Von Björn Hengst und Philipp Wittrock
Berlin/Hamburg - Einen Gute-Laune-Wahlkampf will David McAllister machen. Mit Sprüchen wie "I'm a Mac!"oder "Unser Häuptling ist ein Schotte" wirbt er um Stimmen. Doch wenn der Name Christian Wulff fällt, ist Schluss mit lustig. Die Miene des Ministerpräsidenten verfinstert sich dann. Er redet nicht gern über seinen Vorgänger in der niedersächsischen Staatskanzlei, will nichts mit ihm zu tun haben. Es gibt keinen Kontakt, zuletzt gesehen hat man sich vor sieben Monaten beim 75. Geburtstag von VW-Patriarch Ferdinand Piëch - zufällig. In seinen Reden erwähnt McAllister Wulff manchmal beiläufig in einem Halbsatz, damit niemand sagen kann, er verleugne seinen einstigen Ziehvater.
Aber sonst? Lieber schweigen. Wulff steht auf dem Index.
Das Problem ist nur: Auch wenn McAllister sich größte Mühe gibt, maximale Distanz zwischen sich und den Ex-Regierungschef des Landes zu bringen. Er wird Wulff einfach nicht los.
Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass der gestürzte Bundespräsident an seiner öffentlichen Rehabilitierung arbeitet. Am Mittwochabend etwa wird Wulff in Heidelberg bei der Hochschule für jüdische Studien auftreten - Thema seines Vortrags: Gesellschaft im Wandel. Nein, es ist vor allem der Schatten der juristischen Aufarbeitung der Affäre Wulff, der McAllister und der CDU in Niedersachsen Sorgen machen muss. Und eine womöglich drohende Schlammschlacht zwischen Wulff und seinem früheren Sprecher und einst engsten Vertrauten Olaf Glaeseker. Gegen beide wird in getrennten Verfahren wegen des Verdachts der Vorteilsnahme ermittelt.
In knapp zwei Monaten, am 20. Januar, wird in Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt. Die heiße Phase des Wahlkampfs steht bevor - und da würden die Christdemokraten gerne darauf verzichten, dass die Wulff-Affäre wieder hochkocht und die Wähler an das alte System aus Glitzer und Gefälligkeiten erinnert werden. "Das ist kein Gewinnerthema", sagen sie in der CDU.
Glaeseker belastet Wulff
Die meisten in der Partei sind extrem genervt von der Angelegenheit. Ungern sähe man es bei McAllisters Kampagnenstrategen, wenn die Entscheidung, ob gegen Wulff oder Glaeseker Anklage erhoben, Strafbefehl erlassen oder das Verfahren eingestellt wird, kurz vor dem Urnengang verkündet wird. Die Ermittler aber haben betont, dass ihnen der Wahltermin herzlich egal ist, sie nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Nicht ausgeschlossen, dass es sogar bis nach dem 20. Januar dauert - es käme der CDU entgegen.
Womöglich braucht es die offizielle Entscheidung der Staatsanwälte aber gar nicht, um für neue Unruhe zu sorgen. Denn der Kampf um die Deutungshoheit der Ermittlungsergebnisse hat längst begonnen. Wulff hatte seinen langjährigen Vertrauten Glaeseker in seiner Aussage im Regen stehen gelassen. Von dessen Sponsorenwerbung für den inzwischen legendären, vom Eventmanager Manfred Schmidt organisierten "Nord-Süd-Dialog" will er genauso nichts gewusst haben wie von Glaesekers Urlaubstrips auf Schmidts Kosten. Wenn Glaeseker Ferien machte, sei dieser nicht erreichbar gewesen, behauptete der Ex-Bundespräsident in seiner Vernehmung.
In Glaesekers Augen macht sich Wulff damit einen schlanken Fuß. Laut SPIEGEL legt der Anwalt des Ex-Sprechers in seiner Stellungnahme zum Ermittlungsbericht dar, dass Wulff und Glaeseker sehr wohl Kontakt hatten, während dieser in Schmidts Anwesen entspannte. Sagt Wulff die Unwahrheit, um sich zumindest mit Blick auf die Edelsausen des Partymanagers reinzuwaschen? Nicht ausgeschlossen, dass Wulff diese Frage so nicht im Raum stehenlassen will und zurückschlägt. Oder dass der abgetauchte Glaeseker bald den Weg in die Öffentlichkeit sucht, um seiner Enttäuschung über den ehemaligen Chef weiter Luft zu machen. Früher galten die beiden als so unzertrennlich wie siamesische Zwillinge - nun kämpft jeder für sich.
Wulff "wie der Geist von Hamlets Vater"
Die wahlkämpfende Niedersachsen-CDU würde auf eine öffentlich ausgetragene Privatfehde gerne verzichten. Die ersten Scharmützel werden in Hannover jedenfalls aufmerksam registriert. Und auch bei der Mutterpartei in Berlin beobachtet man die Entwicklungen in der Causa Wulff/Glaeseker genau. Niedersachsen ist schließlich der einzige, große Test für die Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres. Schafft McAllister es nicht, die Macht in Hannover zu sichern, wäre das für Kanzlerin Angela Merkel und ihre schwarz-gelbe Koalition kein gutes Signal.
Die Niederlage zu vermeiden wird auch ohne die Altlasten schwierig genug. McAllister ist als Regierungschef zwar populär. 65 Prozent der Befragten äußerten sich in der neuesten Infratest-Umfrage zufrieden über ihren Landesvater, im Direktwahl-Vergleich mit SPD-Herausforderer Stephan Weil führt er mit großem Abstand. Auch lag die CDU mit 41 Prozent deutlich vor der SPD mit 34 Prozent. Nur: Die Demoskopen sehen McAllisters bisherigen Koalitionspartner FDP aktuell nicht mehr im Landtag, genauso Piraten und Linke. Die Grünen kämen dagegen auf 13 Prozent - das reicht für einen rot-grünen Machtwechsel. Der Ministerpräsident würde nach derzeitigem Stand in Schönheit sterben.
SPD-Spitzenmann Weil wäre es wohl gleich, wie er den Sieg davonträgt. Er scheint jedenfalls darauf zu setzen, dass auch die Causa Wulff die Konkurrenz noch ein oder zwei Prozentpünktchen kosten könnte. Die Landesregierung werde ihre Vergangenheit nicht los, rief Weil jüngst beim Parteitag, McAllister sei zu schwach für einen klaren Schnitt. Der Sozialdemokrat spottete: "Wie der Geist von Hamlets Vater wabert Christian Wulff durch die Reihen der niedersächsischen CDU."
Dort hoffen sie nun, dass der Geist nicht zu laut im Wahlkampf herumpoltert. Und dass der Wähler erkennt, wie weit sich McAllister von seinem einstigen Wegbereiter entfernt hat. Der Rest ist Schweigen.
Mitarbeit: Christina Hebel
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Landtagswahl in Niedersachsen 2013 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH