Werber für Merkels Wahlkampf Ex-SPD-Mann soll die CDU entstauben

Der Werber Lutz Meyer soll die CDU für den Wahlkampf flottmachen. Einst führte er mit der SPD-"Kampa" Gerhard Schröder zum Sieg, nun arbeitet er für Angela Merkel. Seine Mission: die Kanzlerin zur Anführerin der letzten Volkspartei zu stilisieren.

Lutz Meyer: "Mit der Kanzlerin zusammenzuarbeiten, macht ausgesprochen Spaß"
Blumberry

Lutz Meyer: "Mit der Kanzlerin zusammenzuarbeiten, macht ausgesprochen Spaß"

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Seit einigen Wochen hat Angela Merkel einen neuen Lieblingsplatz. Der langweilige Besprechungsraum in der Berliner Parteizentrale hat sich in eine Art Lounge verwandelt. Im "Deutschlandzimmer" stehen jetzt gemütliche Sessel und ein großer Tisch mit Stühlen aus allen 16 Bundesländern, an den Wänden hängen Postkarten.

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Heft 25/2013
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Das neue "coole" Wohnzimmer im Konrad-Adenauer-Haus hat ein Mann gestaltet, dem Angela Merkel viel zutraut. Lutz Meyer, Chef der Berliner Werbeagentur Blumberry, soll im Auftrag der Parteivorsitzenden nicht nur die Wahlkampagne entwerfen; sein Mandat geht weit darüber hinaus: Meyer soll aus der angestaubten CDU eine schlagkräftige, modern wirkende Organisation machen.

Der Werber ist ein Mann mit ausgewiesener Expertise. Meyer hat sein Handwerk bei einem Profi gelernt. Er war 2002 die rechte Hand von Matthias Machnig, dem Erfinder der legendären SPD-"Kampa", die 1998 in erster Auflage als letzter Schrei modernen Wahlkampfs nach amerikanischem Vorbild galt.

Die Berufung Meyers ist das Ergebnis von Merkels neuestem Raubzug. Ob Mindestlohn oder Mietpreisbremse - bislang hat sie nur die Themen des politischen Gegners übernommen. Jetzt bedient sie sich auch noch beim Personal.

Neuer Look für alte Ideen

Eine gewisse Wendigkeit in weltanschaulichen Fragen gilt in der Merkel-CDU als Pluspunkt. Meyer verfügt in diesem Punkt über die nötige Qualifikation. Der langjährige Sozialdemokrat hat sein Parteibuch 2005 zurückgegeben.

Mit 15 Jahren Verspätung ist der amerikanische Wahlkampf damit auch in der CDU angekommen, Meyer soll aus der CDU-Zentrale so etwas wie eine Kampa für Konservative machen. "Wir wissen, dass Meyer kein Christdemokrat ist", sagen Merkels Vertraute, "die entscheidende Frage ist aber: Bringt er was Neues?"

Ganz wohl ist der Partei bei so viel Beliebigkeit nicht. Wer sich bei Blumberry um einen Termin mit dem Chef bemüht, bekommt umgehend einen Rückruf aus der CDU-Pressestelle. Beim Hintergrundgespräch mit Meyer sitzen sicherheitshalber zwei CDU-Leute mit im Raum.

Dabei wird Meyers Kampagne kaum für Überraschungen sorgen. Die CDU soll im Wahlkampf zur letzten überlebenden Volkspartei stilisiert werden. Über allem schwebt Merkel. In ihrem Wahlprogramm verspricht sie jedem etwas: mehr Geld für Kinder, für Rentnerinnen, für Straßen. Es sind alte Ideen ohne Kraft, Meyer soll sie im verschärften CDU-Orange möglichst grell bewerben.

Events statt Parteiveranstaltungen

Im Adenauer-Haus gefällt das nicht allen. Allein dass Blumberry den Auftrag für die CDU-Kampagne bekommen hat, empfinden altgediente Apparatschiks als Kampfansage. "Die Auswahl der Agentur ist ein Misstrauensvotum gegen das Adenauer-Haus", sagt einer von ihnen.

Für treue Parteisoldaten ist die CDU ein Stück Heimat, für Männer wie Meyer ist sie eine Marke. Wie Waschmittel, Fischstäbchen - oder die SPD. Und so hat sich Meyer nach der Neugestaltung des Besprechungszimmers an den Internetauftritt der Partei gemacht. Was nicht ins moderne Design passte, wurde flink verbannt, darunter große Teile des Online-Archivs mit alten Beschlüssen.

Seitdem findet man auf der Website zwar leichter zur Facebook-Seite der Parteichefin, Inhalte allerdings sind zweitrangig. "Eine Botschaft des Tages statt 40 Themen", ist Meyers Devise.

Auch die Parteiveranstaltungen sollen fluffiger werden. Wenn die Union am kommenden Montag ihr Wahlprogramm präsentiert, wird es keinen langweiligen Parteitag mehr geben. Stattdessen findet ein durchinszeniertes Event in den ehemaligen Opernwerkstätten in Berlin-Mitte statt. Dort, wo sonst gern Modenschauen abgehalten werden.

Meyer verhalf bereits Gerhard Schröder zum Wahlsieg

Die Minister von der Leyen, Schäuble und Aigner sollen Programmhäppchen servieren, während sich CSU-Chef Horst Seehofer und Angela Merkel als harmonisches Paar inszenieren werden.

Merkel blickt mit Wohlgefallen auf Meyers kleine Revolution. Berührungsängste mit SPD-Leuten kannte sie ohnehin nie. In der Zeit der Großen Koalition fasste sie schnell Vertrauen zu Vizeregierungssprecher Thomas Steg, einem Sozialdemokraten. Und in der Finanzkrise griff sie auf das Fachwissen von Jörg Asmussen zurück. Der SPD-Mann durfte Staatssekretär im CDU-Finanzministerium bleiben.

Meyer weiß, was von ihm gefordert wird. Der letzte Bundeskanzler, dem er beim Wahlsieg geholfen hat, hieß Gerhard Schröder. Doch schon jetzt hat der frühere Sozialdemokrat die wichtigste Regel im Merkel-Universum verinnerlicht: unbedingte Loyalität.

Merkel "wägt ab und trifft die richtige Entscheidung", lobte er seine Auftraggeberin vergangene Woche bei einem Kongress in Berlin. "Mit der Kanzlerin zusammenzuarbeiten", flötete der Werber, "macht ausgesprochen Spaß."

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes konnte der Eindruck entstehen, Lutz Meyer sei bei der SPD-Wahlkampagne im Jahr 1998 eine tragende Rolle zugekommen. Dem war nicht so. Meyer war zwar Mitarbeiter, jedoch nicht in führender Funktion. Zur rechten Hand des damaligen SPD-Bundesgeschäftsführers Matthias Machnig wurde er dann erst hin zur SPD-Kampagne 2002.



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insgesamt 35 Beiträge
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Klaus100 19.06.2013
1. Der Werber wirbt erstmal für sich selbst
Guter Start mit einer Werbung für die Werbung. Aber da es nur um Werbung geht, ist es auch nicht so wichtig, was eine Agentur vor dem CDU-Auftrag gemacht hat. Solange man die Politik immer noch selbst macht.
Jobuch 19.06.2013
2. Es gibt Momente
da wünscht man sich, in einer anderen Branche tätig zu sein, wenn Kollegen sich derart prostituieren. Aber schon Wolfgang Joop sagte ganz richtig: "Jeder Beruf hat was Nuttiges." Das einzig Tröstliche an der Sache ist der Satz von unser aller Werbepapst Mr. Ogylvy, der mal sagte: "Wenn für ein schlechtes Produkt gut geworben wird, merken es die Leute nur schneller, DASS es schlecht ist." Es darf allerdings vermutet werden, daß es die Leute nicht unbedingt merken, weil das "Produkt Merkel" sie gar nicht mehr interessiert, sie sich also auch gar nicht damit auseinandersetzen - ein Folge dauernder Alternativlosigkeit. Es ist also völlig wurscht, was der Meister auf die Wahlplakate draufschreibt - die Essenz dieser Politik bzw. Wahlwerbung (allein das Wort "Wahl" ist ein Euphemismus) wäre in meinen Augen ein Bild der Kanzlerin mit visionärem Blick in die Ferne und dazu zwei Worte "Wählt mich!". Keine Partei dazu, nichts. Mehr braucht es nicht. Man hat die GröKaZ zu "ernennen" und Inhalte sind ohnehin keine vorhanden. Dies gilt in diesem Fall eben auch und im Besonderen für die CDU, wobei sich die anderen etablierten Parteien auch nicht wirklich was schenken...
Roueca 19.06.2013
3. Mein Gott...
Zitat von sysopBlumberry Der Werber Lutz Meyer soll die CDU für den Wahlkampf flottmachen. 1998 führte er mit der SPD-"Kampa" Gerhard Schröder zum Sieg, nun arbeitet er für Angela Merkel. Seine Mission: die Kanzlerin zur Anführerin der letzten Volkspartei zu stilisieren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-kampagne-wird-von-ehemaligem-spd-mann-entworfen-a-906232.html
..wie tief kann ein Land denn noch sinken. Da werden die Herrschaften, welche eigentlich dem Volk -dienen-sollten und nicht umgekehrt uns mit Tricks und schönem Schein und noch viel schöneren verlogenen Worten schmackhaft gemacht, auf das das Rindvieh schön seine Henker selbst wählt. Wie dumm muß ein Volk sein, daß es einer Merkel vertraut und ihr seine Stimme gibt? Wobei die Alternative Steinbrück und Roth einem eine Gänsehaut verursachen.
!!!Fovea!!! 19.06.2013
4.
Zitat von sysopBlumberry Der Werber Lutz Meyer soll die CDU für den Wahlkampf flottmachen. 1998 führte er mit der SPD-"Kampa" Gerhard Schröder zum Sieg, nun arbeitet er für Angela Merkel. Seine Mission: die Kanzlerin zur Anführerin der letzten Volkspartei zu stilisieren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-kampagne-wird-von-ehemaligem-spd-mann-entworfen-a-906232.html
Sehr geehrter Lutz Meyer, ich werde die CDU trotzdem nicht wählen. Egal, was Sie machen werden. Allerdings würde ich mein Kreuzchen verkaufen, machen Sie mir ein Angebot, was ich nicht abschlagen kann. MfG Fovea
Tahlos 19.06.2013
5. Genau
"Wendigkeit" gegenüber den Erwartungen der Wähler ist ganz sicherlich eine Eigenschaft, die die SPD-Spitze (und deren Wahlhelfer) seit Schröder an den Tag legen. Dazu gehört vorher etwas zu versprechen und das hinterher zu ignorieren. Daher sind auch solche "rechten Hände" ehemaliger SPD-Mitglieder ungedingt nützlich. Schließlich ist er kein SPD-Mitglied mehr, sondern hat sich mit der Rückgabe seines Mitglieds-Ausweises für Kampagnen jedweder politischen Richtung fit gemacht. Inwieweit er allerdings als "rechte Hand" entscheidend beteiligt war an der Stilisierung von Schröder, ist schwer zu sagen. Hört sich wichtig an, vielleicht musste er auch nur den Kaffee kochen.
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