Cem Özdemir im Interview "Ich war einfach zu naiv"

Seine enorme Freigiebigkeit habe ihn 1999 in große finanzielle Schwierigkeiten gebracht, erzählt Cem Özdemir im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Außer einer gehörigen Portion Naivität will sich der Grünen-Abgeordnete wegen des umstrittenen Hunzinger-Kredits jedoch nichts vorwerfen lassen.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Özdemir, in Ihrer letzten E-Mail an Frau Leutheusser-Schnarrenberger beim Mail-Duell von SPIEGEL ONLINE haben Sie genau einen Satz zum Rücktritt von Rudolf Scharping verloren. Ein Zufall?

"Nichts weiter dabei gedacht": Grünen-Politiker Özdemir
DDP

"Nichts weiter dabei gedacht": Grünen-Politiker Özdemir

Özdemir: Nein, aber es gehört zum guten Stil in Koalitionen, dass man sich zu Ministerrücktritten der jeweils anderen Fraktion nicht äußert.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten also nicht, als Sie den Namen Moritz Hunzinger gehört haben, gedacht: "Ich verhalte mich jetzt lieber mal ruhig"?

Özdemir: Mit Sicherheit nicht. Denn ich war mir bis zum Anruf des SPIEGEL nicht bewusst, dass man von dem privaten Darlehen auch eine Verbindung zu Herrn Scharping herstellen kann. Denn es handelt sich um einen privaten Kredit mit festem Zinssatz und monatlichen Abzahlungsraten, nicht um Spenden oder Honorare. Ich habe auch keine Beratungstätigkeit von der Firma Hunzinger in Anspruch genommen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man einen Kredit benötigt, geht man doch normalerweise zur Bank. Wieso haben Sie das nicht getan? Sie waren zu dem Zeitpunkt bereits mehr als vier Jahre Bundestagsabgeordneter. Da ist man doch nicht so naiv, dass man sich mit der Bitte um einen Kredit an eine "Hunzinger Information AG" wendet.

Özdemir: Heute würde ich das auch so sehen. Aber wenn man in einer solchen Situation ist, stellt sich die Sache etwas anders dar. Ich habe damals mit meinen Freunden gesprochen. Und da ich privat einen Mitarbeiter von Hunzinger kannte, ist der Kontakt entstanden. Ich habe mir da nichts weiter dabei gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn zuerst versucht, den Kredit von einer Bank zu bekommen?

Özdemir: Nein. Ich wollte nicht lange zuwarten, um meine Steuern pünktlich zurückzuzahlen. Deshalb habe ich das Angebot sofort angenommen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kennen Sie denn den Hunzinger-Mitarbeiter Johannes Altincioglu?

Özdemir: Den kannte ich schon vorher - unabhängig von seiner Tätigkeit bei Hunzinger.

SPIEGEL ONLINE: Ein Freund?

Özdemir: Ein guter Bekannter. Nach der Wahl 1994 hatte er mich aufgesucht, nach dem Motto: Da ist einer gewählt, der meine Muttersprache spricht. So wie tausend andere Leute nach der Wahl zu mir gekommen sind, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dafür bekannt, dass Sie es noch nicht mal ertragen können, wenn in einem Ihrer Nachbarbüros unnötig Licht brennt. Wie kommt ein so sparsamer Schwabe zu so hohen Schulden?

Özdemir: Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich nur bei mir selber sparsam bin, nicht gegenüber anderen. Als ich 1994 vom Studenten zum Abgeordneten befördert wurde, habe ich, wenn jemand angeklopft und um Hilfe nachgesucht hat, eben versucht, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen. Als Folge hatte ich dann nicht genügend Rücklagen. Außerdem war ich damals als "anatolischer Schwabe" rund um die Uhr mit Politik beschäftigt und habe mich zu wenig um meine privaten Angelegenheiten gekümmert.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie das nicht absehen müssen, wenn Sie so freigiebig sind?

Özdemir: Ich war einfach zu naiv. Da bin ich aber auch nicht der erste Abgeordnete, dem das passiert ist. Seit gestern haben mich mehrere Kollegen angerufen - auch von anderen Fraktionen -, die mir erzählt haben, dass sie am Anfang genau das gleiche Problem hatten. Über einen Kollegen erfuhr ich sogar, dass eine Abgeordnete zwei, drei Jahre lang ihre Bahntickets immer bezahlte und sich wunderte, als sie am Monatsende kaum mehr Geld hatte, bis sie erfuhr, dass Bundestagsabgeordnete umsonst Bahn fahren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen uns also den Bundestag als Hort der Naivität verkaufen?

Özdemir: Nein, aber im Bundestag sitzen auch Menschen mit Fehlbarkeit, die ganz offensichtlich ohne böse Absicht naiv handeln können. Und einer dieser fehlbaren Menschen heißt Cem Özdemir.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, Sie hätten sich damals gefreut, wie zügig und einfach Sie von Hunzinger 80.000 Mark zu marktüblichen Zinsen bekommen haben. Wird man nicht gerade in so einem Fall skeptisch, zumal als Politiker der Grünen?

Özdemir: Für mich gab es damals keinen Grund, misstrauisch zu werden. Es war ja auch klar, dass ich über ein regelmäßiges Einkommen verfüge und das Darlehen abbezahlen würde. Das habe ich ja auch brav jeden Monat getan. Darüber hinaus gehende Verpflichtungen bin ich nicht eingegangen. Ich hätte dem Herrn Hunzinger ja auch gar nichts bieten können.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja gerade die Sache beim Lobbyismus: Gegenleistungen sind oft nicht so eindeutig festzumachen. Der bekannte Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber spricht gern von "Landschaftspflege". Wenn Altincioglu nun beispielsweise ein Mitarbeiter Schreibers gewesen wäre, hätten Sie sich dann auch von ihm Geld geben lassen?

Özdemir: Sicherlich nicht, weil mir der Name in einem negativen Kontext bekannt war. Bei Herrn Hunzinger war das jedoch nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Dann hätten Sie sich doch erkundigen müssen.

Özdemir: Exakt. Dass ich das nicht getan habe, ist der größte Vorwurf, den ich mir mache.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Sie denn dann zum ersten Mal skeptisch geworden?

Özdemir: Vor ein oder zwei Monaten ist der Name Hunzinger ja schon mal in der Presse aufgetaucht, aber so richtig bewusst geworden ist mir die Brisanz meines Kredits erst im Zusammenhang mit dem Fall Scharping.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie angekündigt, den Kredit umgehend abzulösen. Wie machen Sie das denn?

Özdemir: Ich habe aus meinen Fehlern gelernt und inzwischen genügend Rücklagen gebildet, dass ich das Darlehen ablösen kann, ohne in die Bredouille zu kommen. Angesichts der anhaltenden Diskussion werde ich den noch ausstehenden Betrag umgehend und vollständig ablösen. Sollte es darüber hinaus für mich durch den Zinssatz von 5,5 Prozent einen Vorteil gegeben haben, so werde ich den Differenzbetrag in vollständiger Höhe an das Berliner Rehabilitationszentrum für Folteropfer spenden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah ihre Verbindung zu Hunzinger aus? Sie haben bereits gesagt, Sie hätten zwei Mal an Podiumsdiskussionen teilgenommen, einmal davon hätten Sie 2000 Euro bekommen und an die Grünen weitergeleitet. Gab es darüber hinaus Kontakte zu Hunzinger oder seiner Firma?

Özdemir: Nein, zu Herrn Hunzinger in keiner Weise und zu Mitarbeitern nur Kontakte privater Natur.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, sie seien häufig bei von ihm organisierten Gesprächskreisen gesehen worden.

Özdemir: Das wundert mich. Ich weiß nur von diesen zwei Podiumsdiskussionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen denn Sie den Rausschmiss von Scharping? Eigentlich müssten Sie ihn ja ungerechtfertigt finden.

Özdemir: Ich möchte nochmals betonen, dass ich ein Darlehen in Anspruch genommen habe und keine irgendwie gearteten Zahlungen. Das ist ein sehr wesentlicher Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Die "Bild am Sonntag" bringt heute einen Artikel über Sie und fragt in großen Lettern: "Stürzt auch er über Scharpings Berater?" Was meinen Sie?

Özdemir: Nein, ich glaube, dem Wähler ist hier durchaus der Unterschied bewusst. Ich verstehe zwar die öffentliche Aufregung, wenn gegenwärtig der Name Hunzinger ins Spiel gebracht wird, verweise aber nochmals darauf, dass ein Kredit keine Zahlung ist und dass ich dafür keinerlei Gegenleistung erbracht habe.

Die Fragen stellte Dominik Baur



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