Chronologie zu Ausschreitungen in Chemnitz "Das ist das Aufblühen von etwas Gefährlichem"

Menschen, die ihre Arme zum Hitlergruß heben, 2018, in einer deutschen Stadt: Das ist das Bild, das von den Protesten in Chemnitz hängen geblieben ist. Wie konnte es so weit kommen? Ein Überblick.

Rechtsradikale bei Protesten in Chemnitz
Getty Images

Rechtsradikale bei Protesten in Chemnitz


Es sei beunruhigend, wenn ein rechter Mob auf den Straßen einer Stadt randaliere - in Deutschland seien solche Szenen besonders erschreckend. So kommentierte die britische Zeitung "Guardian" die Ausschreitungen in Chemnitz, bei denen mehrfach von Demonstranten der Hitlergruß gezeigt wurde. "Das ist das Aufblühen von etwas Gefährlichem, das tief verwurzelt ist", schrieb der "Guardian".

In vielen internationalen Medien wird ein Erschrecken über das, was im Freistaat Sachsen gerade passiert, deutlich gemacht. Und auch viele Deutsche fragen sich: Was ist da los? (Lesen Sie hier die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte zu Sachsen).

Fast eine Woche ist der tödliche Angriff auf Daniel H., einen Chemnitzer mit kubanischen Wurzeln, her. Die brutale Attacke hatte den Anstoß für die Proteste gegeben. Wohl vor allem das Täterprofil trieb viele Menschen auf die Straße: Tatverdächtig sind ein Iraker und ein Syrer, beide sitzen in Untersuchungshaft. Vor allem zu dem verdächtigen Iraker werden immer mehr Details bekannt - auch weil verbotenerweise der Haftbefehl gegen ihn publik gemacht wurde.

Fotostrecke

12  Bilder
Krawalle in Chemnitz: Feuer und Fahnen

Am Samstag könnte es, nachdem es einige Tage etwas ruhiger geworden war in der Stadt, wieder zu erschreckenden Szenen in Chemnitz kommen. Die AfD hat erneut zu Protesten aufgerufen, genauso wie die rechtsextreme Gruppe "Pro Chemnitz" und die Islamgegner von Pegida. Ihnen werden sich Gegendemonstranten entgegenstellen, etwa unter dem Motto "Herz statt Hetze" vom Bündnis "Chemnitz Nazifrei".

Was bisher geschah - ein Überblick:

Samstag, 25. August 2018

DPA

Der 875. Stadtgeburtstag von Chemnitz steht an, die Veranstalter erwarten mehr als 250.000 Besucher. Es gibt sechs Bühnen, ein Riesenrad, mehr als 200 Buden.

Sonntag, 26.08.2018

Nachts, gegen drei Uhr, geht der Deutschkubaner Daniel H. mit seinen Freunden zu einem Geldautomaten. Dort trifft die Gruppe auf Yousif A. und einen 23-jährigen Syrer. Sie geraten in Streit. Yousif A., der mutmaßliche Haupttäter, sticht wohl mehrmals auf Daniel H. ein. Dieser erliegt kurz darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Am frühen Nachmittag ruft die AfD zu einer spontanen Kundgebung auf. Dem Aufruf folgen etwa hundert Menschen. Die Veranstaltung bleibt störungsfrei.

Wenig später marschieren 800 Demonstranten durch die Stadt, einige stoßen Polizisten zu Boden, andere bedrohen Menschen, die sie für Flüchtlinge halten. Videos in sozialen Medien zeigen Übergriffe auf Migranten, mehrere von ihnen erstatten Anzeige. Die Stadt beendet aus Sicherheitsbedenken vorzeitig ihr Stadtfest.

Montag, 27.08.2018

Gegen Yousif A. und einen 23-jährigen Syrer wird wegen gemeinschaftlichen Totschlags Haftbefehl erlassen.

Am Abend versammeln sich 6000 Rechte und Sympathisanten nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Ohne Absprache mit der Polizei marschiert die Gruppe los, einige Teilnehmer skandieren "Wir sind das Volk". Feuerwerkskörper werden gezündet, Flaschen fliegen, Reporter werden beschimpft. Mehrere Rechtsextreme zeigen den Hitlergruß, die Polizei leitet zehn Ermittlungsverfahren ein.

FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Gleichzeitig demonstrierten in Chemnitz mehr als tausend Menschen gegen rechte Gewalt. Sie werden von der Polizei nur mühsam von den Rechten getrennt, teilweise stehen sich die generischen Demonstranten direkt gegenüber. Die Polizei ist mit der Lage überfordert. Insgesamt gibt es 20 Verletzte.

Dienstag, 28.08.2018

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bezeichnet "die politische Instrumentalisierung durch Rechtsextremisten" als "abscheulich". Wer Ausländer angreife, greife damit auch die offene Gesellschaft an, die man mit aller Kraft verteidigen werde.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilt die Proteste in Chemnitz: "Wir haben Videoaufnahmen darüber, dass es Hetzjagden gab, dass es Zusammenrottungen gab, dass es Hass auf der Straße gab, und das hat mit unserem Rechtsstaat nichts zu tun." Sie fügt hinzu: "Es darf auf keinem Platz und keiner Straße zu solchen Ausschreitungen kommen."

Getty Images

Die Polizei räumt unterdessen ein, dass sie zeitweise mit der Lage überfordert war. Innenminister Horst Seehofer (CSU) bietet den Beamten in Sachsen Unterstützung durch die Bundespolizei an.

Die Behörden starten Ermittlungen gegen Menschen, die den Hitlergruß gezeigt haben. Die Polizei spricht von zehn Personen, denen das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vorgeworfen wird. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden übernimmt die Ermittlungen zur Demonstration in Chemnitz am Montagabend.

Mittwoch, 29.08.2018

Ein Haftbefehl mit Details zu den mutmaßlichen Tätern taucht im Internet auf, er wird unter anderem auf Internetseiten der rechtsradikalen Gruppe "Pro Chemnitz", einem Kreisverband der AfD sowie des Pegida-Gründers Lutz Bachmann verbreitet.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) lehnt derweil den Asylantrag von Yousif A. ab - drei Tage nachdem er in Chemnitz zugestochen haben soll.Yousif A. war Ende Oktober 2015 aus dem Irak über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Bei seinem Asylverfahren legte er gefälschte Papiere vor, er ist mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und Drogendelikten, wegen Sachbeschädigung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

REUTERS

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer nimmt die Polizeiführung gegen Kritik in Schutz. "Die Polizei hat einen super Job gemacht", sagt der CDU-Politiker der "Bild"-Zeitung.

Mehrere Künstler wie die Toten Hosen, Marteria, Casper und Kraftklub kündigen für Montag ein Konzert gegen Fremdenfeindlichkeit an.

Donnerstag, 30.08.2018

Ein Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Dresden wird vom Dienst suspendiert. Er hatte den Haftbefehl veröffentlicht.

REUTERS

Während eines Bürgergesprächs mit Sachsens Ministerpräsident Kretschmer (CDU) und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) folgen rund 900 Menschen einem Protestaufruf von "Pro Chemnitz".

Gleichzeitig gibt es in anderen Städten Deutschlands Demonstrationen gegen Gewalt und Fremdenhass. In Berlin schließen sich rund 5000 Menschen einer Kundgebung an, in Münster demonstrieren rund 2000 Menschen gegen Rechtsextremismus.

Freitag, 31.08.2018

Die Ausschreitungen vom Anfang der Woche rufen den Generalbundesanwalt auf den Plan. Der Karlsruher Chefankläger leitet Vorermittlungen ein.

Das Schweizer Außenministerium rät Reisenden in einem Tweet zur Vorsicht: "#Deutschland: Lassen Sie in der Umgebung von Demonstrationen Vorsicht walten, da Ausschreitungen möglich sind."

hej/vks/dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.