Aus Stuttgart und Schömberg berichtet Sebastian Fischer
Sie sind überall. Jedenfalls überall dort, wo er auftaucht. "Mappus weg! Mappus weg!", skandieren sie. Oder: "Super-GAU! Super-GAU!" Es sind jetzt nicht mehr nur die Gegner des Stuttgarter Bahnhofsprojekts, die vor jeder Halle, vor jedem Gasthaus stehen, in jeder Stadt und in jedem Dorf, das Stefan Mappus mit seinen vier Leibwächtern im Wahlkampf besucht. Seit eineinhalb Wochen dominiert die Anti-Atom-Bewegung. Seit der Katastrophe von Japan.
Es gibt kein Entrinnen für Stefan Mappus.
Es sind nur noch ein paar Tage bis zur Wahl.
Wie zermürbend ist das? "Mach ich einen zermürbten Eindruck?", gibt Mappus zurück und lässt ein Lachen von ganz tief unten folgen, das keckernd im Wahlkampfbus hängenbleibt. Seine Gesichtszüge aber sind da längst wieder in Lauer-Stellung eingerastet.
"Da war mir klar, dass wir ein Problem haben"
Nur zwölf Tage zuvor war der Ministerpräsident Mappus noch der größte Atom-Fan der Republik. Die Kraftwerke wollte er am liebsten viele Jahre länger laufen lassen, Umweltminister Norbert Röttgen legte er den Rücktritt nahe. Von all dem will er jetzt nichts mehr wissen. "Samstag, 15.36 Uhr", murmelt Mappus den Zeitpunkt der ersten Explosion im AKW Fukushima. "Da war mir klar, dass wir ein Problem haben."
Ein Wahlkampfproblem.
Am Katastrophen-Wochenende telefoniert er mit der Kanzlerin, drängt auf schnelle Entscheidungen. Opfert erst den baden-württembergischen Uralt-Meiler Neckarwestheim 1, dann Philippsburg 1. Er will "ergebnisoffen" über die Zukunft der Atomenergie reden. Er sagt, die Menschen würden das jetzt erwarten.
Nehmen ihm die Leute das ab? Der Umfragetrend hat gedreht. Es steht laut Forsa nun 48 zu 43 Prozent, für Grün-Rot und gegen Schwarz-Gelb. Das AKW-Thema droht Mappus einfach hinwegzuspülen. Er würde durchaus nach zehn Jahren im Amt aufhören, ließ er einst durchblicken, damals, als sie ihn zum Ministerpräsidenten wählten. Am Sonntag aber kann nach nur 14 Monaten Schluss sein. Es ist das Undenkbare für die CDU. Seit 58 Jahren regieren ununterbrochen die Christdemokraten das Ländle. Weder Bayerns CSU noch Kubas Fidel Castro können da mithalten.
"Externe Krisen, das ist ein guter Begriff"
Stefan Mappus, da hinten in seinem Wahlkampfbus, wirkt wie einer, der sein Unglück nicht so recht fassen kann. Warum muss ausgerechnet ihm das passieren?
"Es geht dauernd um Themen, auf die ich keinen Einfluss habe", sagt er. Erst der vom Vorgänger Günther Oettinger vererbte Streit um den Ankauf einer CD mit Daten von Steuerhinterziehern, dann der Ärger um Stuttgart 21, der Guttenberg-Rücktritt. Und jetzt auch noch Japan. "Externe Krisen, das ist ein guter Begriff", sagt er.
Das zumindest ist die Wahrheit des Stefan Mappus.
Doch selbst in Partei und CDU-Fraktion sehen das viele mittlerweile anders. Erst die besonders harte Atom-Position, dann der abrupte Schwenk; der umstrittene Kauf von Anteilen des Energieriesen EnBW am Parlament vorbei; die anfängliche Rambo-Position bei Stuttgart 21. Für die um ihre Mandate bangenden Christdemokraten sind das Mappus-Faktoren. Manchem gilt nur noch das die CDU bevorteilende Wahlrecht als letzte Rettung (siehe Kasten links).
Stuttgart-Sillenbuch, Altenheim Augustinum. Mappus bei den Treuesten der Treuen. Alle sind sie da. Gekommen selbst im Rollstuhl, mit Krücken, per Rollator. Er braucht die Alten, die Hundertprozentigen, es geht ja um jede Stimme. "Jetzt geht's drum", ruft er Dutzende Male. Mappus muss jetzt immer mit Japan anfangen, dann auf Stuttgart 21 schwenken, um endlich übers "Spitzenland" reden zu können: Fast fünf Prozent Wirtschaftswachstum, rund vier Prozent Arbeitslosigkeit, weniger als drei Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Dann noch der gutlaufende Klassiker zum Länderfinanzausgleich: "Wir sparen ständig, während woanders im Land mit unserem Geld munter Party gemacht wird." Applaus. Und schließlich die Warnung vor der Linkspartei. "Uhhhh", machen die Alten.
Dabei könnten am Ende ausgerechnet die Linken der CDU die Macht erhalten: Wenn sie in den Landtag einziehen sollten und damit die rot-grüne Machtoption zerstören, wäre ein schwarz-rotes oder schwarz-grünes Bündnis denkbar - dann aber wohl eher ohne Mappus.
Panik breitet sich aus
Nach der Rede in Sillenbuch trinken die Alten Wein, Mappus stilles Wasser. Es gibt eine Menge Tipps für den jungen Mann. "Hier sind alle für Sie, aber Sie müssen Ihre Leute rausschicken auf die Straße, bitte!", sagt ein Senior und rüttelt am Arm des Ministerpräsidenten: "Wir wollen keine Experimente, wir wollen weitermachen."
Nicht nur in der CDU hat sich Panik ausgebreitet.
Mappus will nichts davon wissen. "Es isch, wie es isch", sagt er im Bus. Wieder und wieder. Der Mann ist erst 44 Jahre alt, aber er hat sich bereits einen Mythos von sich zurechtgelegt: den des stets siegenden Kämpfers. Mappus ist Aufsteiger, sein Vater war Schuhmacher. Alles was der Politiker Mappus erreicht hat, musste er sich erkämpfen. Zum Beispiel bei der Landtagswahl vor zehn Jahren, als sich SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt ausgerechnet seinen Pforzheimer Wahlkreis aussuchte. Mappus' Karriere stand auf dem Spiel: "Das war eine Schlacht", sagt er. Zehn Prozentpunkte habe er vorm Wahltag in Umfragen hinter Vogt gelegen. Am Sonntag dann fast zehn vor ihr. Keckerndes Lachen, Mappus-Mythos Nummer eins.
Der zweite: Stuttgart 21 und die Schlichtung durch Heiner Geißler. "Da gab's ja genügend, die gesagt haben: S21 bläst den weg", erinnert Mappus. Aber man habe es geschafft, "wir hatten 42 Prozent in den Umfragen, die FDP sieben Prozent". Das hätte gereicht. "Und dann kam Japan." Mappus will jetzt den dritten Mythos: "Ich habe das letztes Jahr hingekriegt, dann schaffe ich das dieses Jahr wieder."
Es wird eine Schlacht.
Im letzten Sommer hat sich Mappus dafür Dirk Metz nach Stuttgart geholt. Metz hat vorher Roland Koch in Hessen gedient, er war immer an seiner Seite, sein Einflüsterer. Sie haben gemeinsam Schlachten geschlagen: Die Unterschriften-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1999, die hessische CDU-Spendenaffäre, den Kampf gegen Andrea Ypsilanti. Jetzt passt Metz auf Mappus auf. Frage an Mappus: "Haben Sie im Atom-Streit mit Norbert Röttgen etwas zurückzunehmen?" Metz schiebt sich seine Brille von der Stirn auf die Nase, fixiert den Schutzbefohlenen, bewegt seinen Kopf langsam ein paar Mal nach links und nach rechts. "Nein", sagt Mappus.
Es gibt nicht viele Leute, denen Mappus politisch so vertraut wie Metz. Seine Frau, die frühere CDU-Landesgeschäftsführerin Susanne Verweyen-Mappus, gehört dazu. Auch Umweltministerin Tanja Gönner. Aber ansonsten verlässt sich Mappus vor allem auf sich selbst. Das einmal Erkämpfte will er, das Kind einfacher Verhältnisse, nicht verlieren. Gerhard Schröder gehörte auch zu diesem Politiker-Typ des Status-Suchers. Es geht um Macht und Anerkennung.
Und wehe dem, der sich in den Weg stellt.
Außer es ist der Wähler.
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