Halbzeit der CDU-Regionalkonferenzen Alles muss raus 

Vier der acht CDU-Regionalkonferenzen mit den Kandidaten für den Vorsitz sind vorüber. Die Partei lebt auf, auch unbequeme Themen werden angesprochen. Und die Bewerber zeigen Schwächen. Die Zwischenbilanz.

Kandidaten Merz, Kramp-Karrenbauer, Spahn
RONALD WITTEK/ EPA-EFE/ REX/ SHUTTERSTOCK

Kandidaten Merz, Kramp-Karrenbauer, Spahn

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Was bisher geschah: Neben der Lübecker Kulturwerft Gollan, in der die CDU-Kandidatenshow am Donnerstagabend vergangener Woche startete, hat ein Recyclingunternehmen mit demselben Namen seinen Sitz. Die gute Nachricht aus Sicht von Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz: Alle sind noch im Rennen - das politische Recycling der beiden Unterlegenen beginnt also frühestens nach dem Bundesparteitag Anfang Dezember in Hamburg, auf dem die 1001 Delegierten über die Nachfolge von Angela Merkel an der Parteispitze entscheiden.

Aber ordentlich durchgeschüttelt hat es die drei Kandidaten seit Lübeck schon. Acht Tage auf Tour - drei weitere Regionalkonferenzen in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz, im thüringischen Seebach und Halle/Sachsen-Anhalt - haben bei Kramp-Karrenbauer, Spahn und Merz Spuren sowie den einen oder anderen Kratzer hinterlassen. Beim einen mehr, beim anderen weniger.

Zu den CDU-Konferenzen - immer drei Stunden lang, erst stellen sich die Kandidaten vor, dann beantworten sie Fragen - kommen ja noch zahlreiche weitere Auftritte bei Partei-Organisationen und anderen Gelegenheiten sowie zig Interviews. Bundesgesundheitsminister Spahn muss zwischendurch regieren, Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer nach der Parteizentrale schauen, Merz hat ebenfalls Verpflichtungen.

Und auch die CDU ist schon nach der Hälfte des Parteivorsitz-Schaulaufens und zweieinhalb Wochen vor dem Abgang der Chefin verändert. Einiges bricht auf nach 18 Jahren Merkel, gerade beim Thema Migration.

Frei nach dem Motto: Alles muss raus.

Der Zwischenstand: Rund 3500 CDU-Mitglieder waren bei den vier Regionalkonferenzen dabei - zusätzlich wurde ein Teil der Veranstaltungen im Fernsehen übertragen oder gestreamt, auf der Partei-Website konnte man jede Konferenz live verfolgen: Wenn es nach der Applauslautstärke vor Ort geht, liegen Kramp-Karrenbauer und Merz in der Parteigunst vorn. (In der Fotostrecke erfahren Sie, wie sich die Kandidaten bislang geschlagen haben.)

Merz hat die eifrigsten Fans, sie rufen auch mal "Bravo!" und springen dabei auf. Das sind fast immer Männer, altersmäßig in seiner Kohorte, sie klatschen im Zweifel auch am lautesten. Wäre Merz nicht in die Politik zurückgekehrt, hätte mancher von ihnen sich wohl ähnlich engagiert für Spahn gezeigt, aber die Rolle als Hoffnungsträger der Merkel-Kritiker hat ihm nun offenbar dieser weggeschnappt. Spahn ist deshalb klarer Außenseiter, zumal er auch in der öffentlichen Wahrnehmung nur auf Platz drei liegt.

Kramp-Karrenbauer, die seit ihrer Wahl zur Generalsekretärin im vergangenen Februar die Parteibasis intensiv bereist und viel zugehört hat, liegt in Umfragen klar vorn, sowohl in der Bevölkerung als auch unter Unionswählern. Aber ist das auch entscheidend für die Delegierten auf dem Parteitag?

Zumal sich die Stimmung auf den Konferenzen zuletzt verändert hat. "Diese Veranstaltung ist befreiend", sagte ein CDU-Mitglied in Thüringen, schon da nahm das Flüchtlingsthema größeren Raum ein als zuvor, am Abend darauf in Sachsen-Anhalt erst recht.

Im Video: Analyse zu Merz' Asyl-Vorstoß

SPIEGEL ONLINE

Ebenfalls in Seebach leitete ein Christdemokrat seine Frage mit dem Satz ein: "Man hatte zuletzt das Gefühl, die Vorsitzende interessiert sich gar nicht mehr für uns." Kippt da etwas, auch weil die Debatte von Spahn und Merz befeuert wird - oder ist das doch eher ein ostdeutsches CDU-Phänomen? Zusammen machen die Delegierten aus den neuen Ländern übrigens nur gut zehn Prozent auf dem Bundesparteitag aus.

Und sonst: Spahn und Merz duzen sich neuerdings. Während der Gesundheitsminister noch in Lübeck von "Herrn Merz" sprach, nannte er ihn zuletzt "lieber Friedrich". Man kommt sich offenbar auch menschlich näher on Tour. Merz wiederum kämpfte zuletzt mit einer leichten Erkältung, vielleicht vertat er sich daher in Seebach bei den über die nahe Landesgrenze angereisten Mitgliedern aus Hessen. ("Liebe Freunde aus Thüringen und Sachsen...")

Im Video: Reportage von der ersten CDU-Regionalkonferenz in Lübeck

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In Halle mussten die beiden anderen auf Merz warten, weil er es nicht rechtzeitig von seinem Besuch beim Treffen der Senioren-Union in Magdeburg geschafft hatte. Kramp-Karrenbauer steht auf der Bühne immer in der Mitte, weil sie so viel kleiner ist als die beiden Herren. Und Spahn hat beim Losentscheid, wer sich zu Beginn als Erstes vorstellen darf, noch nie die Eins gezogen.

Die zweite Halbzeit: Am Dienstagabend geht es im schwäbischen Böblingen weiter, da werden mehrere Tausend Mitglieder erwartet, genau wie am Tag darauf in Düsseldorf. Diese beiden Regionalkonferenzen sind auch deshalb besonders interessant, weil Baden-Württemberg (154) und Nordrhein-Westfalen (296) mit Abstand die meisten Delegierten auf dem Bundesparteitag stellen. Am Donnerstag zieht die Parteivorsitz-Show nach Bremen weiter, zum Abschluss treten die Kandidaten am Freitagabend vor CDU-Mitgliedern in Berlin auf.

Genau eine Woche später wird dann in Hamburg gewählt.

insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
pharisaer 24.11.2018
1.
Frau Merkel liess keine kritische Diskussion mehr zu!! Wenn jemand zu kritisch war in in der Fraktion, wurde dieser nicht mehr aufgestellt und in eine Ecke gestellt. Herr Laschet kann dies ganz gut. Ein Merkel Ja Sager. Die Regierungsfraktionen haben erst mit der Afd im Bundestag angefangen, über den Migrationspakt geredet? Warum erst jetzt? Ich hoffe das mit Herrn Merz, Frau Merkel das Kanzleramt früher abgibt. Diese Kanzlerin hat die Landesverteidigung der BW begraben und handelt oft gegen die Interessen des Volkes!
dasfred 24.11.2018
2. Ich sage mal so Asyl
Nicht, dass irgendjemand da was ändern will, aber das Trigger Wort kommt bei der CDU besonders gut an und lenkt von anderen Themen ab. Wir hatten früher Anfang Dezember häufiger richtig fiese Wetterlagen. So mit Orkan, Regen und Sturmflut. Wünsche ich mir zwar nicht unbedingt, aber es wäre das einzige, was wirklich frischen Wind in diese Partei bringt und den Muff rausspült. Wen die Partei nun zum Vorsitzenden wählt, ist nur wichtig für die Wahlkampfstrategie der Konkurrenz. Für die untere Mittelklasse gibt es keine positive Auswirkung.
Sportzigarette 24.11.2018
3.
Zitat von pharisaerFrau Merkel liess keine kritische Diskussion mehr zu!! Wenn jemand zu kritisch war in in der Fraktion, wurde dieser nicht mehr aufgestellt und in eine Ecke gestellt. Herr Laschet kann dies ganz gut. Ein Merkel Ja Sager. Die Regierungsfraktionen haben erst mit der Afd im Bundestag angefangen, über den Migrationspakt geredet? Warum erst jetzt? Ich hoffe das mit Herrn Merz, Frau Merkel das Kanzleramt früher abgibt. Diese Kanzlerin hat die Landesverteidigung der BW begraben und handelt oft gegen die Interessen des Volkes!
Nein und nochmal Nein! Sie handelt nicht gegen die Interessen des Volkes, weil Volk unterschiedlich ist. Sie handelt vielleicht gegen Ihre Interessen und einiger Anderer, aber eben nicht gegen meine Interessen und ich bin auch Volk! Begreifen Sie und alle Anderen Merkelhasser das mal, dass es zu keinem Thema eine einheitliche Volksmeinung gibt. Sonst bräuchten wir ja auch keine unterschiedliche Parteien. Und warum sollte man über den Migrationspakt im BT reden? Es sind keine hoheitlichen Rechte betroffen, da er rechtlich nicht bindend ist. Die AfD wurde dann auch ihrer Lügen überführt, denn nichts von dem was die Braunen behaupten, trifft zu. Also wählen Sie schön weiter AfD, es wird Ihnen nichts nützen und das ist gut so:-)
haarer.15 24.11.2018
4. Nur über Neuwahlen
Zitat von pharisaerFrau Merkel liess keine kritische Diskussion mehr zu!! Wenn jemand zu kritisch war in in der Fraktion, wurde dieser nicht mehr aufgestellt und in eine Ecke gestellt. Herr Laschet kann dies ganz gut. Ein Merkel Ja Sager. Die Regierungsfraktionen haben erst mit der Afd im Bundestag angefangen, über den Migrationspakt geredet? Warum erst jetzt? Ich hoffe das mit Herrn Merz, Frau Merkel das Kanzleramt früher abgibt. Diese Kanzlerin hat die Landesverteidigung der BW begraben und handelt oft gegen die Interessen des Volkes!
Die Kanzlerschaft einfach abgeben, geht so nicht. Es gäbe dann Neuwahlen. Und da werden mit Herrn Merz an der Spitze die Karten auf jeden Fall ganz neu gemischt.
alkman 24.11.2018
5. Bierdeckel
Wann endlich kommt Merz auf sein Steuerkonzept zu sprechen? Das könnte ihm gegen AKK noch helfen. Oder ist der Bierdeckel inzwischen begraben?
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