Eskalation in Chemnitz Immer wieder Sachsen

Ein Toter, tausend Gerüchte: In Chemnitz eskaliert ein Stadtfest. Schon wieder Sachsen, das deutsche Problemland. Der Freistaat ist wie das Internet. Nur in echt.

Polizisten und Bürger am Tatort in Chemnitz
DPA

Polizisten und Bürger am Tatort in Chemnitz

Eine Kolumne von


Wo sind wir? Ein Mann ist getötet worden. Noch ist nichts Genaues über Umstände oder Täter bekannt. Aber das Gerücht explodiert: Es war ein Ausländer. Der Mob sammelt sich. Hunderte in kurzer Zeit. Sie ziehen durch die Stadt. Beobachter sprechen von einer Jagd auf "Ausländer". Ein Stadtfest wird vorzeitig abgebrochen. Die Polizei scheint überfordert. Wo sind wir? In Chemnitz. In Sachsen. Natürlich. Immer wieder Sachsen.

Sachsen ist wie das Internet. Nur in echt. Der ganze niedrige Hass, der sich im Netz Bahn bricht - in Sachsen kann man ihn auf der Straße sehen. Die Videos aus Chemnitz zeigen sie ja, die dicken, stiernackigen Männer, die mit ihren Glatzen aussehen wie Pimmel mit Ohren - allerdings Pimmel mit Sonnenbrillen. Sie sind das Fleisch gewordene Rülpsen und Tölpeln, das die sozialen Medien durchflutet. Es spricht tatsächlich viel dafür, dass nicht diese Leute das Netz ruinieren - sondern dass das Netz diese Leute ruiniert.

Das Netz bietet diesen Menschen die rechten Dunkelkammern, in denen sie sich nach Taten wie der von Chemnitz über die Nichtberichterstattung der Tagesschau beschweren. Die Zeit, die verantwortungsvoller Journalismus braucht, wollen diese Leute ihm natürlich nicht einräumen.

Ihre hechelnde Gier kennt weder Geduld noch Gedanken.

Was man in Chemnitz am Wochenende beobachten konnte, war die Manifestation der parallelen Netzgesellschaften, mit denen sich die liberale Medienkritik so lange schon befasst. Aber je länger man von parallelen Gesellschaften spricht, desto mehr stellt sich die Frage, welche Gesellschaft die eigentliche ist. Und da wird das Missverständnis immer größer. "Wir erreichen die nicht mehr", denken die Leute in den Redaktionen über den rechten Mob. Und dasselbe denkt der rechte Mob über die Leute in den Redaktionen: "Wir erreichen die nicht mehr".

Und in Sachsen erst recht. Sachsen ist das Problemkind unter den neuen Bundesländern. Nach der jüngsten Umfrage ist die AfD zur Zeit zweitstärkste Partei hinter der CDU. Bei der Bundestagswahl erreichte sie sogar noch mehr Stimmen.

Osten, der von der liberalen Demokratie des Westens nichts wissen will

Wenn in Sachsen im kommenden Jahr gewählt wird und bis dahin kein Elbsandsteinwunder geschieht, dann werden ganz sonderbare, noch nie dagewesene Koalitionen notwendig sein, um die AfD von der Regierung fernzuhalten. Aber warum soll man die AfD fernhalten? Ist doch alles Demokratie, oder? Ja, so kann man das sehen. Dann wird eben in Sachsen - im kleinen Maßstab - vollzogen, was in Teilen Osteuropas bereits erfolgt ist: die Auflösung der Demokratie mit ihren eigenen Mitteln.

Sachsen ist tatsächlich das deutsche Ungarn. Ein Osten, der von der liberalen Demokratie des Westens nichts wissen will. Vom Westen will man dort nur das Geld - nicht die Werte.

Es ist ja erst ein paar Tage her, dass die Polizei in Sachsen während einer Pegida-Demonstration ein Team des ZDF an der Arbeit hinderte. Auf dringende Bitte eines Demonstranten hin - der sich später als Mitarbeiter des LKA erwies. Auch das wieder eine Posse, die man sich nur in Sachsen vorstellen kann.

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Ich hatte danach über Sachsen bei Twitter geschrieben "...vielleicht könnte man dort eine rechts-autonome Republik ausrufen? Und alle AfD-Wähler ziehen freiwillig dorthin. Sie könnten sich auch eine Mauer bauen. Gegen Westdeutsche und andere Migranten." Das war nicht ernst gemeint, nur ein bitterer Scherz. Aber wie groß war dann die Resonanz der rechten Sympathisantenszene, die sich den Vorschlag gerne zu eigen machen wollte: Ein volksdeutsches Sachsen, in dem kein Platz mehr ist für "Bereicherer" und linksgrünversiffte Journalisten.

Gilt das für ganz Sachsen? Natürlich nicht. Es gibt, zumal in Dresden, eine wunderbare bürgerliche Kultur der Hilfe, der Tradition, der Aufklärung. Es gibt dort einen bedeutenden internationalen Friedenspreis, den James Nachtwey erhalten hat, Daniel Ellsberg, Daniel Barenboim. Gebürtige Dresdner wie der Bürgerrechtspolitiker Gerhart Baum halten zu ihrer Stadt. Eine lebendige Zivilgesellschaft kümmert sich um Flüchtlinge, um Bedürftige.

Nein, es ist nicht ganz Sachsen verloren. Aber Demokrat in Sachsen - das ist ein einsamer Posten.

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insgesamt 278 Beiträge
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Seite 1
nordschaf 27.08.2018
1.
Es tut mir leid um die Demokraten, Humanisten und sonstigen anständigen Leute, die es in Sachsen zweifelsohne auch geben wird. Grob gesehen muss mal allerdings sagen, dass Sachsen das lebendige Zeichen dafür ist, wie mal wieder aktive Integration nicht stattgefunden hat. In diesem Fall die Integration der Bürger aus dem nichtdemokratischen Staat DDR in die westlich orientierte Bundesrepublik. Zwei Systeme, aus denen ein neues gemeinsames Deutschland hätte entstehen sollen. Rückblickend muss man wohl zugeben, das das nicht geklappt hat. D-Mark und Soli waren eben nicht das EInzige, was es gebraucht hätte.
CancunMM 27.08.2018
2.
Jetzt wundern sich alle. Da werden viele Jahre lang Rechtsradikale in Ruhe gelassen und straffällig gewordene Ausländer nicht abgeschoben. Mich ekeln diese braune Horden an, aber wenn der Staat ein Vakuum entstehen lässt, dann füllt dieses Vakuum jemand. Und das sind nun die Nazis.
urbanism 27.08.2018
3. das Problem liegt in Berlin
die Frage ist doch, warum tut die Bundesregierung nichts in Sachsen. Seelenruhig schaut man in Berlin zu wie sich Sachsen und andere Ostdeutsche Bundesländer zur braunen Leitkultur entwickeln. Das Problem ist doch, das im Rahmen der Wiedervereinigung der Osten komplett auf der Strecke geblieben ist. Man hat Gedacht, mit den Soli Investitionen stellen wir die Ossis ruhig und machen ihn Glücklich. Dabei hat man aber komplett übersehen dass den Menschen ihre Identität gestohlen worden ist. Massenabwanderungen nach Westdeutschland, niedrigeres Lohn- und Rentenniveau im Vergleich zum Westen sind hierfür der beste Beweis. Das Problem der Berliner Bundespolitik ist, dass sie überall ausbeutet und wenn die Karre kaputt ist, dann wird hilfesuchend nach dem Rechtsstaat gerufen der zuvor relativ dehnbar ausgelegt wurde. Das Problem liegt m.E. in Berlin aber nicht in den Bundesländern!! Im übrigen, Sonnenbrillenträger gibt es auch zu Hauf bei den Linksautonomen.
leiendeu 27.08.2018
4. Was ist zu tun?
Herr Augstein hat ja recht, wenn er diese widerliche Hetzjagd in Chemnitz entschieden verurteilt. Nur liefert er, wie immer in seinen Kommentaren, nicht einen Ansatz, wie diesen unsäglichen Problemen begegnet werden soll. Die Politik ist jetzt am Zug, denn die Probleme der unkontrollierten Einwanderung von 2015 sind bis heute nicht gelöst. Die Menschen erwarten Antworten auf dringende Fragen. Wenn Frau Merkel & Co. nicht schnell Lösungen schaffen (z.B. Einwanderungsgesetz), dann wird der in Chemnitz nicht der einzige Vorfall dieser Art in Deutschland bleiben. Der zynische 'Augstein-Mauerbau' hilft da nicht weiter - er spaltet die Menschen und macht Angst.
johannes.ruppert 27.08.2018
5. Die eigenen Artikel lesen
Lieber Herr Augstein, Ich stimme Ihnen in allen Punkten uneingeschränkt zu, finde es aber doch irritierend, dass über die mutmaßlichen Täter noch nichts bekannt sein soll. Ihre Kolumne wurde laut Zeitstempel um 14:49 Uhr veröffentlicht. Eine gute halbe Stunde früher, um 14:21 Uhr findet sich bereits auf der Startseite von Spiegel Online eine Nachricht, in der die Staatsanwaltschaft wegen Tatverdacht in dieser Sache Haftbefehle gegen einen 23jährigen Syrer und einen 22jährigen Iraker beantragt hat. Wie kann es da sein, dass Ihnen über die mutmaßlichen Täter nichts bekannt ist, ihre eigene Redaktion allerdings Nachrichten über selbige veröffentlicht? Vielleicht können Sie diese Information ja als Update in Ihren Beitrag einbauen, damit er nicht durch mediale Schnelllebigkeit bereits jetzt als veraltet gilt.
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