Merkel-Nachfolge Vorteil Merz

Die drei Bewerber um den CDU-Vorsitz haben sich in Düsseldorf das vielleicht wichtigste Rededuell geliefert - NRW hat beim Parteitag die meisten Delegierten. Die größte hörbare Zustimmung erhielt Friedrich Merz.

Friedrich Merz
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Aus Düsseldorf berichtet


Wenn Applaus Wahlen entscheiden würde, hätte Friedrich Merz die besten Chancen. Als der Kandidat für den CDU-Vorsitz bei der Regionalkonferenz in Düsseldorf als Erster seine Rede hält, bekommt er stehende Ovationen von fast der Hälfte der rund 3800 Parteimitglieder.

Keine Frage, es ist ein Heimspiel für Merz, der aus dem Sauerland kommt. Auch Jens Spahn kommt aus Nordrhein-Westfalen, hat seinen Wahlkreis im Münsterland - doch der Applaus für ihn und Annegret Kramp-Karrenbauer fällt deutlich verhaltener aus als bei Merz. Alle sitzen.

Der 63-jährige Wirtschaftsanwalt moniert in diesen Anfangsminuten die lange Sprachlosigkeit der Partei bei vielen Problemen: das Fehlen klarer Positionen bei der Inneren Sicherheit, dem Klimaschutz und Integrationsfragen. Einen Seitenhieb erteilt er in Richtung CDU-Spitze: "Man muss auch nicht jeden Punkt der SPD übernehmen." Applaus.

Es hat sich schon bei den vorherigen Regionalkonferenzen gezeigt, dass die Merz-Befürworter meist am lautesten sind. Dennoch ist diese große Zahl der stehenden Mitglieder in Düsseldorf durchaus bemerkenswert.

Friedrich Merz (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn
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Friedrich Merz (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn

NRW - das wichtigste Bundesland

Alle drei Kandidaten wissen um die Wichtigkeit dieser Konferenz in Nordrhein-Westfalen: Sie ist mit 4000 Mitgliedern nicht nur die größte aller acht Veranstaltungen, sondern mit Blick auf die Entscheidung über den Parteivorsitz wahrscheinlich auch die wichtigste.

Wer hier punktet, bekommt mit Blick auf den Parteitag Rückenwind. 1001 CDU-Delegierte werden am 7. Dezember in Hamburg über den oder die neue Parteivorsitzende entscheiden - Nordrhein-Westfalen stellt aufgrund der hohen Mitgliederzahl allein 296 davon.

Das Bundesland hat damit mehr Delegierte als Hessen (88), Schleswig-Holstein (47) und alle sechs Bundesländer im Osten (133) zusammen.

Klar ist aber auch: Die Konferenzen können immer nur ein Stimmungsbild transportieren. Wie die Delegierten am Ende letztlich in Hamburg abstimmen, ist damit noch lange nicht entschieden. In den meisten Umfragen unter CDU-Sympathisanten lag Kramp-Karrenbauer an der Spitze - vor Merz, vor Spahn. Letzterer gilt inzwischen als Außenseiter.

Alle drei kämpfen um ihre Chance. Ihr Vorgehen in Düsseldorf ist unterschiedlich: Merz greift neben der

Kritik an der eigenen Partei die Grünen an, denen er Doppelmoral mit Blick auf den Hambacher Forst vorwirft.

Die bisherige CDU-Generalsekretärin, gelbes Sakko, schwarze Hose, genannt AKK, erinnert an die christliche Ausrichtung der Partei und wiederholt ihre Absicht, die Partei wieder auf 40 Prozent zu bringen: "Das ist unser Anspruch."

Spahn beginnt seine Rede immer wieder mit dem Satz: "Ich möchte 2040 in einem Land leben, in dem...". Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten wählt er den etwas lockereren Ansatz, nimmt das Handmikrofon, läuft auf der Bühne auf und ab.

In seinem Anfangsplädoyer betont er nochmals seinen Wunsch nach einem gesunden Patriotismus. "Einen der einlädt und nicht eingrenzt. Mensch, wir können doch stolz darauf sein, was wir erreicht haben", ruft er den Mitgliedern zu. Es ist eines der typischen Spahn-Themen. Doch seit Merz seine Kandidatur bekannt gab, hat Spahn ein Problem: Beide bedienen das äußerst konservative Spektrum.

Spahns Joker ist seine Jugend. Und den spielt er auch an diesem Abend aus: "Mir wurde bei einer CDU-Veranstaltung gesagt, mit 38 Jahren sei ich ja noch blutjung." Daran sehe man doch, wo ein Problem der CDU liege.

Zahlreiche Angriffe

Der Ton zwischen den drei aussichtsreichsten Kandidaten auf den Parteivorsitz war in den vergangenen Tagen deutlich rauer geworden - darauf deutete beim Start der acht Regionalkonferenzen in Lübeck vor zwei Wochen noch wenig hin. Einzig der jüngste Herausforderer Spahn griff in gewohnter Manier an. Die bisherige Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer und Merz trugen den Kampf um die Parteispitze zunächst mit angezogener Handbremse aus.

Beide kritisierten die mangelnde Diskussionskultur in der Partei, ihre Äußerungen zu straffällig gewordenen Asylbewerbern klangen ähnlich. Selbst in der Analyse der Flüchtlingspolitik Merkels herrschte bis vor Tagen Übereinstimmung: Merz nannte die Entscheidung eine "große humanitäre Geste", Kramp-Karrenbauer hielt die Entscheidung grundsätzlich für richtig, sprach aber von Problemen.

Doch seit etwa einer Woche sind die harmonischen Zeiten vorbei - und das liegt besonders an einem: Merz.

  • Erst preschte er damit vor, das deutsche Asylrecht im Zuge der Harmonisierung von EU-Recht hinterfragen zu wollen. Einen Tag später fühlte er sich schon missverstanden, passte seine Aussagen an und bekannte sich zum Grundrecht auf Asyl. Nach dem Motto: Erst rechts blinken, dann revidieren - und die Diskussion lief.
  • Dann machte er der CDU-Führung den Vorwurf, mit einem Achselzucken dem Aufstieg der AfD zugesehen zu haben - eine Kritik, die auch auf Kramp-Karrenbauer und Spahn zielte. Die bezeichneten die Attacke als "Schlag ins Gesicht" vieler CDU-Mitglieder und -Funktionäre.

Merz hat mit diesen Angriffen zwei der heikelsten Themen in der CDU angesprochen. Die CDU-Spitze nahm bei den Migrationsfragen bereits etwas Luft aus der Debatte, indem sie eine Diskussion über den bei einigen Unionsmitgliedern umstrittenen Uno-Migrationspakt beim Bundesparteitag in Hamburg debattieren und abstimmen lässt. Einen Entschließungsantrag, über den dann abgestimmt werden soll, hat die GroKo bereits ausgearbeitet - mit nur wenigen Gegenstimmen aus der CDU.

Flüchtlinge und Migration werden auch in Düsseldorf diskutiert. Merz bleibt bei seiner Linie und fordert Muslime in Deutschland auf, das deutsche Recht ohne Einschränkungen zu akzeptieren: "Es gibt hier kein Scharia-Recht auf deutschem Boden", sagte er. "Wir müssen eine bessere staatliche Aufsicht über die Koranschulen haben. Es geht nicht, dass unsere Kinder in den staatlichen Schulen unterrichtet und in den Koranschulen indoktriniert werden."

Beim Rausgehen sagt ein CDU-Mitglied: Man könne wegen dieser drei Kandidaten eigentlich stolz auf die Partei sein - um dann zugleich ein Problem zu benennen, das viele Mitglieder an diesem Abend umtreibt. "Im Grunde brauchen wir alle drei, um die Partei abzubilden."



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insgesamt 64 Beiträge
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interessierter10 28.11.2018
1. Das Merz das Rennen macht, war klar,
als er als erster die fremdenfeindliche Karte zog. Die Taktik:"Wo kann ich hier gegen die Ausländer unterschreiben...?" funktioniert immer, ob in den USA, in Österreich, in Ungarn, in Australien, in Dänemark, beim Brexit etc, etc..
Emderfriese 28.11.2018
2. Los geht's
Dann soll er mal, der Herr Merz. Nur ist mit ihm an der Spitze kaum noch eine Koalition mit der SPD möglich, selbst wenn Frau Merkel Kanzlerin bleiben sollte. Und die "Grünen" werden ebenso dankend ablehnen. Was dann, CDU? Mit FDP und AfD? Das wird drollig...
Stefan_Schmidt 28.11.2018
3. CDU wählen? Mit Merkel ja, mit Merz auf keinen Fall
Ich konnte mir mein Leben lang nicht vorstellen, die CDU zu wählen. Das Jahr 2015 hat das geändert. Wenn Merz Vorsitzender wird, hat sich das wieder erledigt. Viel Spaß mit den Hinterwäldlern, bevor sie aussterben.
beathovenr66 28.11.2018
4. Merz?
Wer da stehende Ovationen für Herrn Merz veranstaltet kann gestern Frontal 21 nicht gesehen haben. Da fiel die Maske des vermeintlichen Heilbringers der CDU und keine Hand sollte sich für diesen Mann rühren. Das dies offensichtlich dennoch geschehen ist, zeigt die alles überstrahlende erzkonservative Sehnsucht nach einem markigen Wortführer und übersieht wie geschickt Blackrock einen der ihren auf dem Kanzlerstuhl platzieren will. Die Hamburger Wahl ist für die CDU wegweisend. Mit Grosskapitalist Merz, der noch nie politisch herausragend hervorgetreten ist oder mit AKK, Wahlsiegerin mit Prinzipien, meinungsstark, den Menschen zugewandt. Ich bin gespannt !
robert_wagener 28.11.2018
5. Stehende Ovationen
Welche Rede haben Sie gesehen oder gehört? Auf Youtube ist von "stehenden Ovationen nach wenigen Sätzen" rein gar nichts zu sehen. Bis zum Schluss sitzen die Zuhörer brav auf ihren Sitzen. Ausser jenen hinten im Raum die wohl von Anfang an keinen Platz bekamen.
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