CDU-Parteitag Die große Leere

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel streichelt ihre Partei ein wenig, geißelt Rot-Rot-Grün. Doch der große Ruck bleibt auf dem Kölner Parteitag aus: Machterhalt ist alles.

Ein Kommentar von , Köln


Gewöhnlich füllt Eckart von Hirschhausen große Hallen, und auch in TV-Shows ist er ein gern gesehener Gast. Doch das Engagement, das der Entertainer für Dienstagnachmittag angenommen hat, ist selbst für sein breites Portfolio ungewöhnlich. Der Fernsehdoktor wird beim CDU-Parteitag auftreten und über das Thema "Nachhaltig leben - Lebensqualität bewahren" debattieren.

Sicher, CDU-Parteitage waren noch nie gruppendynamische Schlachten wie bei den Grünen. Und eine offene Debattenkultur gehörte ebenfalls nie zur DNA der Christenunion. Doch mit dem Engagement von Promis wie Hirschhausen tritt die Entpolitisierung von Merkels Partei in eine neue Phase. Der Machterhalt ist alles.

Wie kein Kanzler vor ihr hat Angela Merkel verinnerlicht, dass die Deutschen von der Politik am liebsten in Ruhe gelassen werden wollen. Dieser Erkenntnis verdankt sie ihren fulminanten Wahlsieg im vergangenen Jahr. Ihre Rede auf dem CDU-Parteitag in Köln zeigt: Sie wird an ihrem Erfolgsrezept nichts ändern.

Sicher, bei Merkels Reise durch die schöne neue Wirtschaftswelt kann einem schwindelig werden: Industrie 4.0, Digitalisierung, Telemedizin, Big Data. "Lassen Sie uns die Mutigen in diesen spannenden Zeiten sein", ruft sie den tausend Delegierten zu. Ähnlich schonungslos beschreibt die Kanzlerin, wie Deutschland im globalen Spiel der Kräfte zurückzufallen droht, mit seiner älter werdenden Gesellschaft, fehlenden Investitionen und Zukunftsangst.

Nur: All das bleibt in ihrer Rede folgenlos.

Eigentlich erwartet man am Ende von Merkels Ausführungen die Forderung nach einem Ruck, wie einst bei Bundespräsident Roman Herzog. Doch aus Merkels Problembeschreibung folgt wenig. Ihre eigene Bundesregierung beschließt überwiegend Segnungen für Ältere. Der Auftritt der Kanzlerin in Köln zeigt: Wer Ruhe zum obersten Führungsprinzip erklärt, kann die Gesellschaft nicht wachrütteln.

Immerhin, für die Partei gibt es ein paar Streicheleinheiten. Wann immer Merkel emotional wird, toben die tausend Delegierten. Sie feiern Helmut Kohl als "Kanzler der Deutschen Einheit" und freuen sich, wenn Merkel die SPD wegen Rot-Rot-Grün in Thüringen geißelt:"Wie klein will sich die SPD eigentlich noch machen?" Selten hat Merkel ihrem Koalitionspartner in Berlin so eine Klatsche mitgegeben. "Nur eine starke Union 2017 wird Rot-Rot-Grün im Bund unmöglich machen", ruft die Regierungschefin.

Merkel nimmt Kurs auf die absolute Mehrheit.

Ihr Konzept passt gut in die moderne Medienwelt, in der es immer weniger um Inhalte und immer mehr um Personen geht. Das Programm der CDU heißt Merkel: irgendwie vernünftig, unbegrenzt mehrheitstauglich, ein sicherer Quotenbringer.

So wie Eckart von Hirschhausen eben.

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Europa! 09.12.2014
1. Strategisch aussichtlose Position
"Machterhalt", "absolute Mehrheit" - träum ich, wach ich? Die Macht, die die CDU haben könnte, weiß sie offenbar nicht zu nutzen (jedenfalls nicht innenpolitisch). Außenpolitisch verkackt sie Europa - sowohl nach Süden und Westen wie auch nach Osten. Dass Frau Merkel "die mächtigste Frau der Welt" sein soll, zeigt nur, wie schlecht es um die Macht der Frauen weltweit bestellt ist.
Traudhild 09.12.2014
2.
Was sind in dieser Partei nur für Waschlappen, dass alle Angst vor ihr haben?
der_durden 09.12.2014
3.
Ja, Deutschland geht es gut. Noch. Die CDU ist aber kaum mehr in der Lage Deutschland voranzubringen. Deutschland verliert in vielen wichtigen Bereichen den Anschuss, vor allem bei der Digitalisierung. Ganz im Geiste der CDU sind die Deutschen schon so eingelullt, dass Sie Angst vor allem Neuen haben. Feinde sind Amazon, google, Apple und Co., das Internet an vielem Schuld. Also muss man alte Modelle politisch retten, auch wenn der hohe Preis die Zukunftst(un)fähigkeit unseres Landes bedeutet. Ich sehe schwarz für unser Land. Vor allem für die junge und mittlere Generation.
daslästermaul 09.12.2014
4. unnötiges Genörgele !
bevor man anfängt spitzzüngig an ihrer Parteitagsrede herum zu mäkeln, sollte man sich damit zunächst einmal inhaltlich auseinander setzen. Diese zeigt nämlich, dass es ihr um deutlich mehr als lediglich puren Machterhalt geht. Gerade ihre Ausführungen zum derzeitigen Zustand der SPD sind wirklich mehr als bedenkenswert.
traurigeWahrheit 09.12.2014
5. Ich habe die Rede auch gesehen
und fand sie jetzt gar nicht so schlecht. Natürlich weiß man bei der Kanzlerin nie, ob sie vor der CDU oder SPD spricht, beide Parteien sind so austauschbar wie die Verantwortlichen, die sie repräsentieren. Sie bekam aber immerhin eine Menge Applaus. Selbst einige Männer, die sie geschasst hat, müssen bei der Versammlung klatschen, sonst gibt es Ärger. Als Beispiel fällt mir Mißfelder oder Röttgen ein.
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