Demonstrationen Tausende Menschen zogen durch die Straßen von Chemnitz

Wieder standen sich in Chemnitz zwei Lager gegenüber: Nachdem Tausende Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit protestierten, liefen rechte Demonstranten durch die Stadt. Ihr Zug kam nach kurzer Zeit zum Stehen.

Chemnitzer auf der Demonstration (kein Symbolfoto)
DPA

Chemnitzer auf der Demonstration (kein Symbolfoto)


In Chemnitz sind rund 8000 Menschen verschiedener Lager bei einer Serie von Kundgebungen auf die Straße gegangen. Nach den tödlichen Messerstichen und den anschließenden ausländerfeindlichen Ausschreitungen nahmen laut der Stadt Chemnitz rund 4500 Menschen an einem gemeinsamen Marsch der AfD und des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida teil, dem sich auch Demonstranten der rechtsradikalen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" anschlossen.

Sie wollten an das 35-jährige Opfer Daniel H. erinnern, der am Rande eines Stadtfestes mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer tödlich verletzt wurde. Zudem demonstrierten sie gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

Zu einem zeitgleichen Protest für Frieden und gegen Ausländerfeindlichkeit kamen den Angaben zufolge rund 4000 Menschen auf einen Parkplatz bei der Johanniskirche. In den Nebenstraßen wurden zudem weitere hundert Teilnehmer gezählt.

"Von Sachsen und Chemnitz muss heute die klare Botschaft ausgehen: Wir werden mit allen Mitteln des Rechtsstaates den rechten Hetzern entgegentreten", sagte Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig bei der "Chemnitz-Nazifrei-Veranstaltung", zu der auch Landes- und Bundespolitiker erschienen.

Video: Der Tag in Chemnitz

AfD-Pegida-Demonstration beendet

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen wurde die Stimmung in der Stadt angespannter. Der Zug mit rechten Demonstranten kam am frühen Abend nur stockend voran. Nach einem verspäteten Start wurde der Marsch kurz vor dem Denkmal mit dem Karl-Marx-Kopf wieder gestoppt und schließlich unter lautstarkem Protest abgebrochen. Wasserwerfer fuhren auf. Polizei und zahlreiche Demonstrationsteilnehmer standen sich auch nach Abbruch der Veranstaltung angespannt gegenüber.

Fotostrecke

15  Bilder
Demos in Chemnitz: Zwei Lager, eine Stadt

Wie die Polizei mitteilte, versuchten Gegendemonstranten auf die Strecke zu gelangen. "Unsere Einsatzkräfte werden teilweise gezwungen, unmittelbaren Zwang einzusetzen! Noch mal unser Aufruf, bitte bleibt gewaltfrei!", schrieb die Polizei auf Twitter. Auch an anderen Stellen der Stadt musste die Einsatzkräfte nach eigenen Angaben teilweise eingreifen.

"Wir haben die Lage aber voll im Griff"

Nachdem sich die Demonstration der Rechten aufgelöst hatte, traten am späten Abend viele Teilnehmer die Heimreise an. Der überwiegende Teil verhalte sich friedlich, es habe aber auch vereinzelte Scharmützel zwischen den beiden Lagern gegeben. "Wir haben die Lage aber voll im Griff", sagte ein Polizeisprecher.

Mehr als 100 Teilnehmer aus dem Kreis der Rechten machten sich unter den Rufen "Wir sind das Volk" nach Angaben von Augenzeugen aber zu einer Spontandemonstration zum Tatort auf.

Die Beamten zeigten in Chemnitz starke Präsenz, unter anderem mit berittenen Beamten, Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen. Sie wurden von Kräften aus mehreren Bundesländern und von der Bundespolizei unterstützt.

Auch die Rettungsdienste der Stadt waren im Dauereinsatz. Bis 21 Uhr rückten sie 17 Mal aus, teilte die Stadt Chemnitz mit. Elf Personen seien ins Krankenhaus eingeliefert worden. Zudem wurde auch die Feuerwehr zu einem Einsatz gerufen.

Fotostrecke

13  Bilder
Chemnitz: Chronologie der Ausschreitungen

Polizei ermittelt zu Angriff auf MDR-Kamerateam

Unterdessen ermittelt die Chemnitzer Polizei nach der Anzeige eines MDR-Teams zu einem Vorfall in einer Privatwohnung am Rande der Demonstrationen. Zu Details konnte eine Sprecherin noch nichts sagen. Der Sender selbst sprach von einer "Attacke" und einem Angriff auf zwei erfahrene Reporter, wobei einer verletzt wurde.

In einem Video, das der Sender per Twitter teilte, erzählte einer der Journalisten, dass die Reporter bei Anwohnern geklingelt und gefragt hätten, ob sie vom Balkon aus filmen dürften. "Nein, kein Problem, kommt hoch", schilderte André Berthold von "MDR aktuell" in dem Video die Situation. Ein Jugendlicher habe die Tür geöffnet und den Weg zum Balkon gewiesen, sie hätten Aufnahmen gemacht. Laut MDR hatten sich die Kollegen auch ordnungsgemäß vorgestellt.

"Plötzlich stand ein Mann hinter uns, sehr kräftig, hat uns von hinten am Schlafittchen gepackt und rausgezogen, die Kamera aus der Hand geschlagen und einen Kollegen die Treppe runtergestoßen", schilderte er den Hergang. Der Kollege sei stark an der Hand verletzt und habe auch eine Beule, die Kamera sei kaputt. "Der Vorfall mit dem Kamera-Team des MDR wird durch die Polizei untersucht. Eine Einordnung ist bis zur endgültigen Prüfung nicht möglich", twitterte der MDR.

sen/dpa/AFP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.