CDU-Experte Lamers im Interview "Angriff auf den Irak wäre die falsche Reaktion"

Sollten die USA tatsächlich einen Angriff gegen den Irak planen, müssen der Kanzler und sein Außenminister ihre Stimme dagegen erheben. Das fordert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Lamers.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Lamers, steuert der Westen mit den massiven Drohungen der USA gegen den Irak in einen weiteren Krieg?

Karl Lamers: Mir ist auf jeden Fall nicht wohl. Dass der Irak über chemische und biologische Massenvernichtungswaffen verfügt, ist in der Tat ein großes Problem. Es wäre aber falsch, mit einem Angriff zu reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Von den Europäern hört man kaum Kritik - geschweige denn von der Bundesregierung.

Lamers: Das Problem ist die Schwäche Europas, nicht die Stärke der USA. Europa hat politisch wie auch militärisch wenig in die Waagschale zu werfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst wenn man nicht auf gleicher Augenhöhe steht, ist Kritik doch erlaubt. Außer dem Staatssekretär Ludger Volmer hat kein Mitglied der Bundesregierung vor einem Krieg gegen den Irak gewarnt.

Lamers: Das ist ja das Problem. Auch wenn ich weiß, dass sich eine Regierung größere Zurückhaltung als die Opposition auferlegen muss, so ist doch das Schweigen der Bundesregierung erstaunlich. Teil unserer Schwäche ist diese Zurückhaltung. Dabei sind die Amerikaner nicht so empfindlich wie manche immer annehmen. Wenn man glaubhaft uneingeschränkte Solidarität bekundet, dann muss man auch sagen, wo es eben nicht geht.

SPIEGEL ONLINE: Soll die Bundesregierung also ein klares Wort sprechen?

Lamers: Wenn sich die Situation zuspitzen sollte, wenn es konkrete Vorbereitungen für einen Angriff gibt, dann müssen der Bundeskanzler und der Außenminister ihre Stimme erheben. Aber bitte nicht wieder als Solopart - sondern in Abstimmung mit unseren europäischen Partnern.

SPIEGEL ONLINE: Aus Sicht der USA wäre die Beseitigung Saddam Husseins nicht nur ein Dienst für ihre eigene Sicherheit, sondern für die der gesamten Welt.

Lamers: Das ist eine sehr vordergründige Sichtweise. Was wären die Folgen eines Angriffes? Es würde das Ende der Koalition mit der arabisch-muslimischen Welt eingeläutet, der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern weiter angeheizt, ein möglicher irakischer Gegenschlag mit biologischen und chemischen Waffen auf Israel herausgefordert und das transatlantische Bündnis erheblich belastet. Das können wir nicht wollen.

SPIEGEL ONLINE: Auch vor dem Sturz der Taliban wurden allerlei Befürchtungen bis hin zu einem großen militärischen Konflikt geäußert. Nichts davon trat ein.

Lamers: Selbst wenn ein militärischer Schlag zum Sturz des Diktators führte - was wären die Perspektiven für einen freien Irak? Wer soll die Verantwortung im Lande übernehmen?

SPIEGEL ONLINE: Die irakische Opposition - immerhin wurde auf der jüngsten Sicherheitskonferenz in München von US-Seite das Zusammenwirken ihrer Spezialstreitkräfte und afghanischer Rebellentruppen als eine neue Variante der modernen Kriegsführung gepriesen.

Lamers: Die Lage im Irak ist nicht mit der vor dem Sturz der Taliban in Afghanistan zu vergleichen. Die Amerikaner wissen sehr genau über die Schwäche der irakischen Opposition Bescheid. Sie ist bedeutungslos und zerstritten. Das Land drohte in drei Teile zu zerfallen mit unabsehbaren Folgen für die regionale Stabilität. Ich befürchte zudem, dass die Europäer als Juniorpartner am Ende die militärischen, finanziellen und politischen Folgelasten einer solchen Intervention zu tragen hätten.

SPIEGEL ONLINE: Also treten die Amerikaner wieder einmal als arrogante Weltmacht auf?

Lamers: Ich glaube nicht, dass die Amerikaner wirklich die Hegemonie in der Welt anstreben. In aller erster Linie geht es den USA nach den Anschlägen vom 11. September um ihre eigene Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Und geraten dabei in die Gefahr, andere mit hineinzuziehen?

Lamers: Das ist wahrscheinlich das Problem aller erfolgreichen Gesellschaften - die nicht hinreichend ausgebildete Fähigkeit, die Welt und sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen. Deshalb wäre es ja so wichtig, dass die Europäer mit einer Stimme sprechen. Unser so unterschiedlich geprägter Kontinent hat - trotz immer wiederkehrender Rückschläge - gelernt, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. In diesem Sinne könnten wir Europäer den USA wirklich helfen. Aber dazu müssen wir uns zusammenraufen.

SPIEGEL ONLINE: In Afghanistan scheint das ja immerhin gelungen zu sein. Man stellt zusammen mit anderen Nationen eine gemeinsame Friedenstruppe.

Lamers: Das war ganz gewiss ein richtiges Signal. Aber besser wäre es gewesen, die Nato - und nicht dieser unter größten Schwierigkeiten geborene internationale Verband - hätte von Anbeginn die Führung der Friedenstruppe übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Parteifreund, der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe, glaubt, dass die Deutschen am Ende doch noch die Führungsrolle in Afghanistan erhalten.

Lamers: Als Zwischenschritt wäre das sicherlich besser als die Türkei zur Lead-Nation zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lamers: Die Türken haben, bei allen militärischen Fähigkeiten, doch einen Nachteil - sie haben in der Vergangenheit den Usbeken-Führer General Dostam in Afghanistan unterstützt. Sie werden also unweigerlich als Partei gesehen werden. Nein, ich setze darauf, dass die Nato -und nicht die Deutschen allein - am Ende doch noch die Führung übernimmt. Das wäre allein aus logistischen, aber auch aus politischen und finanziellen Gründen wünschenswert.

Das Interview führte Severin Weiland



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.