Wulff und die Niedersachsen-CDU: Angst vor der Schlammschlacht

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Einst galten sie als unzertrennlich, jetzt kämpft jeder auf Kosten des anderen. Die juristischen Auseinandersetzungen um Ex-Bundespräsident Wulff und seinen früheren Berater Glaeseker könnten zur Schlammschlacht eskalieren - kurz vor der Niedersachsen-Wahl. Die CDU ist genervt.

Bild aus besseren Tagen (aus dem Mai 2011): Wulff und McAllister Zur Großansicht
dapd

Bild aus besseren Tagen (aus dem Mai 2011): Wulff und McAllister

Berlin/Hamburg - Einen Gute-Laune-Wahlkampf will David McAllister machen. Mit Sprüchen wie "I'm a Mac!"oder "Unser Häuptling ist ein Schotte" wirbt er um Stimmen. Doch wenn der Name Christian Wulff fällt, ist Schluss mit lustig. Die Miene des Ministerpräsidenten verfinstert sich dann. Er redet nicht gern über seinen Vorgänger in der niedersächsischen Staatskanzlei, will nichts mit ihm zu tun haben. Es gibt keinen Kontakt, zuletzt gesehen hat man sich vor sieben Monaten beim 75. Geburtstag von VW-Patriarch Ferdinand Piëch - zufällig. In seinen Reden erwähnt McAllister Wulff manchmal beiläufig in einem Halbsatz, damit niemand sagen kann, er verleugne seinen einstigen Ziehvater.

Aber sonst? Lieber schweigen. Wulff steht auf dem Index.

Das Problem ist nur: Auch wenn McAllister sich größte Mühe gibt, maximale Distanz zwischen sich und den Ex-Regierungschef des Landes zu bringen. Er wird Wulff einfach nicht los.

Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass der gestürzte Bundespräsident an seiner öffentlichen Rehabilitierung arbeitet. Am Mittwochabend etwa wird Wulff in Heidelberg bei der Hochschule für jüdische Studien auftreten - Thema seines Vortrags: Gesellschaft im Wandel. Nein, es ist vor allem der Schatten der juristischen Aufarbeitung der Affäre Wulff, der McAllister und der CDU in Niedersachsen Sorgen machen muss. Und eine womöglich drohende Schlammschlacht zwischen Wulff und seinem früheren Sprecher und einst engsten Vertrauten Olaf Glaeseker. Gegen beide wird in getrennten Verfahren wegen des Verdachts der Vorteilsnahme ermittelt.

In knapp zwei Monaten, am 20. Januar, wird in Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt. Die heiße Phase des Wahlkampfs steht bevor - und da würden die Christdemokraten gerne darauf verzichten, dass die Wulff-Affäre wieder hochkocht und die Wähler an das alte System aus Glitzer und Gefälligkeiten erinnert werden. "Das ist kein Gewinnerthema", sagen sie in der CDU.

Glaeseker belastet Wulff

Die meisten in der Partei sind extrem genervt von der Angelegenheit. Ungern sähe man es bei McAllisters Kampagnenstrategen, wenn die Entscheidung, ob gegen Wulff oder Glaeseker Anklage erhoben, Strafbefehl erlassen oder das Verfahren eingestellt wird, kurz vor dem Urnengang verkündet wird. Die Ermittler aber haben betont, dass ihnen der Wahltermin herzlich egal ist, sie nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Nicht ausgeschlossen, dass es sogar bis nach dem 20. Januar dauert - es käme der CDU entgegen.

Womöglich braucht es die offizielle Entscheidung der Staatsanwälte aber gar nicht, um für neue Unruhe zu sorgen. Denn der Kampf um die Deutungshoheit der Ermittlungsergebnisse hat längst begonnen. Wulff hatte seinen langjährigen Vertrauten Glaeseker in seiner Aussage im Regen stehen gelassen. Von dessen Sponsorenwerbung für den inzwischen legendären, vom Eventmanager Manfred Schmidt organisierten "Nord-Süd-Dialog" will er genauso nichts gewusst haben wie von Glaesekers Urlaubstrips auf Schmidts Kosten. Wenn Glaeseker Ferien machte, sei dieser nicht erreichbar gewesen, behauptete der Ex-Bundespräsident in seiner Vernehmung.

In Glaesekers Augen macht sich Wulff damit einen schlanken Fuß. Laut SPIEGEL legt der Anwalt des Ex-Sprechers in seiner Stellungnahme zum Ermittlungsbericht dar, dass Wulff und Glaeseker sehr wohl Kontakt hatten, während dieser in Schmidts Anwesen entspannte. Sagt Wulff die Unwahrheit, um sich zumindest mit Blick auf die Edelsausen des Partymanagers reinzuwaschen? Nicht ausgeschlossen, dass Wulff diese Frage so nicht im Raum stehenlassen will und zurückschlägt. Oder dass der abgetauchte Glaeseker bald den Weg in die Öffentlichkeit sucht, um seiner Enttäuschung über den ehemaligen Chef weiter Luft zu machen. Früher galten die beiden als so unzertrennlich wie siamesische Zwillinge - nun kämpft jeder für sich.

Wulff "wie der Geist von Hamlets Vater"

Die wahlkämpfende Niedersachsen-CDU würde auf eine öffentlich ausgetragene Privatfehde gerne verzichten. Die ersten Scharmützel werden in Hannover jedenfalls aufmerksam registriert. Und auch bei der Mutterpartei in Berlin beobachtet man die Entwicklungen in der Causa Wulff/Glaeseker genau. Niedersachsen ist schließlich der einzige, große Test für die Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres. Schafft McAllister es nicht, die Macht in Hannover zu sichern, wäre das für Kanzlerin Angela Merkel und ihre schwarz-gelbe Koalition kein gutes Signal.

Die Niederlage zu vermeiden wird auch ohne die Altlasten schwierig genug. McAllister ist als Regierungschef zwar populär. 65 Prozent der Befragten äußerten sich in der neuesten Infratest-Umfrage zufrieden über ihren Landesvater, im Direktwahl-Vergleich mit SPD-Herausforderer Stephan Weil führt er mit großem Abstand. Auch lag die CDU mit 41 Prozent deutlich vor der SPD mit 34 Prozent. Nur: Die Demoskopen sehen McAllisters bisherigen Koalitionspartner FDP aktuell nicht mehr im Landtag, genauso Piraten und Linke. Die Grünen kämen dagegen auf 13 Prozent - das reicht für einen rot-grünen Machtwechsel. Der Ministerpräsident würde nach derzeitigem Stand in Schönheit sterben.

SPD-Spitzenmann Weil wäre es wohl gleich, wie er den Sieg davonträgt. Er scheint jedenfalls darauf zu setzen, dass auch die Causa Wulff die Konkurrenz noch ein oder zwei Prozentpünktchen kosten könnte. Die Landesregierung werde ihre Vergangenheit nicht los, rief Weil jüngst beim Parteitag, McAllister sei zu schwach für einen klaren Schnitt. Der Sozialdemokrat spottete: "Wie der Geist von Hamlets Vater wabert Christian Wulff durch die Reihen der niedersächsischen CDU."

Dort hoffen sie nun, dass der Geist nicht zu laut im Wahlkampf herumpoltert. Und dass der Wähler erkennt, wie weit sich McAllister von seinem einstigen Wegbereiter entfernt hat. Der Rest ist Schweigen.

Mitarbeit: Christina Hebel

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1. Entspannt
SirLurchi 20.11.2012
Zitat von sysopEinst galten sie als unzertrennlich, jetzt kämpft jeder auf Kosten des anderen. Die juristischen Auseinandersetzungen um Ex-Bundespräsident Wulff und seinen früheren Berater Glaeseker könnten zur Schlammschlacht eskalieren - kurz vor der Niedersachsen-Wahl. Die CDU ist genervt. CDU in Niedersachsen fürchtet im Wahlkampf die Causa Wulff - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-in-niedersachsen-fuerchtet-im-wahlkampf-die-causa-wulff-a-868068.html)
Wenn die Frau von Gas-Gerd bei den Sozen mitmacht, kann sich Maci ganz entspannt zurücklehnen ... ;-)
2. Der Titel ist, was die Motivation von SPON angeht,
knieselstein 20.11.2012
falsch. Ehrlich wäre: Die Freude an der Schlammschlacht. Man kann ja schließlich ein EX-Mitglied der schreibenden Zunft im Wahlkampf nicht im Regen stehen lassen.
3. Bei Allister
Tahlos 20.11.2012
darf man nicht vergessen, das er überhaupt nur diesen Posten inne hat, weil er von Wulff entsprechend gefördert wurde und die damals wohl auch ein recht enges Verhältnis gehabt haben sollen. Aber auch davon möchte der Ministerpräsident ja nichts mehr wissen, da sonst womöglich auch Fragen an ihn gestellt werden würden, was er evtl weiss. Also ist die bestmögliche Strategie halt ignorieren und leugnen. Ob das reicht um wiedergewählt zu werden... Wie er überhaupt auf positive Werte kommt, mag allerdings auch nur am Dauergrinsen iiegen, denn irgendwie macht er sich überhaupt nicht bemerkbar. Man weiß er ist irgendwo, aber was genau er so unternimmt... Allerdings stimmt es wohl, dass sein SPD Konkurrent noch unbekannter und unsichtbarer ist. Das wird mal wieder eine Wahl ohne das man weiß warum man wen wählen sollte.
4. tolle truppe
micromiller 20.11.2012
unsere sehr intelligente frau merkel hatte unseren sehr lebenslustigen rechtsanwalt wulff mit samt seiner huebschen neuen gattin auf den thron der republik gesetzt.. die lenbenslust war aber zu dolle und er musste gehen, sein hoefling mc versucht nun so neutral und dumpft wie moeglich zu sein, damit keiner merkt, dass er sehr nahe am gunst vater war,. der farblose sozialist freut sich und hofft nun die nr. eins zu werden ... wo sind wir eigentlich? im leistungsgetriebenen deutschland wo jeder zeigen muss wass er kann, oder bei den politpinschern, die nur richtig laut auffaellig oder unauffaeilig sein muessen um an den trog zu kommen..
5.
prqc 20.11.2012
Zitat von SirLurchiWenn die Frau von Gas-Gerd bei den Sozen mitmacht, kann sich Maci ganz entspannt zurücklehnen ... ;-)
Mac muss damit beginnen, zum Angriff überzugehen: Ein "Gute Laune"-Wahlkampf wird nicht reichen. Das kann ich auch aus den Niederlanden beobachten - ein Studium der entsprechenden Umfragezahlen im Internet reicht ja aus. Stephan Weil, der Oberbürgermeister Hannovers, bietet ja mit seiner katastrophalen Bilanz als Stadtvater der Landeshauptstadt (Kriminalität, Armut, Verwahrlosung, unterfinanzierte Schulen, Strassen voller Schlaglöcher, keinerlei Dynamik, massiver Schuldenstand und Schrumpfen der Wirtschaft) ja ausreichend Angriffsflächen bietet. Und um eine Zweitstimmenkampagne für die FDP wird die Niedersachsen-CDU wohl nicht umhinkommen. (Ob jemand dem Brüderle mal stecken kann, dass er Rösler schon vorher kippt?) Slogan? "Weil er es nicht kann!". Die in Deutschland vorherrschende, scheinheilige Verabscheuung von Negativ-Wahlkampf muss ein Ende haben - nur ganzer Einsatz wird einen Ministerpräsidenten Weil verhindern und Mac die Möglichkeit geben, seine von Niedersachsen mehrheitlich anerkannte Arbeit fortzuführen.
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