Menschenjagd in Chemnitz Hass ist keine Selbstjustiz

Was treibt den Mob in Chemnitz zur Jagd auf Migranten? Selbstjustiz? Nein. Hier sorgt niemand auf eigene Faust für Gerechtigkeit. Gehetzt werden Unschuldige. Dafür gibt es ein Wort: Rassismus.

Rechtsextremer Mob in Chemnitz
AFP

Rechtsextremer Mob in Chemnitz

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Der rechte Hass, der sich an den vergangenen zwei Tagen in Chemnitz entlud, hat viele empörte Reaktionen ausgelöst: Regierungssprecher Steffen Seibert, der Parteivorstand der SPD, der Generalsekretär der Sachsen-CDU Alexander Dierks, Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) - sie alle verurteilen die "Selbstjustiz" in Chemnitz.

Doch in Chemnitz gab es keine Selbstjustiz.

Selbstjustiz ist, wenn jemand die Katze des Nachbarn vergiftet, weil die immer den Sandkasten der Kinder als Klo benutzt. Oder wenn eine Frau ihren Vergewaltiger erschießt. Selbstjustiz bedeutet, dass Betroffene die Vergeltung eines ihnen widerfahrenen Unrechts selbst ausüben.

Das ist aus sehr guten Gründen verboten und strafbar.

In Chemnitz ist ein Mensch gewaltsam getötet worden - zwei Tatverdächtige wurden festgenommen, die Justiz ermittelt. Rechtsextreme nutzen den Tod eines Menschen für ihre Zwecke: Um Jagd auf Menschen zu machen, die nicht so aussehen, wie sie sich Deutsche wünschen.

Die gewaltsamen Angriffe auf Migranten sind keine Selbstjustiz. Hier werden Menschen attackiert, die mit dem Fall gar nichts zu tun haben.

Und die Schläger sind nicht die Opfer eines Verbrechens. Das Opfer ist Daniel H., der sich in sozialen Netzwerken deutlich gegen rechte Hetze und Nazis geäußert hat.

Daniel H.s Tod wird benutzt, um die Lüge über ein Verbrechen am deutschen Volk zu verbreiten.

Videoreportage aus Chemnitz:

FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Alle, die jetzt den Begriff der Selbstjustiz übernehmen - und sei es auch nur, um diese zu verurteilen -, übernehmen damit die Erzählung, dass das deutsche Volk in Gefahr sei. Bedroht von fremden Menschen. Das ist die Fortführung der Erzählung des Ethnopluralismus der Neuen Rechten, die es geschafft haben, den alten Muff der Rassentheorie vordergründig abzulegen. "Selbstjustiz" wurde in Chemnitz zu einem kollektiven Akt, zum "Volkszorn".

Denen, die da demonstrierten, ging es nicht um Daniel H.. Sie treibt rassistischer Hass. Das gilt auch für die, die nicht den Arm zum Hitlergruß erhoben haben. Sie haben es nicht verdient, dass man ihre Geschichte der Selbstjustiz glaubt und auch noch weiterverbreitet. Wer sich an die Seite von Neonazis stellt, hat sich von Menschlichkeit und Demokratie verabschiedet.

Wie gefährlich das ist, kann man in Chemnitz sehen.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
branzkuebel 28.08.2018
1. 100% Zustimmung
zu diesem Kommentar. Was folgt jetzt daraus? Wie will der Staat und die Gesellschaft diesen Sumpf trockenlegen und wann werden endlich der organisierten Neonazi-Kriminalität den Kampf ansagen ?
trex#1 28.08.2018
2.
Man kann den Asylbewerbern nicht zumuten, weiter in Sachsen bleiben zu müssen. Sachsen ist kein sicheres Drittland. Ich denke, die werden kurzfristig in die alten Bundesländer Berlin, NRW oder Bremen umgesiedelt.
Amesticos 28.08.2018
3. Volle Zustimmung
Wer nun noch nicht verstanden, welch Geistes Kind diese Leute sind, dem ist nicht zu helfen. Ich habe kein Verständnis mehr für diese Leute, die sich schamlos an die Seite von Rassisten und Nazis stellen. Schlimm in welche Richtung sich einige Gegenden in Deutschland entwickeln.
Berlineratze 28.08.2018
4. Das war ein politischer Aufmarsch organisierter deutscher Faschisten
, die besten bestens bekannt und seit drei Jahrzehnten die ganze Region im Griff haben und diese Verbrechen für sich instrumentalisieren, begangen an jemanden, der von dem Nazipack, welches jetzt auf den Straßen in Chemnitz marschiert, selbst als "Undeutscher" attackiert wurde.
payoso 28.08.2018
5. Selbstjustiz
Danke für diesen Kommentar. ich habe mich die ganze Zeit daran gestört, dass im Rahmen der Berichterstattung in Chemnitz, die Taten als Selbstjustiz beschrieben werden. dadurch wird der rechte Hass verharmlost dargestellt und so getan als gäbe es einen triftigen Grund für dieser Art Ausschreitungen.
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