Chemnitz Ein Stadtfest außer Kontrolle

Ein tödlicher Messerangriff, spontane Demos von Rechten und ein Mob in der Innenstadt: In Chemnitz arbeiten die Behörden das Chaos auf - und bereiten sich auf neue Kundgebungen vor. Der Überblick.

Stadtfest in Chemnitz
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Stadtfest in Chemnitz


Eigentlich hätte es ein Fest für alle Chemnitzer werden sollen: Die sächsische Stadt wollte am Wochenende ihr 875-jähriges Jubiläum feiern. Doch das Stadtfest musste am Sonntag fünf Stunden vor dem eigentlich geplanten Ende abgebrochen werden.

Der Grund: Ein tödlicher Messerangriff in der Nacht zu Sonntag und ein spontaner Aufmarsch Hunderter Menschen, unter ihnen viele Rechtsextreme. Viele Fragen sind offen. Der Überblick.

Was ist passiert?

Es war ein verhängnisvoller Streit: Am frühen Sonntagmorgen, gegen 3.15 Uhr, kam es nach Polizeiangaben in der Innenstadt zu einer Auseinandersetzung. Daran waren maximal zehn Personen beteiligt. Sie sollen aus unterschiedlichen Ländern stammen. Mehrere Personen waren danach vom Tatort geflohen.

Welche Folgen hatte der Streit?

Ein 35-jähriger Deutscher wurde mit einem Messer attackiert. Er erlag seinen Wunden im Krankenhaus. Zwei weitere Männer im Alter von 33 und 38 Jahren wurden zum Teil schwer verletzt. Es soll sich bei ihnen ebenfalls um Deutsche handeln.

Die Polizei hat zwei Männer vorläufig festgenommen. Angaben zu den Nationalitäten machte sie zunächst nicht. Am Montagnachmittag gaben die Behörden schließlich bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen zwei Tatverdächtige beantragt habe. Wie die Behörde mitteilte, wurden am Nachmittag ein 23-jähriger Syrer und ein 22 Jahre alter Iraker dem Haftrichter vorgeführt. Den Männern wird gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen.

Was war der Auslöser der tödlichen Auseinandersetzung?

Die Behörden haben sich bislang noch nicht dazu geäußert - aber davor gewarnt, sich an Spekulationen zu dem Vorfall zu beteiligen. Es gebe "keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausging", twitterte die Polizei bereits am Sonntagnachmittag.

Zuvor hatten Informationen im Internet kursiert, dass der Grund für die Auseinandersetzung eine Belästigung von Frauen gewesen sei; der Niedergestochene habe helfen wollen, hieß es.

Welche Reaktionen gab es auf den Vorfall?

Laut der Polizei hatte es am Sonntag mehrere Aufrufe im Internet gegeben, sich in der Innenstadt einzufinden. Den Angaben nach hatten sich daraufhin zunächst gegen 15 Uhr rund 100 Menschen versammelt. Dies sei störungsfrei verlaufen.

Dieser Demonstration folgte eine weitere Versammlung um 16.30 Uhr. Zu dieser Versammlung hatte nach Angaben der "Freien Presse" die rechte Ultra-Fußballvereinigung "Kaotic Chemnitz" aufgerufen. "Lasst uns zusammen zeigen, wer in dieser Stadt das Sagen hat", lautete der Aufruf nach Medienberichten. An dieser zweiten Versammlung nahmen laut Polizei rund 800 Personen teil.

Neben "Kaotic Chemnitz" gibt es in der Stadt noch die Ultra-Fußballfangruppe "New Society". Deren Anhänger bezeichnen sich auch als "NS-Boys", verwenden Abbildungen aus NSDAP-Propaganda und haben seit 2006 Stadionverbot. Die Szene ist aber mit schätzungsweise 50 Mitgliedern sehr klein. Chemnitz gilt seit Jahren als Hochburg der rechten Szene. Für das NSU-Terrortrio um Beate Zschäpe war keine Stadt von so großer Bedeutung wie Chemnitz. (Hier lesen Sie mehr zu den Hintergründen)

Was passierte bei der Demonstration?

Die Gruppe der zweiten Demonstration zog durch die Innenstadt. Wie die "Bild" berichtete, sind unter den Demonstranten "gewaltbereite Rechte" gewesen, die gegen Ausländerkriminalität protestierten und Sprüche wie "Wir sind das Volk" skandierten. Der MDR berichtete von Rangeleien.

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Chemnitz: Eskalation in der Innenstadt

Der freie Journalist Johannes Grunert war während des Aufmarsches vor Ort, er berichtet regelmäßig über die rechte Szene. Die aggressive Gruppe habe eine Polizeikette durchbrochen. In der Nähe der Chemnitzer Zentralhaltestelle sei der harte Kern des Aufmarsches dann plötzlich losgesprintet, habe Jagd auf ausländisch aussehende Menschen gemacht. "Sie sind auf jeden losgestürmt, der nicht Deutsch aussah", sagte Grunert dem SPIEGEL. Ein weiterer Augenzeuge berichtete dem MDR, einzelne Gruppen seien mit dem Ruf "Kanakenklatschen!" umhergerannt.

Die Berichte, wonach es zur Jagd auf Migranten gekommen sei, wollte die Polizeisprecherin im Gespräch mit dem SPIEGEL weder dementieren noch bestätigen. Es habe aber "sicherlich Kontakt" zwischen den Aufmarschierenden und Unbeteiligten gegeben. Zurzeit würden die Beamten befragt und Videos gesichtet. Eines, das gegenwärtig besonders im Netz verbreitet wird, zeigt, wie eine Gruppe Männer auf einen Mann zu rennt, diesen verjagt.

"Die Personengruppe reagierte nicht auf die Ansprache durch die Polizei und zeigte keine Kooperationsbereitschaft", teilte die Polizei mit. Die Gruppierung habe sich plötzlich in Bewegung gesetzt. Die Polizei sei zunächst nur mit geringen Kräften vor Ort gewesen, hieß es weiter. Nach Angaben der "Freien Presse" sollen es zu Beginn 50 Beamte gewesen sein. Weitere Einsatzkräfte kamen zu diesem Zeitpunkt aus Dresden und Leipzig. Die Ansammlungen hatten sich am Abend nach und nach aufgelöst.

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zeigte sich im MDR entsetzt: "Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen - das ist schlimm."

Wie geht es weiter?

Es werden laut Polizei vier Anzeigen bearbeitet. Eine Sprecherin sagte dem SPIEGEL, bisher hätten zwei Personen - aus Deutschland und aus Syrien - Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Eine weitere Person bulgarischer Nationalität habe Anzeige erstattet, weil sie bedroht worden sei.

Eine weitere Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte werde bearbeitet. In der Nacht habe es keine weiteren Vorkommnisse gegeben, teilte die Polizei mit. Neue Erkenntnisse zur Tat gab es am Montagmorgen zunächst nicht.

Die Polizei hat zudem Gerüchte über ein zweites Todesopfer dementiert. "Entgegen anderslautenden Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall", schrieb die Polizei am Montagvormittag bei Twitter. Damit reagierten die Beamten auf Gerüchte, die in sozialen Medien verbreitet wurden.

Das Bündnis "Chemnitz Nazifrei" hat nach Angaben der "Freien Presse" für 17 Uhr zu einer Demonstration aufgerufen. Ziel der Veranstaltung sei es, gegen die Vereinnahmung des Gewaltverbrechens durch rechte Gruppierungen zu protestieren. Die rechtspopulistische Gruppe "Pro Chemnitz" will um 18.30 Uhr ebenfalls eine Demo in der Chemnitzer Innenstadt veranstalten.

Chaotische Szenen aus Chemnitz

Twitter/GodCoder

Die Bundesregierung hat die Vorfälle in Chemnitz mittlerweile als "Hetzjagden" auf Ausländer scharf verurteilt. "Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, das nehmen wir nicht hin", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Bundesregierung verurteile dies "auf das Schärfste".

dop/slü/vks/dpa/Reuters/AFP

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