Ex-Zentralratspräsidentin Knobloch attackiert US-Botschafter Grenell

"Grenell spricht dieselbe Sprache wie die AfD": Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, wirft dem US-Botschafter im SPIEGEL vor, mit seiner Agenda die liberale Demokratie zu gefährden.

Charlotte Knobloch
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Charlotte Knobloch


Es ist ein scharfer Vorwurf, den Charlotte Knobloch gegen den US-Botschafter in Deutschland erhebt: "Wenn Herr Grenell den Aufstieg von Anti-Establishment-Populisten in einem Land begrüßt, in dem die extreme Rechte ins Parlament eingezogen ist, fühlen wir Juden uns bedroht", sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens im Interview mit dem SPIEGEL.

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"Dass er diesen Zusammenhang offenkundig nicht sieht, ist entsetzlich", so Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland: "Herr Grenell bedient sich derselben Sprache wie die AfD. Dieser Kreislauf gegenseitiger Ermutigungen gefährdet unsere liberale Demokratie. Da ist es mir auch egal, ob er US-Botschafter ist oder sonst was."

Grenell hatte kurz nach seinem Amtsantritt in einem Interview mit der rechtspopulistischen US-Internetplattform Breitbart berichtet, es gebe "eine konservative Welle". Aus ganz Europa hätten ihn Konservative kontaktiert und gesagt, dass sie Aufwind verspürten. "Ich möchte andere Konservative, andere konservative Führer definitiv stärken", verkündete der US-Botschafter.

Richard Grenell
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Richard Grenell

Knobloch vergleicht den Aufstieg der AfD mit dem Aufstieg der NSDAP in den Zwanzigerjahren: "Wir stehen vor einem Ungetüm." Sie fordert eine sofortige Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz: "Es ist mir absolut unverständlich, warum das nicht längst geschehen ist." Sie sei "fassungslos".

Zum ersten Mal habe eine Partei den Einzug in den Bundestag geschafft, "deren Programm sich zusammenfassen lässt mit den Worten: Juden raus". Es brauche einen Konsens aller Parteien, dass sich die AfD außerhalb freiheitlicher Werte bewege, so Knobloch: "Mich befremdet, dass es nicht einmal diesen Konsens bei uns derzeit gibt. Wie kann man das anders sehen?"

Knobloch lobt einen Auftritt von Ex-SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag, bei dem er die AfD in die Nähe des Faschismus rückte. "Ich fand Schulz' Reaktion absolut richtig. Jeder muss wissen, wen er da wählt, wenn er der AfD die Stimme gibt", so Knobloch.

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csc/vme



insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
claus7447 06.10.2018
1.
Sie hat mit ihrer Aussage sicher recht, nur es ist heute bei einer Wählerschaft die von Egoismus, Sozialneid getrieben ist, wo der Nächste im Weg steht, die Schwächen selbst Schuld sind, einfach mit diesen Thesen stimmen zu gewinnen. Fassungslos kann man Entwicklungen in Deutschland, Italien, Ungarn, Tschechischen, Polen, den USA und Brasilien zusehen. Verblödet die Menschheit, hat man einen Virus ausgesetzt der Hirne zerstört?
Emil Peisker 06.10.2018
2. Klare Kante...
Das ist die einzig mögliche Haltung zur AfD. Jeder Demokrat sollte diese klare Haltung einnehmen. Und wenn ein sächsischer CDU-Minister das nicht kann, sollte er von seiner Regierung in den "Ruhestand" versetzt werden. Auch die Versuche des jungen Augstein, die Bewegung "Aufstehen" über Bande, mit provokativen Sprüchen zu stärken, sind für viele simple Geister so missverständlich, dass er zurückrudern und Klarheit schaffen sollte. Die AfD saugt alle Aussagen anderer Politiker, die nach rechts rücken, um der AfD Wähler entziehen zu wollen, wie ein Schwamm auf. Sie wächst, je mehr die politische Szene die Nerven verliert. Die Mehrheit der Wähler sind nicht so dumm, wie Politiker und die Demoskopie glauben. Siehe Bayern.
j.soergel 06.10.2018
3. Mich macht fassungslos, dass
sich viele, z.T. sehr verdiente Menschen, wie Frau Knobloch, die gesellschaftliche Debatte so eskalieren; die gewählten historischen Vergleiche halten keiner kritischen Betrachtung stand und werden am Ende den Nutzen, gegen die sie sich vermeintlich richten (die unüberbrückbare Gräben in der Gesellschaft schaffen wollen). Die Kandidatur des Prof. aus Bonn für den CDU Vorsitz zeigt doch, dass die Themen der Afd grundsätzlich ein Teil eines legitimen Diskurses sind.
gedu49 06.10.2018
4. Richtig und verständlich
Frau Knobloch ist natüelich empört wenn ein Botschafter der USA genau die Kräfte stärken will, deren Auffassungen sehr nahe am geistigen Unwesen der Unmenschen liegen, die runde 6 Millionen ihrer Volkasgruppe ermordet haben. Diese Kritik ist mutig und gerechtfertigt. Anders sehe ich das in Bezug auf die AfD. Hier wäre eine unmissverständliche Aufforderung an Gauland und die AfD gut gewesen, sich von den Hilfsnazis eindeutig und drastisch zu distanzieren, die schon wieder wagen gegen jüdische Bürger zu hetzen und agieren oder den Hitlergruss zu zeigen. Die Forderung nach Beobachtung durch den Verfassungsschutz ist nicht neu, aber man ist innerhalb der Mitgliedschaft der AfD weitgehend klug genug sich selbst von antisemitischen Taten fernzuhalten und das einer Meute zu überlassen deren geistiger Horizont etwa die Höhe eines Bierdeckels hat.
jkbremen 06.10.2018
5. Recht hat sie
Grenell und Trump und Spahn, das sind alles Figuren die nichts anderes als Durchregieren wollen. Demokratie finden sie lästig, Rechtstaat sowieso hinderlich. Es ist mutig und richtig, dass Frau Knobloch gegen diese Figuren jetzt Front macht. Jeder anständige Demokrat muss gegen eine Figur wie Grenell aufstehen. Deutschland sollte diesen Botschafter isolieren statt hofieren. Auch Herr Spahn.
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