "leider den Eindruck gewonnen, dass die AfD in meinem Wahlkreis sehr stark wird".

Einer, der auf solche Stimmungen besonders empfindlich reagiert, ist Horst Seehofer. Seit Wochen ringt er - wieder einmal - um den richtigen Umgang mit der AfD. Der CSU-Chef setzt auf Offensive, auch wenn es darum geht, heikle Themen anzusprechen. Das allerdings kann auch nach hinten losgehen, wie jetzt in München zu beobachten war.

Vorige Woche hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, zugleich CSU-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, im Kabinett einen Bericht zur Sicherheitslage im Freistaat vorgestellt. Die ist eigentlich gut, nur ein Punkt klang alarmierend: Die Zahl der Vergewaltigungen sei im ersten Halbjahr dramatisch gestiegen, um fast 50 Prozent auf 685. Und bei jenen 126 Fällen, in denen Zuwanderer als Täter genannt wurden, liege der Zuwachs sogar bei 91 Prozent.

So zumindest stellte es Hermann anschließend der Öffentlichkeit dar. Seehofer habe ihn zu dem Auftritt gedrängt, heißt es, bevor die AfD den Vorwurf erheben könne, unangenehme Statistiken würden im Wahlkampf unterdrückt. Zumal es in Bayern in den letzten Woche mehrere Aufsehen erregende Übergriffe auf Frauen durch Asylbewerber gegeben hatte. Doch das Kalkül Seehofers ging nicht auf: Die Zahlen verbreiteten sich rasant in den einschlägigen Kreisen - Wahlkampfmunition für die Konkurrenz von rechts.

Angela Merkel, Horst Seehofer (am 4. September im Kanzleramt)
AP

Angela Merkel, Horst Seehofer (am 4. September im Kanzleramt)

Am Mittwoch nun musste Herrmann noch einmal zur Pressekonferenz ran. Gemeinsam mit Justizminister Winfried Bausback musste er präzisieren, dass die Zahl der "überfallartigen Vergewaltigungen" von 68 auf 71 gestiegen sei, bei den übrigen 614 Fällen handelt es sich demnach um schwere sexuelle Nötigung (lesen Sie hier mehr zu der Statistik). Der Anstieg habe zudem mit einer Verschärfung des Sexualstrafrechts und wohl auch mit einer erhöhten Anzeigebereitschaft zu tun. Dann präsentierten die Minister schnell noch ein Maßnahmenpaket gegen Sexualstraftaten. Schadensbegrenzung.

Die CDU-Spitze mag sich angesichts solch missglückter Manöver darin bestätigt fühlen, dass ihre Taktik besser ist - nämlich die AfD wegen ihrer radikalen Ausfälle als unwählbar zu brandmarken und ansonsten darauf zu hoffen, dass sich das Problem von selbst erledigt, wenn man nur nicht zu viel darüber redet. Motto: Ist doch alles gut im Land.

Von Erfolg gekrönt ist aber auch das nicht, im Gegenteil. Es wirkt offenbar eher mobilisierend auf jene Menschen, die ohnehin mit der AfD liebäugeln. "Grandios gescheitert" sei die Union mit ihrer Strategie, urteilt die der Partei sonst wohlgesonnene "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Sie verweist dabei auch auf Kanzleramtschef Peter Altmaier, der sich auf ein Entweder-oder-Fragespiel der "Bild"-Zeitung einließ und dabei antwortete, dass ihm ein Nichtwähler lieber sei als ein AfD-Wähler.

Das war zwar keineswegs als Aufruf zum Wahlboykott gemeint, wie mancher politische Gegner Altmaiers anschließend behauptete. Aber die Aufregung war da. Und es wurde nicht besser dadurch, dass Thomas de Maizière im Gespräch mit demselben Blatt noch einen weiteren Vorschlag parat hatte: Jeder solle wählen gehen, betonte der Innenminister, aber wenn man sich gar nicht entscheiden könne, "soll man zur Not ungültig abstimmen".

Gar nicht wählen? Die Stimme ungültig machen? Wie bitte? Wie wäre es dann einfach mal damit, für die eigene Partei zu werben, mag sich da auch die Kanzlerin gefragt haben. "Gehen Sie wählen", appellierte Angela Merkel am Donnerstag im ARD-Jugendradio: "Und wählen Sie die Parteien, die sich unserem Grundgesetz zu hundert Prozent verpflichtet fühlen."

Immerhin eine klare Ansage. Die Unsicherheit wird sie den eigenen Leuten damit aber auch nicht nehmen.



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Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 12.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
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Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 12.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
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