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CDU: Die Frustrierten des Bürgertums

Von Franz Walter

Noch hält die schwarze Tünche. Doch bald schon werden die Risse immer größer und erkennbarer werden, die sich durch die CDU ziehen - die Grundlagen des alten christdemokratischen Erfolgsmodells sind porös.

Mit sozialen Unterschiedlichkeiten in der eigenen Mitglieder- und Anhängerschaft hat die große Volkspartei CDU seit jeher leben müssen. Damit kam sie auch solange brillant zurecht, als alle Gruppen, die sich da unter dem Dach der christlich-bürgerlichen Integrationspartei zusammenfanden, den gleichen konservativ-christlichen Werten anhingen: Heimat, Nation, Religion, Familie.

CDU-Chefin Merkel mit Papstbild (während ihres Shanghai-Besuchs): Wenig Raum für alte Heimaten
DPA

CDU-Chefin Merkel mit Papstbild (während ihres Shanghai-Besuchs): Wenig Raum für alte Heimaten

Doch damit ist es schon seit Jahren vorbei. Der neuliberale Einstellungswechsel im Jungbürgertum brachte die altkonservativen Fundamente bereits im Herbst der Ära Kohl ins Wanken. Es waren also nicht die altbekannten sozialistischen oder kommunistischen Feinde des Konservatismus, welche die konservative Lebens- und Wertewelt unter Beschuss nahmen. Jetzt waren es vielmehr die Avantgardeure des wirtschaftlichen Liberalismus im bürgerlichen Lager selbst, die den überlieferten Institutionen, Bräuchen und Kulturen ganz unsentimental und kühl den Garaus bereiteten. Der globalisierte Kapitalismus jedenfalls, für den die Jungreformer aus den BWL-Fakultäten dieser Republik schwärmten, ließ wenig Raum noch für die alten Heimaten, wenig Zeit noch für die konventionelle Familie, wenig Souveränität noch für den überkommenen Nationalstaat, wenig spirituelle Orte für das christliche Mysterium. Kurzum: Der bürgerliche Neuliberalismus untergrub die altkonservativen Bindungen.

Und so splittert sich im Jahr 2006 das christlich-bürgerliche Lager und ihre frühere Einheitspartei heterogen nach Generationen, nach ökonomischer Stellung und Wertehaltung. Einigen geht es mit der gesellschaftlichen Deregulierung längst nicht zügig und zielstrebig genug, andere hingegen wollen alles so beisammenhalten, wie sie es seit ewigen Zeiten gewohnt sind. Ganze Lebenswelten im CDU-Potential fallen da auseinander. Die einen sind passionierte Schützenkönige, verlässliche Gottesdienstbesucher, lebenslange Familien- und Ehemenschen, sparsame und sesshafte Häuslebauer; die anderen sind dauermobile, beziehungswechselnde und nonchalant konsumistische Single-Individualisten. Die einen bangen um Rente und Pension, für die die anderen am liebsten keinen müden Cent mehr an Abgaben oder Steuern entrichten möchten. Nicht nur die Sozialdemokraten also plagen sich mit den Widersprüchen zwischen Modernisierern und Traditionalisten. Für die Christdemokraten gilt das nunmehr und mindestens ganz genauso.

Nun sind bürgerlich-christliche Parteien von ihrer ganzen Natur her flexibler und elastischer als die ideologisch kompromissloseren Linksparteien. Insofern benötigter die CDU auch nach dem enttäuschenden Ausgang der Bundestagswahlen 2005 und den eher unvorbereiteten Eintritt in die Große Koalition nicht lange, um sich ohne Verzug taktisch von den forschen Deregulierungsparolen der vorangegangen Wahlkampfmonate zu verabschieden. Und doch ist auch innerparteilich unsicher, wohin das ganze führen mag.

Die Grundlagen jedenfalls des alten christdemokratischen Erfolgsmodells sind porös geworden. Die bemerkenswert geschmeidige Elastizität der früheren CDU war immer abhängig von den festen Wurzeln, die sie in den katholischen und konservativen Lebenswelten besaß. Die Loyalität der Traditionstruppen sicherte den politischen Spielraum der christdemokratischen Führungsmannschaften ab. Die Autorität der Kirche war die Quelle für diese Loyalität. Der gemeinsame Glaube wiederum verband verschiedene soziale Schichten und Generationen. Die Traditionsstoffe hatten also die gesellschaftliche Integration ermöglicht, von der die Volkspartei nur zehrte, die sie aber nicht selbst herstellt und als säkularisierte liberale Zweckgemeinschaft auch nicht zu herzustellen vermag.

Eben das wird künftig zum Problem. Die traditionsgestützten Voraussetzungen von politischer Elastizität und komplexer Integration schwinden dahin. Seit einiger Zeit ist die Kontinuitätskette in den Kirchen gerissen. Die nachwachsenden Generationen haben sich den institutionellen, kulturellen und normativen Prägungen der christlichen Großkirchen entzogen. Das wird in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten auch politisch und gesellschaftlich durchschlagen. Unter den 50 bis 59 Jährigen gibt es heute noch 30 Prozent, denen die christliche Orientierung einer Partei wichtig ist, bei den 16 bis 25 Jährigen sind das weit unter 10 Prozent. Eine gewisse Respiritualisierung auch und gerade bei jüngeren Menschen ist zwar unverkennbar; aber sie übersetzt sich nicht in eine fixe christdemokratische Parteidisposition.

Nun heißt das nicht zwingend, dass damit auch die CDU über kurz oder lang im Laufe des 21. Jahrhunderts verschwinden wird. Aber sie wird nicht mehr über die gleichen Voraussetzungen ihrer früheren Erfolge verfügen: Über die Sicherheit loyalen Rückhalts, um pragmatische, flexible, aber auch wertorientierte Politik betreiben zu können. Die CDU wird sich künftig mit einem sehr viel launischeren, ungeduldigeren, unnachsichtigen, hurtig rochierenden Publikum herumschlagen müssen. Dieses Publikum wird außerordentlich vielschichtig sein. Es wird in ganz verschiedene Klassen- und Lebenslagen, in kontroverse Einstellungs- und Orientierungsmuster zerfallen. Und es wird in dieser dann postchristlichen und postsozialistischen Gesellschaft nicht mehr die große Integrationsideologie geben, die das alles - wie einst der Antisozialismus und das religiöse Bekenntnis - zusammenbinden kann.

Die sozialkatholische Traditionsströme jedenfalls versiegen mehr und mehr. Die politische Achse hat sich auch dadurch in der christdemokratischen Partei verschoben. Im politischem Vokabular der Union ist nun seit Jahren kaum mehr von "Subsidiaritäten", erst recht nicht von "Solidaritäten" die Rede, auch nicht mehr - zumindest nicht freundlich - vom "Staat". Im Mittelpunkt christdemokratischer Reden steht nun das "Individuum", im politischen Appell der Parteieliten vor allem die "Freiheit". Die Union hat sich dadurch dem Liberalismus angenähert, verschmilzt im Bekenntnis zum Primat individueller Freiheit gar mit ihm.

Der klassische Konservatismus und der traditionelle Katholizismus zeigten in dieser Hinsicht weit größere Skepsis. Konservative und katholische Denker beschrieben gern die negativen Folgen von entgrenzten Lebenssphären. Sie fürchteten, dass dadurch die Bindegewebe der Gesellschaft beschädigt werden. Katholiken und Konservative waren keine Apologeten des Fortschrittsversprechens, misstrauten zutiefst dem Pathos der Zukünftigkeit und dem Dogma der Modernität. Konservative glaubten nicht daran, dass es Menschen nach Weltverbesserung und permanenten Neuerungen drängte; sie waren sich sicher, dass es ihnen vielmehr um Stabilität und Berechenbarkeit der Lebensplanung zu tun war. Und entscheidend war für Konservative und Katholiken der Halt der Institutionen.

Doch sind solche konservativ-katholischen Prägungen unter den Anführern der CDU rar geworden, ohne dass vergleichbar tief wurzelnde, lagerüberspannende Einstellungsmuster an ihre Stelle getreten wären. Die Liberalisierung der Partei hat zur spirituellen Leere geführt. In der modernen CDU herrscht normativ gewissermaßen eine Kantinenmentalität: Jeder nimmt sich aus den Vitrinen, was ihm kulinarisch gerade gefällt. Deshalb aber scheut die CDU entscheidungsorientierte Diskussion über die konstitutiven und hochumstrittenen Wertefragen von Politik und Gesellschaft. Sie fürchtet die Sprengkraft, wenn sich Konservative und Liberale, Traditionalisten und Modernisierer, Globalisierer und Heimatmenschen, Verlierer und Gewinner im Klein- und Großbürgertum über Normen und Ethiken des künftigen Zusammenlebens, also gleichsam auf ein gemeinsames Sinnmenü, einigen müssten. Denn zu einer solchen Werteintegration ist das säkularisierte und individualisierte Bürgertum in Deutschland kaum mehr in der Lage. Daher fiel das Wahlprogramm der CDU 2005 auch durch und durch technokratisch und instrumentell aus. Und deshalb wirkt die CDU im Jahr 2006 wie eine grundlagenlose Assoziation ohne Ziel und Richtung.

Doch als Regierungspartei wird die CDU irgendwann den Konflikten nicht mehr ausweichen können; sie wird sich bei aller Kompromissvirtuosität in den elementaren Auseinandersetzungen festlegen müssen. Dann aber wird es auch Enttäuschte und Verbitterte geben. Und kein Pfarrer oder Heimatdichter wird sie noch trösten, mahnen und politisch wieder binden können. So mag die Republik neben den Verdrossenen des Proletariats demnächst noch die Frustrierten des Bürgertums hinzubekommen. Dann allerdings wird es wirklich ernst.

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