Von Jörg Diehl, Münster
Der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen CDU heißt Oliver Wittke und war einmal Verkehrsminister seines Heimatlandes. Vor Jahren musste er von seinem Amt zurücktreten, weil er fast 60 Stundenkilometer schneller in eine Radarfalle fuhr als erlaubt. Und nun, an diesem Montagmorgen, stellt er seine politische Zukunft erneut aufs Spiel. Wenn am Abend nur einige hundert Menschen zum Wahlkampfauftakt nach Münster kämen, sagt Wittke, dann trete er zurück.
Natürlich ist der Politprofi, der einst als eines der größten Talente seiner Partei galt, sich zu diesem Zeitpunkt seiner Sache schon sehr sicher. Er weiß, dass die CDU im konservativen Westfalen alles aufbieten wird, um ihrem Spitzenkandidaten Norbert Röttgen eine würdige Kulisse für den Start in die heiße Phase des Wahlkampfs zu bieten. Röttgen steht auch noch die Kanzlerin zur Seite. Und tatsächlich meldet die Münsteraner Polizei schließlich, es seien gut 2000 Menschen auf dem Domplatz gewesen. Die CDU zählt sogar 4000 Zuhörer.
Der Bundesumweltminister Röttgen wiederum, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden will und sich in seiner Rolle als Herausforderer von Hannelore Kraft (SPD) bislang noch schwergetan hat, geht jetzt endlich zum Angriff über. 20 Minuten lang wettert er gegen die rot-grüne Minderheitsregierung, die "nichts zu Wege gebracht" habe, "die keinen Anstand und keinen Charakter" besessen habe, die ein "Bündnis der Ideenlosigkeit" gewesen sei. Und: Die nichts als neue Schulden fabriziert habe.
Das ist die Kernbotschaft des Wahlkämpfers Norbert Röttgen, der "Politik aus den Augen unserer Kinder" machen will. Er beschreibt Sozialdemokraten wie Grüne als verantwortungslose Haushaltspolitiker. Sie hätten ohne Not auf Kosten zukünftiger Generationen Kredite aufgenommen. Sich selbst empfiehlt er indes als nachhaltig wirtschaftende Alternative zu Kraft und Co.
Röttgen sagt A, das B bleibt er schuldig
Es ist ein schwieriger Eiertanz, den der Herausforderer da vollführt: Röttgen will die Herzen der Menschen gewinnen, indem er andeutet, ihnen Geld oder Lebensstandard nehmen zu müssen. Dabei vermeidet er es aber tunlichst, tatsächlich auszusprechen, was ein strikter Sparkurs bedeutete, und vor allem, wo denn überhaupt gespart werden könnte, wer also darunter zu leiden hätte: Norbert Röttgen sagt A, das B aber bleibt er schuldig.
Der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Josef Laumann hatte vor Wochen im Beisein des Berliner Ministers der Presse noch erklärt, man wolle sparen, indem man rot-grüne Wahlgeschenke zurücknehme. Doch das sieht Norbert Röttgen inzwischen ganz anders. Die Studiengebühren wolle er nicht wieder einführen, sagt er, ebensowenig das beitragsfreie dritte Kindergartenjahr abschaffen, das sei kein guter Stil. Die Menschen bräuchten Planungssicherheit, so Röttgen.
Der Minister ist kein schlechter Redner, er hat eine angenehme Stimme und kann geschliffen formulieren, doch richtig sicher wirkt er am Montag in Münster noch nicht. Er verhaspelt sich einige Male und vermag nur mit dem Satz für spontanen Jubel zu sorgen, dass "Nordrhein-Westfalen die Bayern nicht nur im Fußball schlagen" könne. Am Ende applaudiert die Menge eher höflich denn frenetisch.
"Die Chefin war für ihre Verhältnisse ganz gut"
Doch auch Angela Merkel gelingt es nicht, den Domplatz nachhaltig zu begeistern. Sie setzt ebenfalls vor allem auf das Thema Finanzpolitik und sagt sperrige Sätze wie: "Damit wir Entscheidungen für unsere eigene Zukunft fällen können, müssen wir aufpassen, dass wir nicht durch Zinsen für unsere Schulden anschließend überhaupt nichts mehr entscheiden und gestalten können."
Merkel wirft Rot-Grün vor, Nordrhein-Westfalen herunterzuwirtschaften und den Strukturwandel zu verschlafen. "Hier war das industrielle Herz der sechziger und siebziger Jahre. Wir brauchen nun Arbeitsplätze für das 21. Jahrhundert. Dazu braucht man Mut, Entschlossenheit und Ideen. All das hat die jetzige Landesregierung nicht." Sie erntet ein paar Klatscher.
Munterer wird es, als die Kanzlerin "Kraft für Bildung" fordert. "Yeah" rufen einige deutlich erkennbare Nicht-CDU-Wähler aus einem Winkel des Domplatzes. "Sehen Sie da", spottet die Berliner Regierungschefin schnell, "ein Häufchen versprengter Sozialdemokraten, die sich unter Kraft nichts anderes mehr vorstellen können als eine Frau." Da johlt die Menge, die schließlich nach einer Stunde mit der gemeinsam angestimmten Nationalhymne verabschiedet wird.
"Die Chefin war", sagt ein Bundestagsabgeordneter etwas später noch, "für ihre Verhältnisse ganz gut." Und auf die Entgegnung, es sei doch insgesamt vielleicht etwas leise auf dem Domplatz in Münster gewesen, entgegnet er spitz: "Die Westfalen sind eben keine Rheinländer."
In einer aktuellen Meinungsumfrage liegen die Christdemokraten übrigens bei 29 Prozent. Die SPD kommt auf 40 Prozent.
CDU-Generalsekretär Wittke nennt die Erhebung "unseriös".
Es sind noch vier Wochen bis zur Wahl.
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