Wahlschlappe in NRW: Machtkampf um Röttgens Erbe belastet die CDU

Von , Düsseldorf

Wer wird Nachfolger des glücklosen Norbert Röttgen in NRW? In der Landes-CDU streiten sich der volksnahe Karl-Josef Laumann und der progressive Armin Laschet um den Vorsitz - und gegen beide gibt es Vorbehalte in der Partei. Doch eine Alternative haben die Konservativen nicht.

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dapd

CDU-Politiker Laschet, Laumann: Keine Alternative in Sicht

Die letzten Meter geht Norbert Röttgen ganz allein. Es ist am frühen Dienstagnachmittag, als er den Düsseldorfer Landtag verlässt, und während sich vor einer Woche noch Scharen von Menschen bei öffentlichen Auftritten um ihn drängten, ist nun niemand mehr in Sicht, der noch mit ihm gesehen werden will.

Nur der Fahrer eines anderen CDU-Spitzenpolitikers tritt dem Geschlagenen in den Weg. Der Mann trägt eine braune Lederjacke, raucht eine Camel mit Filter, er gibt ihm die Hand und nimmt dem Bundesumweltminister das Versprechen ab, sein Amt in Berlin bitte unbedingt zu behalten. Dann steigt Norbert Röttgen in eine dunkle Limousine und braust davon. Er muss ins Kanzleramt.

Mit diesem traurigen Moment endet die nordrhein-westfälische Exkursion des ehemaligen Überfliegers, der sich binnen weniger Wochen in einem Turbowahlkampf selbst entzaubert hat. 26,3 Prozent - das ist die Zahl, die ihm künftig anhaften wird, der niedrigste Wert, den die CDU bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen je bekommen hat. "Desaster", "Katastrophe", "Debakel" nennen es die Christdemokraten selbst.

Keine schnelle Lösung

Die Frage ist, wie es an Rhein und Ruhr nun weitergeht, nachdem Röttgen sehr schnell persönliche Konsequenzen aus dem Ausgang der Wahl gezogen hatte. Bei einem Parteitag in sechs Wochen soll ein neuer Landesvorstand gewählt werden, und inzwischen zeichnet sich deutlich ab, dass der Zweikampf zwischen dem Ex-Integrationsminister Armin Laschet und dem Ex-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann bis dahin in Gang kommen wird. Eine schnelle Lösung, auf die offenbar der bisherige Fraktionsvorsitzende Laumann spekuliert hatte, kam am Dienstag jedenfalls nicht zustande. Der Partei droht ein quälender Machtkampf.

Zwar bestätigte die CDU-Fraktion Laumann und den Parlamentarischen Geschäftsführer Laschet am Dienstag einstimmig in ihren Ämtern, doch dieses Votum soll nur bis zum Parteitag am 30. Juni gelten. Eindeutig hatte sich der Landesvorstand zuvor in einer Sitzung am Montagabend dafür ausgesprochen, Partei- und Fraktionsvorsitz in eine Hand zu legen. Die Sorge, dass ansonsten der FDP-Mann Christian Lindner zum obersten Oppositionsführer in Nordrhein-Westfalen avancieren könnte, ist groß.

Laschet und Laumann wiederum verkörpern ganz unterschiedliche Flügel der CDU, weshalb es in diesen Tagen nicht nur darum geht, wer die 150.000 Christdemokraten in Nordrhein-Westfalen anführen wird, sondern auch darum, wohin der stärkste Landesverband steuert.

Schlechte Figur

Der Aachener Laschet verkörpert die großstädtische, bürgerlich-liberale CDU und hat wohl auch in Berlin einflussreiche Fürsprecher. Allerdings haftet dem gelernten Journalisten, 51, der Makel an, vor zwei Jahren die Wahlen sowohl zum Fraktionsvorsitzenden (gegen Laumann) und zum Parteichef (gegen Röttgen) verloren zu haben.

Der Münsterländer Laumann hingegen, ein gelernter Maschinenschlosser, vertritt die ländlich-konservative CDU. Der 54-Jährige gibt sich volkstümlich, geht gern auf Schützenfeste und in die Bierzelte. Er pflegt zudem eine derbe Sprache und poltert auch schon einmal kräftig. Seine rhetorischen Möglichkeiten sind allerdings begrenzt. Viele in der Partei fürchten daher, Laumann werde neben dem talentierten Redner Christian Lindner eine schlechte Figur abgeben.

Und während die einen in der Partei argumentieren, nur mit Armin Laschet könne die CDU die vielen verlorenen Wahlkreise in den Ballungsgebieten zurückgewinnen, argumentieren die anderen, dass die CDU dort ohnehin nicht punkten werde und besser mit Karl-Josef Laumann ihre Stammwählerschaft in der Provinz pflegen sollte. Viele vermissen zudem wirtschafts- und innenpolitische Fachleute, die in den Kernbereichen der Konservativen punkten könnten.

Die Lager werden mobilisiert

Der Plan jedenfalls, Laumann nach Berlin zu locken, scheint nicht aufzugehen. Stattdessen vertraut die Partei nun offenkundig darauf, dass sich beide "miteinander ins Benehmen" setzen, wie es ein Vorstandsmitglied ausdrückt. Generalsekretär Oliver Wittke mahnte bereits "Geschlossenheit" an. Doch ob sich die Konkurrenten daran halten werden, ist ungewiss. Hinter den Kulissen mobilisieren beide ihre Lager.

Nach außen geben sich die Spitzenpolitiker dieser Tage handzahm. So mag sich Armin Laschet lediglich darauf festlegen, dass der neue Vorsitzende mit großer Wahrscheinlichkeit "aus dem Landesverband direkt kommt und im Landtag arbeitet". Ihm sei zudem wichtig, sagt er, dass es "nicht wieder ein Kampf" werde. "Das soll am besten eine Lösung sein, die dann auch ein paar Jahre trägt."

Und Karl-Josef Laumann verkündet: "Ich weiß schon, was ich will. Ich weiß aber auch, dass es nicht gut ist, in einer solchen Phase zu sagen, ich will dieses oder jenes, sondern so viele wie möglich mitzunehmen."

Das eigentliche Drama der CDU ist, dass es in Nordrhein-Westfalen keine personellen Alternative zu dem Duo gibt und eine Berliner Lösung nach den Erfahrungen mit Norbert Röttgen nicht in Frage kommt. "Wir haben sonst keinen", bringt es ein Mitglied des Landesvorstands auf den Punkt. Sowohl bei Laumann als auch bei Laschet ist aber ohnehin fraglich, ob sie die populäre Landesmutter Hannelore Kraft im nächsten Wahlkampf unter Druck setzen könnten.

Auch die FDP hat am Dienstag übrigens einstimmig einen neuen Fraktionschef gewählt: Christian Lindner. Und der, gefragt nach der Situation der CDU, sagt: "Es ist eine ganz schwierige Lage, die wünscht man keinem Mitbewerber." Es schade der CDU, so Lindner, wenn sie sich nicht klar aufstelle. Er meint damit den Wahlkampf. Vordergründig. Doch für den Machtkampf darf das wohl ebenfalls gelten.

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1. optional
waldgraf 15.05.2012
Dass Herr Laumann, wie im Text behauptet, nur über 'begrenzte rhetorische Fähigkeiten' verfüge und ein 'derbe Sprache' pflegt, kann ich nicht bestätigen. Ich habe ab und an Reden von ihm bei Bundestagsdebatten gesehen und habe ihn dort als talentierten, pointierten Redner wahrgenommen.
2. Laschet und Laumann
suwarin 16.05.2012
Beide haben gegen die Landesmutter keine großen Erfolgsaussichten, das mag stimmen, aber ein Laumann könnte zumindest die Kernwählerschaft mobilisieren. Endlich mal ein westfälischer Spitzenkandidat, das kommt hier bei uns durchaus an.
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