"Es gab keine Pogrome" Sachsen-CDU startet Kampagne auf Facebook

Gab es in Chemnitz Hetzjagden oder nicht? Für die sächsische CDU scheint die Sache klar - was sie nun offensiv verbreitet: "Noch mal zum Mitschreiben!"

Michael Kretschmer (CDU)
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Michael Kretschmer (CDU)


In der Union schwillt seit dieser Woche ein Streit über einen Begriff: Eine "Hetzjagd" soll es bei den Ausschreitungen in Chemnitz gegeben haben, hieß es von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Sprecher Steffen Seibert.

In einer Regierungserklärung widersprach der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer dieser Darstellung. "Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, und es gab keine Pogrome in dieser Stadt", sagte er.

Nun geht die sächsische CDU auch auf ihrer Facebookseite in die Offensive. Mit der Bemerkung versehen "Noch mal zum Mitschreiben!" zeigt die Landespartei den Ausschnitt aus der Regierungserklärung und fordert die User auf, den Beitrag zu teilen.

Merkel verteidigte ihre Aussagen bereits: "Meine Reaktion ist, dass wir dort Bilder gesehen haben, die sehr klar Hass und damit auch Verfolgung von unschuldigen Menschen deutlich gemacht haben", sagte sie. "Von denen muss man sich distanzieren. Das hat Herr Seibert gemacht, das tue ich - das habe ich auch schon getan."

"Schlimmste Erinnerungen an die Dreißigerjahre"

Nachdem inzwischen bekannt wurde, dass auch ein jüdisches Restaurant angegriffen wurde, erklärte Kretschmer, er werde den betroffenen Wirt besuchen. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte der "Welt am Sonntag": "Hier werden die schlimmsten Erinnerungen an die Dreißigerjahre wachgerufen."

Bisher ermitteln die Behörden noch, was in Chemnitz genau geschah. Was bisher sicher ist: Am frühen Nachmittag des 26. August, einem Sonntag, rief die AfD zu einer Kundgebung auf. Dem Aufruf folgten etwa hundert Menschen. Diese Veranstaltung blieb laut Polizei störungsfrei.

Wenig später marschierten jedoch 800 Demonstranten durch die Stadt, einige stießen Polizisten zu Boden, andere bedrohten Menschen. Videos in sozialen Medien zeigen Übergriffe auf Migranten. Die Stadt beendete aus Sicherheitsbedenken vorzeitig ihr Stadtfest.

Am Abend des darauffolgenden Montag, 27. August, versammelten sich dann sogar 6000 Rechte und Sympathisanten. Ohne Absprache mit der Polizei marschierte die Gruppe los, einige Teilnehmer skandierten "Wir sind das Volk". Feuerwerkskörper wurden gezündet, Flaschen flogen, Reporter wurden beschimpft. Mehrere Rechtsextreme zeigten den Hitlergruß, die Polizei leitete zehn Ermittlungsverfahren ein.

tin



insgesamt 140 Beiträge
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giremii 08.09.2018
1. Rechte hetze bleibt...
recht hetze! egal wie man es sprachlich einordnet! Es ist lächerlich diese schönwetter reden...
ympertrymon 08.09.2018
2. Einfach bitter ..,
... wenn die Regierungspartei sich mehr um die Darstellung und das Image des Bundeslandes in der Presse kümmert, als um besorgniserregende extremistische Tendenzen und die tatsächlichen Probleme der Menschen. Schuld an allen tagtäglichen Problemen und Frustrationen (Zukunft der Rente, steigende Mieten, Arbeitslosigkeit, Lehrermangel, ...) sind natürlich immer die Presse und die Migranten ...
Profdoc1 08.09.2018
3. Fassungslos
So und genau so wird derartigem Handeln Tür und Tor geöffnet! Was denkt sich denn dieser Herr Kretschmer eigentlich? Damit schüttet er nur weiter Öl ins Feuer, dass die CDU bereits unter Biedenkopf angezündet hat. Es ist eine Unverschämtheit sondergleichen. Und hinterher will es wieder niemand gewesen sein. Ich bin fassungslos über soviel - Entschuldigung - Blödheit.
cecile10 08.09.2018
4. Totale Realitätsverweigerung
Herr Kretschmer und die CDU-Sachsen scheinen in einer anderen Welt zu leben. Vielleicht sollten sie aber mal ins Ausland fahren und für Sachsen auf Werbetour gehen. Das wäre der richtige Realitätscheck. Ich kenne wenige Ausländer, die sich freiwillig einem Aufenthalt im ach' so schönen Freistaat gönnen. Selbst Geschäftliches wird nach Prag oder Berlin verlegt. Ausländische Professoren und Studenten machen einen großen Bogen um das ach' so weltoffene Sachsen, wo es ja so tolle Forschungsbedingungen gibt, aber jeder Ausländer am liebsten im Auto mit geschlossenen Fenstern die Pizza abholt, um möglichst wenig Kontakt zu der so liebenswürdigen lokalen Bevölkerung zu haben. Das, liebe Sachsen, ist die Realität und wie immer Ihr das bezeichnet, was sich in Chemnitz abgespielt hat, ist wieder einmal der Auslöser dafür. Da kann man nur hoffen, dass dieses unsägliche Video wirklich Fake News ist.
uli_san 08.09.2018
5. Ich verstehe...
...die sächsische CDU nicht mehr. Mit dieser Verharmlosung und Schönrederei vertreibt man doch mehr Wähler als das man hinzugewinnt. Klare Kante wäre angesagt, Durchgreifen der Polizei und zeitnahe Verurteilung von Straftätern. Damit kann man die eigene Klientel erreichen und eventuell einige dazu. Das, was Kretschmer macht, ist parteischädigend. Menschen, die rechts denken und handeln, wählen sowieso das Original. Das werden wir in Kürze (Seehofer sei dank) in Bayern erleben.
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