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Ansturm auf deutsche Ausgabe: Warten auf "Hebdo"

Die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" ist international erschienen - und hat höchst unterschiedliche Reaktionen provoziert. In Deutschland war das Magazin binnen Minuten vergriffen, in muslimischen Ländern gab es Massendemos.

Hamburg - Enttäuschung in den frühen Morgenstunden: Die erste Ausgabe des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" nach dem Terroranschlag von Paris war am Samstag in Berlin, Hamburg, Stuttgart und anderen deutschen Städten innerhalb weniger Minuten ausverkauft.

Kioske und Geschäfte waren nur mit einer extrem limitierten Stückzahl beliefert worden, viele bekamen zunächst gar keine Exemplare. Dutzende Menschen harrten nachts teils stundenlang vor den noch geschlossenen Läden aus - in den meisten Fällen vergebens.

Vor einer Buchhandlung im Berliner Hauptbahnhof warteten gegen 5 Uhr etwa hundert Menschen, um ein Heft zu kaufen. Erfolg hatten lediglich die ersten beiden Kunden: Das Geschäft hatte nur zwei Exemplare geliefert bekommen.

Auch am Hamburger Hauptbahnhof war der Engpass spürbar. Vor einem Buch- und Zeitschriftengeschäft standen mehr als 60 Leute in einer Warteschlange. Um kurz nach 6 Uhr öffnete der Verkäufer schließlich die Türen und ließ die ersten sieben Wartenden in den Laden. Dann hieß es schon: "Wir sind ausverkauft!"

Die Redaktion des Magazins war vor gut einer Woche Ziel eines Anschlags. Zwölf Menschen kamen ums Leben, der Großteil davon Mitarbeiter der Zeitschrift. Teils sehr derbe frühere Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" gelten als Hintergrund des Angriffs mutmaßlich islamistischer Terroristen.

Die Nachfrage nach der neuen Ausgabe ist auch in Frankreich ungebrochen. Dort waren am frühen Samstag wieder Exemplare zu haben. Seit dem Erscheinungstag am Mittwoch war das Satiremagazin jeweils in kürzester Zeit vergriffen.

Vor den Anschlägen von Paris wurden bisher im Schnitt 60.000 "Charlie Hebdo"-Hefte gedruckt. Jetzt erscheint das Magazin mit einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren.

DPA
Ganz anders sahen die Reaktionen in vielen muslimisch geprägten Ländern aus. So kam es am Samstag im westafrikanischen Niger zu massiven Zusammenstößen mit der Polizei. Zu dem von den Behörden untersagten Protest nahe der Großen Moschee der Stadt versammelten sich mindestens tausend Jugendliche. Einige von ihnen bewarfen die Einsatzkräfte mit Steinen, andere zündeten Autoreifen an.

Viele Muslime sehen die Karikaturen als Beleidigung des Islam. Ein Überblick über die Zwischenfälle von Freitag:

  • In Niger waren bei Ausschreitungen bereits vier Menschen getötet und 45 verletzt worden. Drei Kirchen und ein französisches Kulturzentrum gingen in Flammen auf.
  • Im pakistanischen Karatschi versammelten sich etwa 200 Menschen, um gegen das Satiremagazin zu protestieren. Gläubige stürmten das französische Konsulat, es gab drei Verletzte.
  • In Jordanien zogen 2500 Demonstranten nach dem Freitagsgebet durch die Hauptstadt Amman.
  • In der algerischen Hauptstadt Algier zogen bis zu 3000 Menschen unter dem Ruf "Wir sind alle Mohammed" durch die Straßen.
  • Auf dem Tempelberg im israelischen Jerusalem versammelten sich Hunderte Muslime. In der Menge waren auch Fahnen der radikalislamischen Hamas zu sehen. "Franzosen, Bande von Feiglingen", riefen einige Demonstranten.
  • Im türkischen Istanbul versammelten sich rund hundert Menschen zum Gedenken an die Attentäter Chérif und Saïd Kouachi. Eine radikale Bruderschaft hatte dazu aufgerufen.

Mehr über die Attentäter von Paris lesen Sie im neuen SPIEGEL. Zur kompletten Recherche gelangen Sie hier in der Titelgeschichte.

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