Demonstrationen in Chemnitz Der Schauermarsch

Er war als "Trauermarsch" deklariert: Mit einem Großaufgebot sicherte die Polizei eine Demo von Rechtsextremen. Die Eskalation mit Gegendemonstranten blieb aus. Doch AfD und Pegida schreiten mittlerweile Seit' an Seit'.

AfD-Politiker Björn Höcke, (2 v.l.), Pegida-Frontmann Lutz Bachmann (2 v.r.)
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AfD-Politiker Björn Höcke, (2 v.l.), Pegida-Frontmann Lutz Bachmann (2 v.r.)

Aus Chemnitz berichten Katharina Meyer zu Eppendorf und


Als ein AfD-Organisator über den Lautsprecherwagen das vorzeitige Ende des "Trauermarsches" ankündigt, droht die Situation vor dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz kurzzeitig zu eskalieren: "Der Rechtsstaat hat vor den Linksextremisten kapituliert", grölt der AfD-Mann durch das Mikrofon. "Widerstand, Widerstand", "Wir sind das Volk", skandieren Hunderte und gehen bedrohlich nah auf die Polizeiblockade zu.

Nur mit Mühe können die Beamten die verärgerten Demo-Teilnehmer aufhalten - es ist eine dieser Situationen, in denen nur eine falsche Bewegung, ein falsches Wort reicht, um Chaos auszulösen.

An anderen Stellen in der Chemnitzer Innenstadt bleibt es an diesem Tag nicht ganz so friedlich. Linke und rechte Gruppen treffen mehrfach aufeinander, liefern sich kleinere Auseinandersetzungen. Doch die von den Sicherheitsbehörden befürchtete Straßenschlacht bleibt aus.

Im Video: Der Tag in Chemnitz

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen am Montag ist die Polizei mit einem Großaufgebot angerückt: Hubschrauber kreisen bis in den späten Abend unentwegt über Sachsens drittgrößter Stadt, Wasserwerfer und Räumpanzer der Bundespolizei stehen in Stellung.

Rechter Schulterschluss

Seit Sonntag herrscht nach dem tödlichen Messerangriff auf den 35-jährigen Daniel H. der Ausnahmezustand in Chemnitz. Ein Iraker und ein Syrer sitzen als Tatverdächtige in Untersuchungshaft. In der Stadt ist seitdem nichts mehr wie es war. Viele Bürger sehen in der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel die Ursache für diese Tat.

Die Wut, der Frust und die Ablehnung ist an diesem Tag der Grund für Tausende auf die Straße zu gehen, aber nicht nur das: In Chemnitz kommt es zu einer Art öffentlichem Schulterschluss von AfD, dem ausländerfeindlichen Pegida-Bündnis und der rechtsextremen Gruppierung Pro Chemnitz.

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Demos in Chemnitz: Zwei Lager, eine Stadt

Gemeinsam hatten AfD und Pegida im Vorfeld für einen "Trauermarsch" geworben: Das ist zwar nicht überraschend, aber zumindest bemerkenswert: Denn bisher schreckte die AfD von einer offiziellen Zusammenarbeit mit Pegida zurück.

NPD-Funktionäre, Hooligans, AfD- und Pegida-Anhänger, Pro-Chemnitz-Unterstützer, Unzufriedene - all diese Gruppen sind im "Trauermarsch" vertreten. Ordner mit weißen Binden an den Armen sollen für einen geregelten Ablauf sorgen. Die Demo-Teilnehmer tragen mehrheitlich weiße Rosen, eine Provokation, gilt diese Blume als Symbol des Widerstands der Geschwister Scholl gegen die Nazi-Herrschaft.

"Abrücken", ruft der AfD-Organisator im Befehlston. Dann setzt sich die Masse mit wehenden Deutschlandfahnen gegen 18 Uhr in Bewegung. "Die Presse läuft links, da fühlt ihr euch doch wohl", ruft der AfD-Mann durchs Mikro.

Angeführt wird der Zug unter anderem von Thüringens AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und Pegida-Frontmann Lutz Bachmann. Weit kommen sie nicht - nach kurzer Zeit bittet die Polizei die Organisatoren, den Zug aufzulösen. Die Versammlungszeit der AfD sei überschritten.

Höcke und die AfD wollen nur allzu gerne von der aufgeheizten Stimmung in Chemnitz profitieren. Es ist ein altbekanntes Muster. Überall da, wo es zu Übergriffen durch Migranten kommt, steht sie schnell parat, organisiert Demos, Schweigemärsche, Gedenkveranstaltungen. In Chemnitz dauerte es nach dem tödlichen Angriff auf den 35-jährigen Daniel H. nur wenige Stunden, bis die AfD bei den Aufrufen zu einer Kundgebung mitmischte.

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Chemnitz: Chronologie der Ausschreitungen

In Sachsen hat die Partei die CDU bei der Bundestagswahl bereits als stärkste Kraft abgelöst. Nun will sie weitere Gesellschaftsteile für sich gewinnen. Ihr Ziel: die bürgerliche Mitte.

"Der Osten ist ein Pulverfass"

Und die ist unter den Teilnehmern des Demozuges durchaus vertreten: Ein älteres Rentnerehepaar ist extra aus dem Nachbarort angereist, um seine Kritik an der Flüchtlingspolitik kundzutun. Sie seien keine Nazis, aber hätten eine klare Forderung: "Kriminelle Ausländer müssen abgeschoben werden", finden sie. Der Zorn in Chemnitz sei enorm, sagen sie. Die Politik müsse endlich handeln, denn: "Der Osten ist ein Pulverfass."

Sätze wie diese sind unter den Tausenden Teilnehmern an jeder Ecke zu hören. Doch es gibt auch ganz andere Stimmen: In Hörweite von AfD, Pegida und Pro Chemnitz haben sich etwa 3500 Gegendemonstranten an der Johanniskirche unter dem Motto "Herz statt Hetze" versammelt. Viele Politiker sind angereist, um sie zu unterstützen: Darunter SPD-Vizechefin Manuela Schwesig, Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch und die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock.

Arne Döpker reiste aus Marburg an
Katharina Meyer zu Eppendorf

Arne Döpker reiste aus Marburg an

Auch die Chemnitzerin Silvia Mischke hat sich dem Gegenprotest angeschlossen: "Ich bin hier, damit die Rechten nicht die Oberhand gewinnen", sagt sie. "Nicht alle Chemnitzer sind rechts."

Der 22-jährige Arne Döpker ist extra aus Marburg angereist. Es ist seine erste Demonstration. "Man redet ja oft von der schweigenden Mehrheit, wenn es um politisches Engagement geht. Als ich die Bilder aus Chemnitz am Montag gesehen habe, dachte ich: Da möchte ich nicht weiter zugehören."

Stimmenfang #63 - Rechte Krawalle in Chemnitz: Warum immer wieder Sachsen?

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