Grünen-Spitze Özdemir kandidiert nicht für Fraktionsvorsitz

Cem Özdemir verzichtet auf eine Kampfkandidatur gegen Anton Hofreiter um den Fraktionsvorsitz: "Ich habe erkennbar keine Mehrheit", sagt er einem Bericht zufolge - und zeigt sich betrübt.

Cem Özdemir
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Grünen-Chef Cem Özdemir will nicht für den Vorsitz der Bundestagsfraktion kandidieren. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte er: "Ich habe erkennbar keine Mehrheit. Das muss ich akzeptieren."

Lange war spekuliert worden, ob Özdemir am Donnerstag gegen Anton Hofreiter kandidieren wird, der den linken Parteiflügel vertritt. Eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz schloss Özdemir ebenfalls aus. Hofreiter führt die Fraktion zusammen mit Katrin Göring-Eckardt seit 2013.

Ein Meinungsbild in der Fraktion ergab Parteikreisen zufolge, dass Özdemir allenfalls auf 40 Prozent der Stimmen gekommen wäre, berichtet die Zeitung. Die Mehrheit geht demnach an Hofreiter. "Ich verheimliche keineswegs, dass ich gerne Fraktionsvorsitzender geworden wäre", sagte Özdemir, dessen Amtszeit noch bis Ende Januar läuft.

Der Blick der Bundestagsfraktion richte sich jedoch "derzeit eher nach innen als nach außen", sagte er. "Da zählt nicht primär politische Leistung oder ein erfolgreicher Bundestagswahlkampf."

In Zukunft ein einfacher Abgeordneter

Künftig wolle sich Özdemir als einfacher Abgeordneter Gehör verschaffen. "Dazu zählt auch mutig zu sein und nicht jedes Papier in fünfzehn bis achtzehn Fassungen zum langweiligen Konsens weichzuspülen", sagte er.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte dem Berliner "Tagesspiegel" (Sonntagsausgabe), Özdemir werde "eine herausragende Rolle" bekommen, in der er für die Grünen als "gewichtige Stimme" agieren könne. "Es wäre dumm, wenn wir sein Talent nicht nutzen", so Göring-Eckardt. "Er ist in der Lage, weit über die grüne Klientel hinaus Menschen anzusprechen."

Drei Wochen vor der Neuwahl der Grünen-Spitze auf dem Parteitag in Hannover sagte Özdemir, er unterstütze die Kandidatur von Robert Habeck und Annalena Baerbock. Beide werden eher dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet. Ihre Wahl wäre ein Novum, weil bei dem Duo an der Parteispitze bislang immer der Flügelproporz eingehalten wurde. Mit Blick auf seine Ko-Vorsitzende Simone Peter, die zur Wiederwahl antreten will, sagte Özdemir, es sei Zeit "für neue Ideen an der Parteispitze".

Auch Göring-Eckardt sprach sich erneut für Baerbock und Habeck aus. Sie halte die Brandenburger Bundestagsabgeordnete und den Kieler Umweltminister für ein "sehr gutes Angebot". "Wir sollten nicht immer in Proporzen denken", sagte Göring-Eckardt.

Für den Fall, dass die Sondierungen für eine große Koalition scheitern und Neuwahlen kommen, geht Özdemir davon aus, dass er wieder als Spitzenkandidat ins Rennen gehen werde. Die Basis habe ihn neben Göring-Eckardt zum Spitzenkandidaten gekürt, sagte er. "Das gilt unverändert."

kry/dpa/AFP



insgesamt 8 Beiträge
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Europa! 06.01.2018
1. Nur weiter so
Die Grünen sind halt doof. Vor lauter recht/links, Mann/Frau-Proporz werden sie auch noch die letzten Talente vergraulen. Vielleicht sollte Özdemir mal mit Lindner reden. Die beiden hätten auch "Jamaika" gewuppt.
kummuk 06.01.2018
2. Der Lautsprecher wird leiser gestellt
Cem Ö ist ein anstrengender ewig Lautsprechender, dass er nun heruntergedimmt wird, wird der Partei hoffentlich nicht schaden.
hugahuga 06.01.2018
3.
Respekt vor so viel Realitätssinn. Allerdings tut er sich mit dem Festhalten an Frau Peter keineen Gefallen.
quark2@mailinator.com 06.01.2018
4.
Es tut mir leid, aber ich denke, die Grünen wären ohne Herrn Ö in der Spitze besser dran. Weder hat mir sein damaliges plötzliches Erscheinen groß gefallen, noch seine Finanzaffäre, wegen der er als Minister abtreten mußte, noch seine darauf folgende "Bildungsreise" in die USA, wo unsere Spitzenkräfte in solchen Fällen oft ihren atlantischen Feinschliff bekommen (Herr Guttenberg grüßt), noch das die Grünen ihn dann danach sofort wieder oben eingebaut haben, als gäbe es keine unbelasteten Kandidaten. Last not least ist er mir zu unsozial. Er war lang genug in wichtigen Positionen und hätte Gutes bewirken können. Hat er aber soweit ich sehen kann nicht. Somit steht er für mich auch für die Quote und das sollte kein Kriterium sein.
volkerriegel@aol.com 06.01.2018
5. Selber schuld ihr Grünen
Mal daran gedacht, dass ohne Özdemir die Grünen vermutlich mit der 5%-Hürde zu kämpfen hätten? Dann wird selbst die Utopie rotrotgrün nicht mal mehr theoretisch klappen. Sowieso: Rot-Rot-Grün wäre eine Katastrophe für Deutschland. Auch wenn ich was Mindestlohn, Leiharbeit und prekäre Jobs eher die Forderungen der linkeren Parteien nach sozialer Gerechtigkeit unterstütze. Aber bei so ziemlich allem anderen würde es dazu führen, dass Deutschland abstürzt. Ich sehe jedenfalls keinen Helmut Schmidt und keinen Willy Brandt, die das zu verhindern wüssten. Man stelle sich mal folgendes vor: Nahles als Kanzlerin, Hofreiter als Außenminister und die Wagenknecht im Finanzministerium. Ich bin ja kein Schwarzmaler, aber da hätte ich schon bedenken, dass die Wirtschaft trotzdem noch halbwegs läuft. Das geht gar nicht! Mehr soziale Gerechtigkeit ja, aber bitte keine linke Politik an die Macht. Braucht kein Mensch, merken jetzt nur noch nicht alle. Danach aber schon. Alles Gute für die Zukunft Herr Özdemir.
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