Mosambikaner in Chemnitz Die neue, alte Heimat

Die Industriestadt Chemnitz ist seit Jahrzehnten Heimat vieler Arbeitsmigranten. Probleme gab es immer, auch zu DDR-Zeiten. Trotzdem wollen Menschen wie Damiao ihre Stadt nicht aufgeben.

Damiao aus Mosambik
Raphael Thelen

Damiao aus Mosambik

Von , Chemnitz


Das neue Bild von Chemnitz, das irgendwie auch das alte ist, drang bis ins Wohnzimmer von Damiaos Verwandten in Mosambik. Die Arme, die sich zum Hitlergruß hoben, die Schläge gegen Migranten, die tatenlose Polizei. Also bekam er einen Anruf von seiner Schwester: Was ist da los? Und: Willst du mit deiner Frau und deinen Kindern nicht zurückkommen?

Damiao will nicht. Er kam schließlich als junger Mann nach Sachsen, lebt schon seit mehr als 32 Jahren in Chemnitz. Und seine Frau Sabine will auch nicht weg. Denn wenn alle weggehen: Wie soll verhindert werden, dass die Rechtsradikalen und ihre Verbündeten von der AfD gewinnen? Doch dass Damiao und Sabine so überzeugt sind, heißt nicht, dass sie keine Angst haben. Deswegen wird ihr Nachname auch ungenannt bleiben. Und es heißt auch nicht, dass sie nicht auf ein bisschen Hilfe hoffen.

Als Vertragsarbeiter kam Damiao 1986 nach Zschopau bei Chemnitz. So wie er arbeiteten Zehntausende Männer und Frauen aus "sozialistischen Bruderstaaten" wie Kuba, Vietnam und Mosambik in der DDR.

In Damiaos Heimat herrschten Krieg und Dürre, nur knapp entkam er dem Militärdienst und fand einen Job als Hausjunge bei einem reichen Portugiesen. Dennoch hatte er in Mosambik nichts zu essen außer Weißkohl.

In Zschopau aß er sich zum ersten Mal seit Langem wieder satt. Er absolvierte bei der MZ-Motorenfabrik seine Ausbildung zum Lackierer. Noch heute schwärmt er von den Weltklasse-Motorrädern, die dort gebaut worden seien. Nicht mal die Amerikaner hätten so gute Crossmaschinen gebaut, und überhaupt sei vor der Wende Karl-Marx-Stadt das Paradies gewesen. Deutsche Freunde hätten ihn zum Grillen eingeladen, es gab Sportgruppen und Betriebsausflüge. Rassismus habe es sicherlich auch gegeben, aber der sei damals viel stärker geahndet worden. Deshalb habe er die Ressentiments nicht so gespürt.

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Beim Gottesdienst einer evangelischen Gemeinde lernte er seine spätere Frau Sabine kennen. Bald wurde sie schwanger, Hochzeiten zwischen Deutschen und Vertragsarbeitern waren aber nicht erlaubt. Es war der institutionelle Rassismus der DDR, die per Selbstdefinition "antifaschistisch" war und damit jede Diskussion und jede Kritik zu diesem Thema unterdrückte.

Die Hoffnungen waren groß

1989 ging Damiao mit seinen Kollegen auf die Straße, skandierte mit ihnen: "Wir sind das Volk!" Er ahnte nicht, dass sein Arbeitsvertrag in der Bundesrepublik nicht verlängert würde. Drei Monate nach der Geburt des ersten Kindes musste er nach Mosambik.

Er ergatterte ein Touristenvisum, kehrte zurück nach Deutschland, heiratete Sabine. Die Hoffnungen auf eine blühende Zukunft waren groß - stattdessen brach eine dunkle Zeit an. Die Privatisierungspolitik der regierenden CDU traf die Industriestadt Chemnitz mit voller Wucht. Unzählige Menschen verloren ihre Jobs und ließen ihre Wut an allem aus, was sie für fremd hielten.

Damiao arbeitete nach der Wende in Stuttgart. Wenn er am Wochenende nach Chemnitz kam, holte ihn seine Frau mit dem Taxi vom Bahnhof ab. Alles andere war zu gefährlich.

Einmal stand er am Bahnhof, als er einen Schlag von hinten abbekam. Er sah seine Angreifer nicht einmal, erlangte sein Bewusstsein erst im Krankenhaus wieder. Es folgten Jahre, in denen er mal im Westen und im Osten arbeitete, mal in Werkstätten, mal bei großen Unternehmen wie MAN.

Es ist besser geworden. Aber gut ist es nicht

"Ab 1994 ist es dann besser geworden mit dem Rassismus in Chemnitz", sagt er, heute 52, in der Küche seines Hauses in einer dörflichen Gegend am Stadtrand von Chemnitz. Vor dem Haus stapelt sich Brennholz, im Garten hoppeln Hasen durch ihre Ställe. Eine Katze streift um Damiaos Beine. Eine kleine Idylle. Doch seine Frau Sabine, 51, wiederspricht ihm: "Und was ist mit den Nachbarskindern, die vorbeikamen, als wir unser Haus bauten? Die sagten: 'Jetzt sind wir extra aus der Stadt weggezogen, und jetzt gibt's hier auch Ausländer.' Und was ist mit unserer Tochter, die vor zehn Jahren wegen ihrer Hautfarbe verprügelt wurde?"

Es ist besser geworden. Die beiden haben viele Freunde in der Stadt. Aber gut ist es nicht.

Wenn Damiao in eine Kneipe geht, wird er manchmal nicht bedient. Läuft er in der Stadt auf dem Bürgersteig und sieht eine Gruppe junger Männer, die rechtsextrem sein könnten, wechselt er die Straßenseite. Im Bus setzt er sich immer auf den Platz hinterm Fahrer aus Angst vor Übergriffen. Es hat auch viel damit zu tun, dass er infolge eines Aortarisses, eines Schlaganfalls und der vielen Medikamente, die er nehmen muss, geschwächt ist. Aber es sind auch Dinge wie der Besuch im Biergarten um die Ecke. Er wollte mit seinen Kindern Eis kaufen. Sie wurden beleidigt. Seitdem gehen sie nicht mehr hin.

Überhaupt die Kinder: Kommen sie auch nur fünf Minuten zu spät von der Schule heim, rufen Damiao und Sabine sie an.

Dann kam die vergangene Woche. Der rechte Mob, die Hetze, die spürbare Gefahr. Damiao war von der Heftigkeit überrascht. Sabine nicht. In einem sind sie sich einig: Chemnitz braucht mehr Polizei.

Wegziehen geht gar nicht

Gewalttätige Asylsuchende müssten härter bestraft werden, genau wie rechtsradikale Schläger und rechte Hetzer in den sozialen Netzwerken, wünscht sich Sabine. Es könne doch nicht sein, dass man einfach so eine Demo anmelde und dann marodierend durch die Stadt ziehe, ohne dass klar sei, was eigentlich vorgefallen ist. Es müsse manchmal ein bisschen härter durchgegriffen werden, findet sie. In der DDR sei das doch auch gegangen.

Und natürlich komme es auf die Menschen an. Sie waren nach dem Tod von Daniel H. auf keinem Treffen, keinem Konzert und keiner Demo, nur einen Friedensgottesdienst haben sie besucht. Denn da sei es um etwas Positives gegangen und nicht einfach gegen etwas.

Immer mit dem Finger auf andere zeigen oder erwarten, dass andere etwas tun, das gehe nicht, sagen beide. Und wegziehen schon gar nicht. Denn wenn alle Anständigen verschwinden, sei die Stadt bald eine No-go-Area.

Schließlich ist dieses Chemnitz, dieses alte und dieses neue, ihre Heimat.

Im Video: Die Hintermänner der Chemnitz-Krawalle

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werbinichschon 04.09.2018
1. is jetzt gut
langsam macht ihr Euch lächerlich, hat keiner behauptet, dass es keine gut integrierten Migranten gibt. Es gehe Ihnen gut.
yassineng 04.09.2018
2. Auch in anderen Städten
Ein Kumpel von mir aus Marokko hat in Leipzig studiert. Leider hat er viele schlimme Ereignisse erlebt. Neonazis waren mit Waffen unterwegs und haben Ausländer attackiert. Die Polizei hat nichts unternommenen und behauptet, dass sind keine Deutschen gewesen. Auch am hellen Tag und in der Straßenbahn wurde er mit einer Pistole bedroht. Das Problem ist sehr groß und die Sicherheitsorgane sind infiziert!
lathea 04.09.2018
3. Es ist schwer in einer solchen.....
......rassistischen Umgebung zu leben. Es ist dennoch schön zu wissen, dass die Partnerschaft hält und ich hoffe, auch noch lange halten wird und die gegenwärtigen perversen Nazi-Tumulte übersteht. In Chemnitz gibt es einfach zu wenig Migranten, damit sich die Chemnitzer an die moderne multikulturelle Gesellschaft gewöhnen und in der Gegenwart ankommen können.
Haudegen 04.09.2018
4. Im Mittelalter machte man Jagd auf Hexen ...
und heutzutage fokussiert ein Teil der Bevölkerung auf Migranten ohne Wenn und Aber. Es ist das gleiche Denkmuster. Migranten haben uns nichts weggenommen - im Gegenteil, sie werden bisher besser in den Arbeitsmarkt integriert als angenommen. Was aber die Armen ärmer gemacht hat und die Reichen reicher - das war eine Politik der sogenannten Volksparteien. Diese Politik gab es auch schon vor 2015. MfG
woodyallen 04.09.2018
5. Traurig
Es ist schon traurig, dass jemand, der über 30 Jahre in Deutschland ist, nur aufgrund seiner Hautfarbe nicht ohne Angst in seiner Stadt leben kann. Das ist Rassismus pur, und die AFD und ihre Anhänger stellen sich mit diesem braunen Mob zusammen in eine Reihe und finden das ganz normal, wie Herr Gauland sagt. Wer AFD wählt, wählt Rassisten!
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