Von Philipp Wittrock
Berlin - Diesmal gibt es wirklich nichts zu beschönigen. Angela Merkel hat ja Erfahrung im Kleinreden von Niederlagen, aber die historische Schlappe von Nordrhein-Westfalen, das muss auch sie eingestehen, ist "bitter und schmerzhaft". Neben ihr steht am Montagmittag im Berliner Konrad-Adenauer-Haus Norbert Röttgen, der große Wahlverlierer. Er sieht mitgenommen aus. Zuvor, in den Sitzungen von Präsidium und Vorstand, hat ihm ein eisiger Wind entgegengeschlagen, mehrere CDU-Granden, heißt es, seien ihn frontal angegangen. Alles kam auf den Tisch: die mangelnde Glaubwürdigkeit, der Kleinkrieg mit der FDP, der unpräzise Schuldenwahlkampf, sogar der angeblich schlechte Internetauftritt. Ernst sei die Aussprache gewesen - was im CDU-Jargon schon heißt, dass es ziemlich hoch hergegangen sein dürfte.
Nun scheint es fast, als tue Merkel ihr gestürzter Hoffnungsträger ein wenig leid. "Wir gewinnen gemeinsam, wir verlieren gemeinsam", sagt die CDU-Chefin. "Traurig sind wir alle."
Das war es dann aber auch an Mitgefühl. Denn eigentlich kreidet auch Merkel Röttgen allein die üble Klatsche vom Sonntag an. Der Wahlsieg der SPD in NRW habe vor allem mit deren Spitzenkandidatin zu tun, sagt sie - was im Umkehrschluss heißt, dass die Pleite der CDU vor allem mit deren Spitzenkandidaten zu tun gehabt hat. Und sie selbst sei zwar "als Vorsitzende Teil der großen Familie CDU", aber mit der Bundespolitik und ihr selbst habe das alles nichts zu tun. "Es war eine Landtagswahl, und das ist auch in diesem Sinne besprochen worden."
Merkel hat natürlich recht: Sie kann sich zwar nicht völlig abkoppeln von dem, was in NRW passiert ist. Aber die Wähler zwischen Rhein und Weser haben nicht die Kanzlerin abgestraft. Sie haben sich vor allem für Hannelore Kraft und gegen Röttgen entschieden. Im Bund ist die Lage anders, auch wenn SPD und Grüne in den klaren Machtverhältnissen von Düsseldorf gerne die Blaupause für Berlin erkennen wollen.
"Unser stärkstes Argument: Angela Merkel"
Angela Merkel ist in der Republik nach wie vor die beliebteste Politikerin nach Bundespräsident Joachim Gauck. Darauf setzt die CDU. Einzig und allein. Die Zustimmung zu Merkels Politik sei "das Pfund, mit dem es zu wuchern gilt", sagt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach sagt: "Unser stärkstes Argument 2013 heißt Angela Merkel."
Doch das stärkste Argument offenbart zugleich auch das größte Problem. Denn der erwartbare Reflex, nach dem Desaster von Düsseldorf sofort auf die Popularität der Kanzlerin und Vorsitzenden zu verweisen, zeigt: Viel mehr hat die CDU derzeit nicht zu bieten. Die CDU ist Angela Merkel. Und Angela Merkel ist die CDU. Sonst nichts. Die Partei hat sich selbst entkernt. Sie will gewählt werden, weil Angela Merkel dann Kanzlerin bleiben kann. Das muss reichen.
Aber reicht das wirklich? Merkel sei eine "Riesin auf tönernen Füßen", stellt die bürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" entsetzt fest. Und tatsächlich hat die NRW-Wahl einmal mehr gezeigt, wie schwer die Defizite der CDU wiegen.
Anlass für einen Kurswechsel? Fehlanzeige
Merkel würde auf solche Ratschläge gerne verzichten, eine neuerliche Kursdebatte will sie unterbinden. "Was inhaltliche Positionierungen angeht, sind wir ganz gut vorangekommen", glaubt die CDU-Chefin. Die Aufgabe sei nun, "vernünftige Regierungsarbeit zu machen". Anlass für einen Kurswechsel? Fehlanzeige. Auch nicht in der Europapolitik, selbst wenn die CDU-Pleiten in den Bundesländern anderswo in Europa gerne als Schlappe für Merkels Konsolidierungskurs gewertet werden. "Die Arbeit in Europa ist dadurch nicht tangiert." Weiter so, heißt das Motto. Sie gehe der Bundestagswahl 2013 "sehr gelassen" entgegen, behauptet die Kanzlerin.
Andere bleiben da weniger cool - CSU-Chef Horst Seehofer etwa, der wegen des Zoffs um das Betreuungsgeld gerade erst mit dem Boykott des Koalitionsausschusses gedroht hat. "Ich bin nicht bereit, zur Tagesordnung überzugehen", stänkert Bayerns Ministerpräsident am Montag vom Allgäu aus. Die Koalition müsse sich jetzt darüber unterhalten, welche Schlussfolgerungen zu ziehen seien.
Das darf die Kanzlerin durchaus als Drohung verstehen. Schließlich will Seehofer im Herbst nächsten Jahres ebenfalls wiedergewählt werden.
Mit Material von dpa und dapd.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema NRW-Wahl 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH