Merkels Wahlkampfendspurt Die Angekratzte

Mit großem Spektakel startet die Union in die heiße Wahlkampfphase. Doch in der Partei macht sich Unruhe breit: Die SPD verspürt Aufwind, die CDU-Anhänger wirken müde, die Kanzlerin blamiert sich beim Syrien-Gipfel. Angela Merkel spürt: Der Sieg ist ihr noch lange nicht sicher.

Aus Düsseldorf berichtet

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Immerhin, die Halle ist doch einigermaßen voll geworden. Auf den oberen Rängen klaffen zwar große Lücken, aber nach schleppenden Anmeldezahlen sind etwa 7000 CDU-Anhänger gekommen, um an diesem Sonntag im Düsseldorfer ISS Dome mit Musik, Show und Parteiprominenz die heiße Wahlkampfphase einzuläuten.

Eine leere Halle, das hätte Angela Merkel gerade noch gefehlt. Schließlich soll von dem Spektakel in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt doch ein Signal ausgehen: Die Union ist geschlossen, sie ist entschlossen, und sie kämpft bis zum 22. September für eine schwarz-gelbe Neuauflage.

Dieses Signal hat die Kanzlerin bitter nötig. Die völlig auf Angela Merkel zugeschnittene Kampagne läuft in diesen Tagen nicht mehr ganz rund. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl macht sich im schwarz-gelben Lager Unruhe breit. "Viele denken vielleicht: Die Wahl ist schon gelaufen", ruft Merkel in den Saal. "Viele denken vielleicht, irgendwie werde ich schon Kanzlerin bleiben."

Die CDU-Chefin weiß, wie gefährlich solche Gedanken sind. Seit dem TV-Duell verspürt SPD-Herausforderer Peer Steinbrück Aufwind. Die Union dagegen fürchtet, dass sich die guten Umfragewerte am Ende nicht in Wählerstimmen auszahlen. Daher warnt Merkel jetzt immer wieder vor zu großer Siegesgewissheit.

Merkels Makel häufen sich

Zu allem Überfluss patzte auch noch die populäre Kanzlerin selbst. Und das auf internationalem Parkett, wo sie sich sonst so wohlfühlt. Das jüngste Ringen um die Syrien-Resolution hat Merkels außenpolitisches Image angekratzt. Am Freitag hatte die CDU-Chefin den G-20-Gipfel verlassen.

Nach Merkels Abreise schlossen sich Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien plötzlich einer Erklärung von US-Präsident Barack Obama an. Diese fordert eine "starke internationale Antwort" auf den mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Syrien. Deutschland stand für 24 Stunden allein da. Am nächsten Tag, beim EU-Außenministertreffen in Vilnius, zog die Bundesregierung eilig nach (mehr zum Gipfel-Krimi in St. Petersburg lesen Sie im neuen SPIEGEL, hier geht es zur digitalen Ausgabe).

Sinn und Unsinn einer PKW-Maut

Beim Wahlkampfspektakel in Düsseldorf setzt die Kanzlerin auf Offensive. In ihrer Rede geht sie zwischen Mindestlohn und Europa ungewöhnlich lange auf die Syrien-Erklärung ein. Merkel verteidigt ihr Vorgehen. Vor einer Unterschrift habe sie zunächst eine einheitliche europäische Position abstimmen wollen. Dass sie von ihren EU-Verbündeten überrumpelt wurde, erwähnt sie nicht.

Indirekte Unterstützung erhält Merkel von Horst Seehofer. Es klingt schon fast trotzig, als der CSU-Chef Merkel bei seinem Gastauftritt in Düsseldorf als "führende Staatsfrau" in Europa bezeichnet und dazu lobende Worte des US-Präsidenten zitiert. Der habe einst Merkels pragmatische Herangehensweise an komplexe Probleme, ihre Intelligenz und Offenheit gewürdigt. "Ich traue ihr", zitiert Seehofer Obama. Und fügt hinzu: "Schöner und ehrlicher hätte ich es auch nicht sagen können."

Dazu lacht der CSU-Vorsitzende - weil ja jeder weiß, dass Bayerns Ministerpräsident der Kanzlerin gerne mal das Leben schwer macht. In diesen Tagen streiten sich die beiden mal wieder über Sinn und Unsinn einer Pkw-Maut. Seehofer streift das Thema am Sonntag kurz: "Das kriegen wir hin", sagt er. Wie, das verrät er nicht. Im SPIEGEL hatte er seine Forderung nach einer Autobahngebühr bekräftigt.

"Spiel in letzter Minute verlieren"

Viel größere Sorgen als die Maut bereitet den CDU-Strategen in Berlin jedoch die Wahl im Freistaat als solche. Welche Auswirkungen das Wahlergebnis im Süden der Republik hat, weiß niemand sicher. Treibt ein schwaches FDP-Resultat am 15. September den Liberalen im Bund Wähler aus dem Unionslager zu, damit der Wunschpartner über die Fünf-Prozent-Hürde kommt? Oder schläfert ein sehr guter CSU-Wert in Bayern die potentiellen Unionswähler noch weiter ein, weil sie sich zu sicher sind?

Schon jetzt befürchten führende Christdemokraten, die Union könnte bei der Wahl ein Mobilisierungsproblem bekommen. Man dürfe sich nicht von guten Umfragewerten einschläfern lassen, warnt CDU-Vize Armin Laschet. "Man kann ein Spiel auch noch in der letzten Minute verlieren."

Zu einer solchen Niederlage könnte auch die AfD beitragen. Neuerdings machen die Euro-Gegner Union und FDP sogar Avancen. Merkel hat diese Annäherungsversuche umgehend zurückgewiesen. Sie weiß: Niemand darf denken, dass eine Stimme für die AfD möglicherweise auch der Kanzlerin zugutekommen könnte.

Die AfD erwähnt Merkel in Düsseldorf nicht. Sie versucht, ihre Anhänger im Endspurt lieber mit Warnungen vor einem rot-rot-grünen Linksbündnis zu motivieren. Es könne am Tag nach der Wahl "ein böses Erwachen" geben, lautet neuerdings das Szenario, das die eigenen Anhänger an die Urne treiben soll. "Wir müssen im wahrsten Sinne des Wortes um jede Stimme kämpfen", ruft sie den Christdemokraten zu.

Damit auch jeder versteht, wie ernst es ihr damit ist, verweist die Kanzlerin zum Ende ihres Auftritts auf den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten, der in den vorderen Reihen sitzt. " David McAllister kann ein Lied davon singen", sagt Merkel. Ihm fehlten im Januar 334 Stimmen für eine Neuauflage der schwarz-gelben Landesregierung.



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kurpfaelzer54 08.09.2013
1. Das sehe ich nicht so
...dass erkel sich blamiert hat. Es ist für Außenstehende schlecht nachvollziehbar. Ihr Verhalten folgt aber einer gewissen Logik. Hätte sie mit unterschrieben wäre die Kritik berechtigt. So hat sie es geschafft die ursprüngliche Fassung zu entschärfen und die Europäer auf einer Plattform zu sammeln. Blamabel ist eher das Verhalten der kriegstreibenden Sozialdemokraten Hollande und Letta die eine Schande für ihre Parteien und ihre Länder sind.
wkoker 08.09.2013
2. Auweia.....
jetzt gegen Ende des Wahlkampfes wird es etwas enger für unsere Angela, und es drückt im Zwickel!!!
nichzufassen 08.09.2013
3. auf lange Sicht
Tja, Murksel´s Art der Politik läuft wohl langsam auf Grund. In St Petersnurg hat sie wohl die Retourkutsche für das Verhalten in der Libyen-Krise von den anderen EU-Staaten bekommen. Anders ist das Hinter-dem Rücken-Agieren zu Deutschlands Lasten ja gar nicht zu erklären. So hat `die Kanzlerin´ für ihr ewiges Taktieren, Lavieren, Nicht-Festlegen und Hinhalten wenigstens auf internationaler Bühne mal die Quittung bekommen. Warum sollten die anderen Staaten denn sonst die gemeinsame Zustimmung beschliessen, wenn Madame BlaBla abgereist ist. Die Deutschen jedoch erkennen sich in diesen Verhaltensweisen selbst wieder und scheinen dieses ewige falsche Spiel `der gewieften Taktikerin´ ja klug zu finden und zu mögen. Nach Mehltau-Muttis Abgang irgendwann wird Stefan Heym´s Ausspruch zum Ende der DDR wieder wahr sein: `Es ist, als hätte jemand die Fenster aufgestossen.´ Das sagt alles über diese Leerformel namens Merkel.
julian_b 08.09.2013
4. Sie hat sich
sicherlich nicht blamiert. Sie hatte vollkommen Recht. Ich bin zwar immer schon ein SPD-Wähler gewesen, aber Merkel lag hier völlig richtig. Nur SPON hat's nicht kapiert und versucht einmal mehr auf sehr einfach gestrickte Art, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Man muss akzeptieren, wenn der politische Gegner richtig liegt.
wolf-wolf 08.09.2013
5. zu tausenden mit Busen aus......
Zitat von sysopGetty ImagesMit großem Spektakel startet die Union in die heiße Wahlkampfphase. Doch in der Partei macht sich Unruhe breit: Die SPD verspürt Aufwind, die CDU-Anhänger wirken müde, die Kanzlerin blamiert sich beim Syrien-Gipfel. Angela Merkel spürt: Der Sieg ist ihr noch lange nicht sicher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/cdu-startet-heisse-wahlkampfphase-merkel-angekratzt-im-endspurt-a-921051.html
Churchill sagte mal dass, er nur den Statistiken glaubt die er selbst gefälscht hat. Wer hat die Leute in Düsseldorf gezählt und wie viele tausende sind unter Druck und zwang dort gegangen und zu tausenden mit Busen aus ganz Deutschland hin gekarrt!!
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