Syrer Jaber al-Bakr Der Bombenbauer von Chemnitz

Der mutmaßliche Terrorist Jaber al-Bakr ist gefasst - dank des mutigen Einsatzes mehrerer Syrer. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang, doch er habe "überaus professionell" agiert.

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Fast 36 Stunden braucht die sächsische Polizei, um den Fahndungsaufruf für Jaber al-Bakr ins Arabische zu übersetzen. Um kurz nach 21 Uhr am Sonntagabend veröffentlicht die Behörde den Aufruf im Internet. Offenbar gerade noch rechtzeitig.

Denn nun werden drei Syrer auf die Fahndung aufmerksam, die al-Bakr am Sonntag am Leipziger Hauptbahnhof ansprach. Der Flüchtige war auf der Suche nach einem Schlafplatz und die Männer nahmen den Landsmann mit zu ihrer Wohnung in der Hartriegelstraße im Leipziger Stadtteil Paunsdorf. Irgendwann nach 21 Uhr, so die Vermutung, wird ihnen klar, wen sie da gerade beherbergen. Einer der Syrer läuft zur nächsten Polizeiwache, informiert die Beamten und zeigt ihnen ein Foto ihres Gastes. Derweil fesseln die beiden anderen Syrer al-Bakr mit einem Seil auf dem Sofa. Um 0.42 Uhr startet die Polizei den Zugriff und nimmt den mutmaßlichen Terroristen fest.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe leitet die Ermittlungen. Noch steht sie ganz am Anfang.

Das ist bislang über al-Bakrs Werdegang bekannt:

Er wird am 10. Januar 1994 in Saasaa, einer Kleinstadt südwestlich der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren. Am 18. Februar 2015 reist al-Bakr illegal nach Deutschland ein, Beamte der Bundespolizeiinspektion Rosenheim greifen ihn auf. Am 19. Februar wird er in München als Flüchtling registriert und einen Tag später nach Chemnitz überstellt. Dort stellt er einen Asylantrag, dem am 9. Juni 2015 stattgegeben wird. Seit dem 10. März 2016 lebt er in Eilenburg im Landkreis Nordsachsen. Nach Angaben des sächsischen Innenministers Markus Ulbig zeigt er keinerlei Auffälligkeiten.

Irgendwann in den vergangenen Wochen muss al-Bakr von Eilenburg nach Chemnitz gekommen sein. Dort findet er Unterschlupf bei einem Landsmann in dessen Wohnung in der Straße Usti nad Labem 97. Der 33-jährige Mieter, Khalil A., sitzt als Komplize in Untersuchungshaft, er wurde bereits am Samstag am Hauptbahnhof in Chemnitz festgenommen.

A. war am 25. November 2015 in Nordrhein-Westfalen als Flüchtling registriert worden. Er stellte am 18. Dezember 2015 einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Bad Berleburg, dem am 5. März 2016 stattgegeben wurde. Seit 29. März 2016 lebte er in Viersen, bevor er am 12. Juli 2016 nach Chemnitz umzog.

Ab Mitte September seien beim Bundesverfassungsschutz, dem Bundesnachrichtendienst und mehreren Landesämtern für Verfassungsschutz erste Hinweise zu al-Bakr eingegangen. Der Mann soll im Internet nach Anleitungen zum Bombenbau recherchiert und sich Grundstoffe für den Bau eines Sprengsatzes beschafft haben. Geheimdienstler oberservieren al-Bakr und machen dabei auch das Foto, mit dem später nach dem Verdächtigen gesucht wird.

Ihre Informationen gaben die Geheimdienste am Freitag an das Landeskriminalamt Sachsen weiter. "Es musste davon ausgegangenen werden, dass der Sprengsatz möglicherweise in Form einer Sprengstoffweste kurz vor der Fertigstellung steht oder bereits einsatzbereit ist", sagte der Präsident des sächsischen LKA, Jörg Michaelis.

Deshalb entschieden sich die Ermittler zum schnellen Handeln: Ab Freitagabend observierten die Polizeibeamten das Haus in der Chemnitzer Fritz-Heckert-Siedlung. Allerdings hätten die Ermittler nicht herausgefunden, in welcher Wohnung sich al-Bakr aufhielt. Deshalb habe man sich bewusst dafür entschieden, eine "Zugriffsvariante außerhalb des Gebäudes durchzuführen", um Anwohner nicht zu gefährden, so LKA-Chef Michaelis.

Im Video: LKA-Chef zum bisherigen Stand der Ermittlungen

"Extrem gefährlicher Sprengstoff"

Als al-Bakr die Wohnung schließlich verließ, hätten die Beamten ihn aufgefordert stehenzubleiben. Da er nicht reagiert habe, wurde ein Warnschuss abgegeben. Auch darauf habe al-Bakr nicht reagiert. Eine "Schussabgabe" auf den Fliehenden sei nicht möglich gewesen, weil zu riskant.

In der Wohnung von Khalil A. fanden die Ermittler nach Angaben der Bundesanwaltschaft rund 1,5 Kilogramm "extrem gefährlichen Sprengstoffs" sowie "weitere Materialien, die unter anderem zur Herstellung einer Sprengstoffweste geeignet sind".

Aufgrund dieser Tatsache sehen die Behörden einen Zusammenhang zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). "Die Vorbereitungen in Chemnitz ähneln nach allem, was wir heute wissen, den Vorbereitungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Nach Angaben der Polizei hatte al-Bakr den Sprengstoff TATP hergestellt. In den Sprengstoffgürteln der IS-Attentäter im Pariser Bataclan wurden TATP-Rückstände gefunden; auch im Versteck der Attentäter von Brüssel entdeckten Ermittler den Sprengstoff und Zutaten dafür. TATP lässt sich aus den leicht erhältlichen Chemikalien Aceton, Wasserstoffperoxid und Schwefelsäure herstellen, ist nicht besonders geruchsintensiv und daher mit herkömmlichen Suchmethoden nicht zu erkennen.

Al-Bakr habe "überaus professionell" agiert, so die Bundesanwaltschaft. Diese Vorgehensweise und das Verhalten des Verdächtigen sprächen derzeit für einen "IS-Kontext", sagte LKA-Chef Michaelis. Allerdings ist derzeit nicht bekannt, ob al-Bakr in direktem Kontakt mit IS-Kommandeuren in Syrien und dem Irak stand. Völlig offen ist bislang auch, ob al-Bakr von der Terrororganisation gezielt als Schläfer nach Deutschland geschickt wurde, um hier Anschläge zu verüben, oder ob er sich erst nach seiner Flucht radikalisierte. Erkenntnisse über ein konkretes Ziel haben die Ermittler bislang nicht.

Der IS selbst hüllt sich bislang in Schweigen. Weder die Terrororganisation selbst noch Unterstützer aus dem Umfeld haben sich bislang zum Fall al-Bakr geäußert.

Die Behörden fürchten aber, dass die syrischen Hinweisgeber, die al-Bakr der Polizei auslieferten, nun selbst ins Visier des IS geraten könnten. Zu ihrem Schutz werden sie deshalb abgeschirmt.


Zusammengefasst: Nach der Festnahme von Jaber al-Bakr in Leipzig sehen die Ermittler einen Zusammenhang mit der Terrororganisation "Islamischer Staat", Belege für einen direkten Kontakt zwischen dem Syrer und den Dschihadisten gibt es bislang aber nicht. Zudem ist noch unklar, wo der 22-Jährige seinen Sprengsatz zünden wollte.

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