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CDU-Neuling Metzger: "Dann bleibt nur noch Jamaika"

Ein Ex-Grüner mischt die CDU auf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE greift Oswald Metzger Nordrhein-Westfalens Regierungschef Rüttgers an, geht auf Distanz zur Gesellschafts- und Außenpolitik der Union - und verrät, dass er lieber mit der FDP als den Grünen regieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Metzger, Glückwunsch zu Ihrer Aufnahme in die CDU. Wie erleichtert sind Sie, dass es geklappt hat?

Metzger: Ich bin froh. Ein Streit um die Mitgliedschaft wäre nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Es gab durchaus Diskussionen im Biberacher CDU-Kreisvorstand.

Metzger: Ist doch klar, dass ich auf Ressentiments stoße, insbesondere meine kommunalen rebellischen Anfangsjahre haben manche in der CDU nicht vergessen. Aber ich weiß, dass ich bei einfachen CDU-Mitgliedern besser ankomme als bei manchen ehrenamtlichen Funktionären. Die Leute hier schätzen meine geradlinige Art.

Neu-Konservativer Metzger: "Ich bin kein Christdemokrat alter Prägung"
DPA

Neu-Konservativer Metzger: "Ich bin kein Christdemokrat alter Prägung"

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihnen CDU-Landeschef Oettinger oder die Parteivorsitzende Merkel schon gratuliert?

Metzger: Nein, nur weil ich bekannt bin, rufen die mich ja jetzt nicht gleich an. Diese Kontakte werden erst dann intensiviert, wenn ich es in den Bundestag schaffe. Aber meinen CDU-Ortsverbandsvorsitzenden aus Bad Schussenried, den hatte ich am Telefon: Die CDU-Leute bei uns zu Hause freuen sich auf Oswald Metzger, sagte er.

SPIEGEL ONLINE: Nach fünf Jahren bei der SPD, einer parteilosen Phase und 21 Jahren bei den Grünen sind Sie in Ihre dritte Partei eingetreten. Wie ist Ihr CDU-Gefühl?

Metzger: Mein politisches Gefühl ist unverändert. Ich bin nach wie vor kein stromlinienförmiger Parteipolitiker, stehe aber in deutlich mehr als der Hälfte ihrer Positionen hinter der CDU. Immerhin hat mich Altkanzler Kohl schon vor zehn Jahren öffentlich als einen bezeichnet, mit dem Schwarz-Grün möglich wäre.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jetzt, mit 53 Jahren, politisch angekommen?

Metzger: Ja, insofern, als ich nun an meinem Ausgangsort zurückkehre. Ursprünglich stamme ich ja aus einem konservativen, kleinbürgerlichen Haushalt, ich bin im christdemokratischen Milieu groß geworden. Dagegen verbindet mich nichts mit den sozialdemokratischen oder gewerkschaftlichen Milieus. Aber klar ist auch: Ich bin kein Christdemokrat alter Prägung, sondern einer, der über den Tellerrand hinausblickt.

SPIEGEL ONLINE: Dann viel Spaß in der neuerlichen Außenseiterposition.

Metzger: Moment, das wird sich noch zeigen. Ich renne mit meiner wertkonservativen Grundhaltung bei der Union offene Türen ein! In meinen Reden stelle ich die Millionen von Menschen in den Mittelpunkt, die jeden Tag malochen gehen – und nicht die sieben Millionen Empfänger von Transferleistungen in diesem Land ...

SPIEGEL ONLINE: ... die gern mit der Chipstüte vorm Fernseher sitzen, wie Sie einmal bemerkten. Kommen solche Aussagen bei der CDU besser an als bei den Grünen?

Metzger: Allerdings, aber sehen Sie es im Kontext. Ich habe damals gesagt, dass ein staatliches Grundeinkommen nicht zu Kreativität führt und habe auf Biografien von Sozialhilfeempfängern in der zweiten und dritten Generation verwiesen. Da hocken manche Eltern vorm Fernseher, stopfen Kohlenhydrate und Alkohol in sich hinein - und lassen neben sich ihre Kinder verdicken und verdummen. Die kommen dann chancenlos in die Schule. Zu der Aussage stehe ich. Wir lassen hier eine Verelendungsspirale zu und kümmern uns nicht um diese Familien.

SPIEGEL ONLINE: Die Tagespolitik der Union ist doch ein klarer Anti-Metzger. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers etwa will die Grundsicherung von Rentnern mit langer Beitragsdauer per Steuermitteln aufstocken.

Metzger: Schon als Grüner habe ich Rüttgers wegen seines Vorstoßes zur Verlängerung des Arbeitslosengeldes I hart attackiert. Jetzt versucht er es nach dem gleichen Strickmuster bei der Rente. Das ist eine absolute Phantomdiskussion. Nur zwei Prozent der Rentner brauchen derzeit eine ergänzende Grundsicherung. Und wir führen eine Diskussion über Altersarmut! Die Frage nach der Finanzierung wird erst gar nicht gestellt, die Zeche zahlen am Ende die Jüngeren. Das ärgert mich. Und gegen solche Politik werde ich auch als Christdemokrat kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Metzger allein gegen alle – oder sehen Sie nach den Abgängen von Paul Kirchhof und Friedrich Merz noch Verbündete in Ihrer neuen Partei?

Metzger: Um den Reformflügel der CDU wieder zu stabilisieren braucht es neue Netzwerke, mühsame Arbeit auf Parteitagen und an der Basis. Dabei will ich helfen, ich werde kein stiller Mitstreiter sein, ich werde den Mund aufmachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, dass Sie der CDU in über der Hälfte ihrer Positionen zustimmen. Wo haben Sie größere Schmerzen?

Metzger: Probleme gibt's natürlich im gesellschaftspolitischen Bereich, obwohl sich die CDU da auch gerade modernisiert. Teilweise schwierig ist auch die Außenpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Metzger: Für mich ist nicht die militärische Karte die Lösung allen Übels, sondern die Diplomatie. Bei der gegenwärtigen Politik besteht die Gefahr, dass wir irgendwann in jedem Krisenherd dieser Welt militärisch engagiert sind. Ich werde in der Union darauf drängen, dass zivile Konfliktlösungsstrategien nicht nur in Sonntagsreden bedient werden.

SPIEGEL ONLINE: Fordern Sie einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan?

Metzger: Nein, es wird noch ein bisschen dauern, bis wir uns dort zurückziehen können. Aber wir müssen aufpassen, in Zukunft nicht weitere Afghanistans zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Metzger, Sie standen als Grüner immer für die schwarz-grüne Koalitionsoption. Gilt das jetzt auch andersherum, treten Sie auch als Schwarzer für dieses Bündnis ein?

Metzger: Meine Wunschkoalition ist eine konservativ-liberale. Nichtsdestotrotz ist Schwarz-Grün eine gute Option, ich freue mich über das neue Bündnis in Hamburg. Wir dürfen das aber nicht überhöhen, Koalitionen sind kein Projekt, sondern dienen einem Zweck. Problematisch an der aktuellen Schwarz-Grün-Debatte ist, dass es darin allein um Machtopportunismus und nicht mehr um die Inhalte geht. Denn inhaltlich sind die Grünen mittlerweile eher bei Rot-Rot-Grün. Vielleicht kann da die Regierungsbeteiligung in Hamburg wieder zu mehr Realismus verhelfen.

SPIEGEL ONLINE: Der Ex-Grüne Oswald Metzger will Schwarz-Gelb nach der nächsten Bundestagswahl?

Metzger: Tja, ich sehe auf Bundesebene keine Mehrheit für CDU, CSU und FDP. Genauso wenig wird es wohl für Schwarz-Grün reichen ...

SPIEGEL ONLINE: ... für die Große Koalition reicht es sicher ...

Metzger: ... ja, aber die lehne ich ab.

SPIEGEL ONLINE: Dann bleibt nicht mehr viel.

Metzger: Ich weiß schon. Es bleibt dann nur noch Jamaika. Aber wissen Sie: Das ist doch Kaffeesatzleserei. Ich kämpfe jetzt um Inhalte.

SPIEGEL ONLINE: … und ums Bundestagsmandat. Am 1. Juli müssen Sie sich vor 1500 CDUlern in der Biberacher Stadthalle im Kampf um die Direktkandidatur gegen mehrere Mitbewerber durchsetzen. Was ist Ihr Plan?

Metzger: Ich toure durch die Ortsverbände. Viele Leute kennen mich schon persönlich von meinen Hausbesuchen als Abgeordneter, die ich seit Jahren mache. Ich bin ein bodenständiger Oberschwabe, ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Ich suche den Kontakt auf Augenhöhe und bin einer von ihnen. Darauf setze ich.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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Forum - Schwarz-Grün - Chance oder Risiko?
insgesamt 1194 Beiträge
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1.
freqnasty, 26.02.2008
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
2.
BillBrook 26.02.2008
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
3.
Rasmuss 26.02.2008
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
4.
Klo, 26.02.2008
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
5.
perpendicle, 26.02.2008
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
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