CDU und Kirche: Den Katholiken geht das politische Personal aus

Von Gerd Langguth

Kanzlerin und Präsident: beide Protestanten. Die Abkehr vom rheinischen Katholizismus, die sich in diesen Spitzenpositionen spiegelt, ist dabei paradoxerweise eine Folge der Säkularisierung. Evangelische Politiker kommen besser an beim Wähler - weil sie nicht von der Kirche her denken.

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Protestanten Gauck, Merkel: Abkehr vom rheinischen Katholizismus an der Spitze

Nach der protestantischen Pfarrerstochter Angela Merkel haben wir jetzt in Kürze mit Joachim Gauck einen Bundespräsidenten, der sogar als evangelischer Pfarrer in der früheren DDR wirkte. Auch unter den anderen Namen, die als präsidiabel genannt wurden, finden sich vorwiegend Protestanten - wie der frühere Bischof Wolfgang Huber oder die frühere Landesbischöfin Margot Käßmann. Fast 500 Jahre nach der Reformation und den 95 Thesen Martin Luthers rangiert der politische Katholizismus nur noch unter ferner liefen.

Auf jeden Fall geht den Katholiken das politische Personal aus.

Die Tatsache, dass die CDU/CSU nach dem Zweiten Weltkrieg die stärkste Partei wurde, hängt damit zusammen, dass beide C-Parteien zu Beginn der fünfziger und sechziger Jahre bei aller ökumenischen Offenheit fest im Katholizismus verankert waren. Der politische Katholizismus hatte damals in der Politik einen festen Ankerpunkt, nämlich in den Unionsparteien. Von Anfang an war die Union eine konfessionsübergreifende Partei, die CDU konnte auf die Wurzeln der katholischen Zentrumspartei, so wie sich CSU in Bayern auf dem Fundament der Bayerischen Volkspartei aufbauen konnte. Viele Pfarrer und Prälaten haben damals aktiv am Aufbau der CDU mitgewirkt - was ihnen heute allerdings untersagt wäre.

Die Mitglieder der CDU speisten sich ganz selbstverständlich - insbesondere im katholischen Rheinland - aus den Vorfeldorganisationen der katholischen Kirche, etwa der Kolping-Familie. Der Aufbau der CDU als einer neuen und überkonfessionellen Partei wäre ohne das starke Rückgrat in der katholischen Welt nicht möglich gewesen. Bis in die sechziger Jahre gab es Hirtenbriefe, die sonntags von der Kanzel zur Wahl der Union aufriefen.

Damals war klar, dass Katholiken zu allererst die CDU als ihre politische Heimat betrachteten - auch wenn die Union bereits früh damit begann, die evangelischen Wähler zu umwerben. Bereits 1952 gründete der erste Bundestagspräsident, Hermann Ehlers, einen Arbeitskreis, um den Dialog zwischen der Partei und den evangelischen Kirchen aufzunehmen.

Das Fundament war ursprünglich also katholisch. Doch nun stehen der Spitze eher die Vertreter des Protestantismus. Was ist geschehen?

Kirchenferne verdrängt den politischen Katholizismus

Wir erleben eine zunehmende Säkularisierung Deutschlands, das erkennt man allein an der schrumpfenden Zahl der Kirchengänger. Besonders bei den Katholiken hat sich da ein dramatischer Wandel vollzogen. Die Pflicht zum Kirchgang erfüllen nur noch die wenigsten Katholiken. Zwischen 13 und 15 Prozent gehen heute sonntags zur Messe, 1960 waren es noch mehr als 45 Prozent. Bei den Protestanten - traditionell als Kirchengänger weniger aktiv - weisen die Zahlen ebenfalls auf einen fortgesetzten Schwund hin: 2010 sind im Durchschnitt nur 3,6 Prozent der Protestanten sonntags in die Kirche gegangen, 2009 lag ihr Anteil noch bei 3,8 Prozent, im Jahr 2000 waren es 4,1 Prozent.

Und diese Säkularisierung wird sich fortsetzen. Fachleute prognostizieren, dass in etwa zehn Jahren nur noch die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen einer der beiden großen christlichen Kirchen angehören wird. Immer weiter entfernt sich Deutschland von der christlichen Zwei-Drittel-Gesellschaft. Interessanterweise drängt diese zunehmende Säkularisierung vor allem den politischen Katholizismus immer weiter in den Hintergrund.

Eine mögliche These: Der säkularisierte Mensch kommt eher mit evangelischen Politikern klar, weil der Protestantismus auf die Verantwortung des Individuums und damit auf die persönliche Freiheit setzt, während im Katholizismus der Gedanke des katholischen Kollektivs und einer besonderen Verantwortung gegenüber der katholischen Kirche leitend ist.

Die Katholiken denken eher von der Kirche her, die Protestanten eher vom einzelnen Christenmenschen.

Wähler, die sich von ihrer christlichen Überzeugung her motivieren lassen, werden also von CDU und CSU gut bedient. Für Wähler, die katholisch-konfessionell denken, gibt es im Prinzip sogar keine andere politische Heimat, weil alle anderen Parteien explizit kirchenfern auftreten - und den Anliegen der katholischen Kirche gegenüber erst recht nicht besonders offen sind.

  • Die SPD liegt, wenn sie sich in kirchlichen Fragen äußert, eher auf der evangelischen Linie
  • ebenso die Grünen (siehe hier die Rolle von Katrin Göring-Eckhardt),
  • während die FDP noch am ehesten kirchenneutral auftritt.

Die Union ist jedenfalls auch unter protestantischer Führung diejenige Partei, die die Interessen der Kirchen im Land als einzige aktiv aufnimmt - etwa wenn es um Themen wie die Kirchensteuer oder den Religionsunterricht geht.

Der gewollte Rückzug aus der Politik

Die meisten herausragenden politischen Funktionen in der CDU werden mittlerweile von Protestanten wahrgenommen. Mit dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff sind es jetzt noch weniger Katholiken, die Spitzenpositionen halten. Übrig bleiben noch:

Und dann hört es in der CDU auch schon auf.

Ausgerechnet Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vom September 2011 in Freiburg Aussagen gemacht, die innerhalb der katholischen Kirche höchst kontrovers diskutiert werden: Die Kirche brauche die staatlichen Privilegien nicht, die sie genießt, im Gegenteil. Der Papst wörtlich: "Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein." Dieser vom Papst gewollte Rückzug der katholischen Kirche aus der Politik würde die katholische Kirche allerdings gesellschaftlich noch weiter marginalisieren.

Für den Katholiken Konrad Adenauer wäre das kaum vorstellbar gewesen: In der operativen Funktionselite der CDU findet man heute eine klare protestantische Mehrheit. In der "katholischen" Partei CDU sind die Vorsitzende, der Generalsekretär und der Fraktionsvorsitzende evangelisch. Alle drei Spitzenpositionen werden also von einer konfessionellen Minderheit in der Partei geführt. Denn in der Tat sind in der Mitgliederschaft nach wie vor die Katholiken in der deutlichen Mehrheit.

Die drei Spitzenpositionen repräsentieren allerdings eine breite Mehrheit der Bevölkerung, nämlich die evangelischen Christen, die liberalen Katholiken und eine wachsende Zahl der kirchenfernen Mitglieder in der Gesellschaft. Es ist für den Mehrheitscharakter der CDU als Volkspartei geradezu zwingend, diese gesellschaftliche Strömung glaubwürdig zu repräsentieren.

Die CDU ist fast so säkular wie alle anderen Parteien auch

Wie stark die Säkularisierungstendenz wirkt, sieht man daran, dass katholische Politiker in der Union im Unterschied zu früheren Jahrzehnten kein Interesse mehr zeigen, ihren Katholizismus zu betonen. Und die Ultramontanisten, die ihre politischen Entscheidungen in Rom absegnen lassen, sind fast völlig verschwunden und können ihre Haltung, wenn überhaupt, nur noch im Geheimen ausüben.

Wie sehr sich die CDU von Positionen der katholischen Kirche entfernt hat, zeigt auch ihre Haltung zur Präimplantationsdiagnostik (PID). In einer Kampfabstimmung auf dem CDU-Parteitag gab es nur eine hauchdünne Mehrheit für einen pro-katholischen Antrag. Aber es war der evangelische Pfarrer Peter Hintze, der fast dafür sorgte, dass seine Parteivorsitzende Angela Merkel, die vermutlich eher aus taktischen Gründen für die Haltung der katholischen Kirche stimmte, sich fast in der Minderheit befunden hätte.

Die CDU ist inzwischen also fast so säkular wie alle anderen Parteien auch - allerdings nur fast, denn aus dem "C" erwächst in der Politik noch immer die Grundorientierung politischen Handelns am christlichen Menschenbild. Jedenfalls ist das offizielle CDU-Position, an der sie sich messen lassen muss.

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1. neuer Name
martin-gott@gmx.de 11.03.2012
Zitat von sysopKanzlerin und Präsident: beides Protestanten. Die Abkehr vom rheinischen Katholizismus, die sich in diesen Spitzenpositionen spiegelt, ist dabei paradoxerweise eine Folge der Säkularisierung. Evangelische Politiker kommen besser an beim Wähler - weil sie nicht von der Kirche her denken. CDU und Kirche: Den Katholiken geht das politische Personal aus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819695,00.html)
vielleicht sollte die CDU ihren Namen ändern, und das C entfernen. Denn wäre Sie vielleicht für konservative Atheisten wählbar. Wenn es solche denn gibt denn so konservativ kann man doch heute eigentlich nicht mehr sein.
2. Der Titel ist schon krank
Tadaa79 11.03.2012
Die Kirche - egal welche Konfession - soll sich endlich auf das Spirituelle zurückbesinnen. Ich brauche keine weitere Partei! Staat/Politik und Kirche soll endlich getrennt werden. Die Kirchen haben ihre Berechtigungen, zerstören sich aber durch die Verwebung mit dem Staat fortlaufend selbst. Sie sollten sich viel mehr zurückziehen aus jeglichen Aktivitäten die mit dem Staat gemeinsam laufen. Kirchensteuer, Kitas, Altenheime. Soll der Staat selbst gucken, wie er es macht und wer dann immer noch in die Kirchen geht, den interessiert der Kern. Die Religion!
3.
antonwitt 11.03.2012
Zitat von sysopKanzlerin und Präsident: beides Protestanten. Die Abkehr vom rheinischen Katholizismus, die sich in diesen Spitzenpositionen spiegelt, ist dabei paradoxerweise eine Folge der Säkularisierung. Evangelische Politiker kommen besser an beim Wähler - weil sie nicht von der Kirche her denken. CDU und Kirche: Den Katholiken geht das politische Personal aus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819695,00.html)
Das ist doch mal eine gute Nachricht. Wenn dann den religiösen Vereinen auch noch verstärkt ihr eigenes Personal aus geht, wird die Welt eine bessere sein (hoffentlich).
4. Was will die evangelische Kirche
diefreiheitdermeinung 11.03.2012
Zitat von sysopKanzlerin und Präsident: beides Protestanten. Die Abkehr vom rheinischen Katholizismus, die sich in diesen Spitzenpositionen spiegelt, ist dabei paradoxerweise eine Folge der Säkularisierung. Evangelische Politiker kommen besser an beim Wähler - weil sie nicht von der Kirche her denken. CDU und Kirche: Den Katholiken geht das politische Personal aus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819695,00.html)
eigentlich sein ? Verkuender einer Religion und eine Religionsgemeinschaft? Ein karitativer Verein ? Eine politische Partei mit sozialem Anstrich ? Die Aussage "weil sie nicht von der Kirche her denkt" ist doch bezeichnend. Wenn nicht von der Religion her, aus welcher Richtung kommen dann wohl die Denkanstoesse ? Wenn NICHT aus dem Religioesen dann ist es Zeit die Privilegien, die sie als Religionsgemeinschaft hat, abzuschaffen. Ausserdem: ich dachte wir haetten eine Trennung von Religion und Staat. Was also soll die ueberhaupt die Zuordnung von meistenteils nicht-glaeubigen Protestanten oder Katholiken oder Muslims oder Buddhisten zu dem jeweiligen politische Amt ?
5.
c0re0n 11.03.2012
Zitat von Tadaa79Die Kirche - egal welche Konfession - soll sich endlich auf das Spirituelle zurückbesinnen. Ich brauche keine weitere Partei! Staat/Politik und Kirche soll endlich getrennt werden. Die Kirchen haben ihre Berechtigungen, zerstören sich aber durch die Verwebung mit dem Staat fortlaufend selbst. Sie sollten sich viel mehr zurückziehen aus jeglichen Aktivitäten die mit dem Staat gemeinsam laufen. Kirchensteuer, Kitas, Altenheime. Soll der Staat selbst gucken, wie er es macht und wer dann immer noch in die Kirchen geht, den interessiert der Kern. Die Religion!
Warum sollten denn die Kirche sich nicht in die Politik einmischen? Unternehmen machen das doch auch. Wenn z.B. Ich, als gläubiger, praktizierender Katholik in die Politik gehen möchte, müsste ich meine Katholischen Moralvorstellungen strikt von meinen politischen trennen? Das geradez absurd! Die Religion ist ein wichtiger bestandteil, immer noch, unserer Gesellschaft. Natürlich spielt sie dann auch in der Politik eine Rolle, dort sollen schließlich die interessen des gesamten Volkes vertreten sein. Außerdem, hat ja wohl jede Verinigung das Recht, ihre eigenen kitas, Krankenhäuser, schulen und Altenheime auf zumachen, das bleibt jedem unbenommen. Ich habe gehört, sowas nennt man Demokratie!
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Zum Autor
DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestags und des CDU-Parteivorstands. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.

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